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Der neue Mensch Was nicht sterben kann

Den alten Adam abschaffen, den Neuen Menschen kreieren: Eine Geschichte zwischen Wunschfantasien und Heilsversprechen.

Die „Gläserne Frau“
Die „Gläserne Frau“ in der Dauerausstellung „Der Mensch“ des Deutschen Hygienemuseums Dresden. Foto: epd

Die Unruhe muss groß gewesen sein, die Unzufriedenheit noch größer. So konnte es nicht weitergehen! Also kam der Tag, an dem der alte Adam sich aufgefordert sah, sich neu aufzustellen. Ja, der Mensch hat sich immer schon einiges vorgenommen – aber übernommen hat er sich auch.

Wie auch immer, es kam die Stunde, in der er sich sagte: Du musst dein Leben ändern! So kann die Botschaft bis in biblische Zeiten zurückverfolgt werden. Metamorphosen im Alten Testament, Erzählungen vom Neuen Menschen im Neuen Testament. Texte der Neuerfindung des alten Adam sind seitdem fleißig verbreitet worden, in jeder Religion. Denn keine Geschichte der Religionen, die nicht auch eine Geschichte der Suche nach dem Neuen Menschen ist. Wiedergeburt und Erlösung waren die großen Verheißungen, an Wiedergeburt und Erlösung hat sich das Heilsziel der Gläubigen immer schon orientiert. Etwa ein Herbert Marcuse, an dessen Umsturzgedanken Antiautoritäre zu Zehntausenden glaubten. In der Rückblende dann die große Desillusionierung, so auch bei Stephan Wackwitz, der in seinem Roman-essay „Neue Menschen“ erzählt, wie sehr die marxistisch-leninistische Fraktion innerhalb der Neuen Linken vom Trachten nach der Weltrevolution verhext wurde.

Beide, Marcuse wie Wackwitz, spielen in dem Essay von Hans-Joachim Hahn eine prominente Rolle. Wo doch Wackwitz 2005 das eine oder andere Manifest zur Perfektionierung des Menschen rekonstruierte. Ein brillantes Buch über das „schauernde Einswerden mit dem Absoluten“. Wackwitzens Bildungsroman berichtete noch einmal vom Langen Marsch durch den „deutschen Geistestotalitarismus“.

Auch die aufgeklärte Moderne wollte die Heilserwartung nicht aufgeben, im Gegenteil. Gerade die Geschichte der säkularen Heilsversprechen im 20. Jahrhundert belegt, wie sehr an einem Heilsplan festgehalten wurde, energisch, allgemein verbindlich, so totalitär wie tödlich. Im Namen der Abschaffung des alten Adam propagierten Kommunismus und Nationalsozialismus ihre Programme, Massenvernichtungsprogramme.

Deshalb ist es durchaus erstaunlich, wenn Hahn auf der Frage beharrt: „Hat der Neue Mensch sein utopisches Potential in den ästhetischen, nationalen und totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts endgültig aufgebraucht?“ Als Literaturwissenschaftler greift Hahn in seinem Essay weit aus. So steht am Anfang des Neuen Menschen die Bibel, natürlich mit dem alten Adam, aber auch mit der Neuerfindung dieser Urgestalt. Die Bibel ist auch eine Erzählung der Metamorphosen des Menschen, unüberhörbar der immer wieder an ihn gerichtete Appell: Unternimm was!

Mache einen Schnitt! Nicht anders hat ein Erzähler bereits vor rund 2000 Jahren das Programm beschrieben, der Apostel Paulus im Brief an die Epheser. Die Neuerfindung des Menschen wird als erstaunlich schlichte Handlung dargestellt, deren Aufwand als nicht übermäßig groß: „Leget von euch ab den alten Menschen mit seinem vorigen Wandel (…) und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist.“

Die Metamorphose als Kleiderwechsel. Natürlich ist dies eine Metapher, wie alle großen Metaphern ein eindringliches, ein bedrängendes Bild. Der Mensch, der so schlecht aus seiner Haut kann, wechselt die zweite Haut. Der Bogen, den Hahn bei seiner Skizze spannt, reicht von der religiös motivierten Neuwerdung in den jüdischen-apokalyptischen Naherwartungsszenarien vor 2500 Jahren über diejenigen der jüngeren Zeit, darunter die apokalyptischen Ängste des Atomzeitalters, bis zu den Entwürfen der Genmanipulation und den Dystopien eines Michel Houellebecq.

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