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Der explodierende Baumkuchen

Das Architektur-Museum widmet Engelbert Kremser eine Ausstellung, einem Visionär naturverbundenen Bauens

22.02.2006 00:02
DANIEL BARTETZKO
Liebe Berliner, wär das nicht was gewesen? 1969 machte Engelbert Kremser diesen Vorschlag für ein anderes Europacenter. Foto: Museum

Das Bild zeigt etwas, das wie ein buntes Gewölbe aussieht. Vielleicht ist es das, was der Prophet Jonas im Inneren des Wals erblickte. Vielleicht auch das, was der kleine Kevin in seinem Kindergarten sieht, wenn er den Blick an die Decke richtet. Der Traum vom Raum hat es der Architekt Engelbert Kremser genannt. Und die vieldeutige Träumerei geradezu herausgefordert.

Das Deutsche Architektur-Museum (DAM) in Frankfurt zeigt nun die Arbeiten Kremsers - einer der ungewöhnlichsten und eigenwilligsten seiner Zunft - in der Ausstellung "Anstiftung zum Raum". Gebaut hat der 67-Jährige nicht viel, das meiste Anfang der Siebziger in Westberlin. Als Visionär eines naturverbundenen Bauens und Kritiker der bürokratisch-anonymen modernen Architektur war er willkommen. Für Bauherren und Stadtplaner aber waren die Entwürfe damals zu abenteuerlich. Nur da, wo Schräges und Skurriles ohne Argwohn akzeptiert wurde, konnte er schließlich Projekte verwirklichen. Etwa ein Café für die Bundesgartenschau 1985 oder ein Kinderspielhaus im Märkischen Viertel (1973). Pittoreske, organisch geformte Bauwerke; eher Skulptur als Gebäude.

Entstanden sind sie auf ungewöhnliche Weise. Am Anfang stand ein Haufen Erde. Diesen formte Kremser mit Harke, Schaufel und Hand, dann wurde eine Stahlarmierung angebracht und eine Betonschicht darüber gegossen. Nach dem Aushärten und Abtragen der Erdschicht stand die Hülle des Gebäudes: Der handgeformte, organische Positivabdruck von Mutter Erde. Trotz Geistesverwandtschaft gerieten seine Bauten nicht so groß und dramatisch wie die von Antonio Gaudi, nicht so karikaturenhaft wie die von Friedensreich Hundertwasser. Dessen kommerzielles Potential besaß Kremser auch nicht, und so geriet er zu Zeiten, als die Postmoderne einen milderen Kompromiss zwischen rationaler und emotionaler Architektur verhieß, beinahe in Vergessenheit.

Sehr zu Unrecht, wie der Blick auf die Ausstellung schnell merken lässt. Und dies liegt nicht so sehr an den realisierten Bauten des ehemaligen Scharoun-Mitarbeiters. Man kann sie mögen, als zeitgeschichtlichen Ausdruck ansehen. Man kann sie aber auch ablehnen als Behübscherei in der Art Hundertwassers. Als Vordenker und Maler von phantasievollen Gegenentwürfen zur überstrukturierten, unwirtlichen Stadt hingegen hat Kremser nichts von seiner Aktualität verloren. Seine eigene Vorstellung von (Lebens-)Raum hat er in zahlreichen Ölbildern festgehalten. Sie bilden gemeinsam mit einer Reihe von Collagen den Schwerpunkt der Ausstellung im DAM.

Es sind keine Projektentwürfe, keine fertig ausgearbeiteten Details, die dort abgebildet sind. Dafür vermitteln die Bilder, mit stark verdünnter Farbe auf Kunststofffolien gemalt, dreidimensionale Eindrücke letztlich imaginärer, phantastischer Räume. Der Betrachter wird selbst angestiftet, sie zu deuten und zu erkennen: Als Inneres eines Wals, Mittelpunkt der Erde, Gletscherhöhle oder - und hier kehrt die Realität zurück - Hans Poelzigs Tropfsteinhöhlen-Saal im Schauspielhaus in Berlin (1918). Echtes Vergnügen gar bereiten die großformatigen Collagen, auf denen Kremser ausgewählte, kistenförmige Berliner Gebäude durch eigene Entwürfe ersetzte. Nicht ohne Polemik war dies, doch auch Ausdruck phantasievoller Ablehnung: Sein neues Café Kranzler steht am Kudamm wie ein notgelandetes UFO, sein Europacenter ragt hinter der Gedächtniskirche wie ein explodierender Baumkuchen empor.

Doch bei aller Poesie: auch wenn Kremsers meisterliche Bilder als Kunst Bestand haben, sind sie doch das Werk eines Architekten. Vieles, was in diesen Arbeiten angedeutet ist - Dekonstruktion, der Blob - hielt wenige Jahre später Einzug in die Formensprache des Bauens und Entwerfens. Das klotzige Europacenter aber steht noch immer unverändert.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Architektur

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