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Demontage des Sozialstaates Faust aufs Auge der Demokratie

Es hätte nicht der AfD bedurft, um den sozialen und mentalen Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu beschädigen. Um was es jetzt geht, ist eine glaubwürdige Alternative zum Status quo.

Alexander Gauland in Dresden
Alexander Gauland in Dresden. Es sei ja nicht so, dass es der AfD bedurft hätte, um den sozialen und mentalen Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu beschädigen und zu gefährden, meint unser Autor. Foto: imago

„Das passt wie die Faust aufs Auge“, bedeutete bisher – und bedeutet für mich auch weiterhin –, was das Bild ausdrückt: Etwas schmerzhaft Unpassendes, etwas, das weh tut und vielleicht sogar dazu führt, dass man für eine Weile nichts mehr sieht. Ich scheue mich jedoch neuerdings, diesen Vergleich zu verwenden, weil sich die Bedeutung des doch so eindeutigen Bildes in ihr Gegenteil verkehrt hat: „Wie die Faust aufs Auge“ verwenden heute viele als Lob, wenn sie etwas besonders passend finden. Ich bin jedes Mal fassungslos und versuche mein Gegenüber darüber aufzuklären, welchen Unsinn er oder sie da gerade redet. Ist denn eine Faust auf dem Auge etwas Wünschenswertes? „Nein, aber doch irgendwie sehr treffend! Findest du nicht?“

Der Erregungen über die AfD überdrüssig

Diese Verschiebung von einer negativen in eine positive Bedeutung (wobei mir vor diesem „Positiven“ gruselt) entspricht der Verkehrung ursprünglich positiv besetzter Wörter in eine negative Bedeutung, wie beispielsweise „Reform“ oder „Eigenverantwortung“, die am Ende immer nur heißen: Zahle selbst, du stehst allein da. In einer Gesellschaft, in der Entlassungen „Freisetzungen“ genannt werden und die Werbung im Briefkasten sich als „Dialogpost“ ausgibt, scheint mir allein aufgrund des Sprachgebrauchs der Verdacht auf gesellschaftlichen Selbstbetrug naheliegend.

Ich muss gestehen, der Erregungen über die AfD überdrüssig zu sein, überdrüssig allerdings nicht, weil ich sie für ungefährlich hielte oder gar Verständnis hätte für deren Argumente. Aber es ist ja nicht so, dass es der AfD bedurft hätte, um den sozialen und mentalen Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu beschädigen und zu gefährden. Es kann auch nicht darum gehen, den Osten zu erklären (welchen Osten überhaupt? Wem eigentlich?). Im Osten zeigten sich bisher die Probleme, die bald das ganze Land hatte, immer nur früher und deutlicher.

Seit ich mit Freunden im Winter 1990/91 in der Redaktion unserer Provinzzeitung zusammensaß, weil wir fürchteten, Skinheads und sogenannte Faschos, die sich mit brutalen Wohnungsüberfällen hervortaten, könnten bei uns aufgrund missliebiger Artikel alles kurz und klein hauen – was uns die berufliche Existenz gekostet hätte –, steht für mich die Frage, was wir gegen nationalistische und rechtsextreme Gruppen tun sollen und können. Damals ergriff ich die Möglichkeit, mit diesen geschorenen oder frisierten Jungen zu reden. Das war schwierig, weil ihre Argumente haarsträubend waren. Im Grunde aber lief es bei ihnen auf dieselben Halbwahrheiten hinaus, wie sie mir der AfD-Kandidat in meinem Berliner Stadtbezirk, Dr. Nicolaus Fest, ein Sohn des ehemaligen FAZ-Herausgebers Joachim Fest, in einem „persönlichen“ Brief geschrieben hat: Deutsche Rentner müssen Flaschen sammeln, während Flüchtlinge alles bekommen und unsere Sozialsysteme belasten. 

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