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Demo gegen Rechts Alle Arten von Glitter

Ein Netzwerk von Berliner Kulturschaffenden ruft für Sonntag zur „Glänzenden Demonstration“ gegen Rechts auf.

Nennen wir ihn Gaspard. Gaspard will seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen, damit die anderen ihn dort auch nicht lesen. Diejenigen, die es für „infame Gesinnungspolitik“ halten, wenn man als Kulturschaffender zu gesellschaftlichen Fragen Stellung bezieht und sich für „eine diverse und offene Gesellschaft“ einsetzt.

Gaspard hat vor einem Jahr den Verein „Die Vielen“ gegründet und koordiniert jetzt dessen Protest gegen die Großdemonstration der AfD am kommenden Sonntag. Zahlreiche Berliner Kulturinstitutionen, Künstler und soziale Einrichtungen unterstützen und teilen den Aufruf des Vereins zu einer „Glänzenden Demonstration“ gegen Rechts, etwa die Akademie der Künste, die meisten Berliner Staatstheater, der Berufsverband Bildender Künstler*innen in Berlin, die Koalition der Freien Szene, die Diakonie in Stadtmitte, das PENG! Kollektiv, das Netzwerk freie Literaturszene...

Dass die meisten von ihnen staatlich subventioniert werden, ist der Berliner AfD natürlich ein Dorn im Auge: „Das beweist wieder einmal, dass sich vom Steuerzahler finanzierte Kultureinrichtungen nicht an alle Bürger dieser Stadt richten, sondern von einer Minderheit für ideologische Zwecke missbraucht werden“, schreibt Hans-Joachim Berg, AfD-Mitglied des Abgeordnetenhauses und des Kulturausschusses auf der Website der Partei und bezeichnet die mit dem Protest solidarischen Künstler allen Ernstes als „Linksextremisten“. Anträge auf Prüfung möglicher Zweckentfremdung der Mittel werden wohl folgen.

Eindeutig ist das die eigentlich ideologische Rhetorik, gegen deren bedeutungsverdrehende Sophismen man sich öffentlich verwehren muss. Hier gilt es doch, Gesicht zu zeigen! Und am Sonntag wird Gaspard doch wohl sichtbar auf dem Wagen stehen, oder etwa nicht? Protest heißt: Deutungshoheit verteidigen. Warum dann die Untergrundstrategie der Anonymität – ist es wirklich schon zu spät für einen offenen Diskurs?

„Nein“, sagt Gaspard, am Schöneberger Winterfeldtmarkt bei einem Kaffee in der Sonne sitzend. „Und ja, am Sonntag zeige ich Gesicht. Aber als einer von vielen eben“. Als Drahtzieher namentlich herausgehoben zu werden, will er nicht, denn Angriffe auf Einzelne seien von Rechtsaußen jederzeit zu befürchten, wie das Beispiel von Helge Lindh zeige. Der SPD-Bundestagsabgeordnete, ein 32-jähriger Direktkandidat aus Wuppertal, hatte sich im März in einer deutlichen Rede gegen den AfD-Gesetzentwurf zu „umfassenden Grenzkontrollen“ positioniert und darauf bestanden, dass Menschenrechte keine Nation und keine Hautfarbe haben.

Kurz darauf wurden seine Facebook- und Twitter-Account gehackt und in seinem Namen rechtsradikale Äußerungen gepostet. Auch andere Online-Konten Lindhs wurden gekapert, Bestellungen von Hundekotattrappen und Koran-Ausgaben etwa gingen an Amazon und wurden unter anderem an seine Eltern geliefert, private Daten wurden veröffentlicht. Gefasst sind die Täter nicht, aber Lindh vermutet sie, wie er in einem Interview mit dem WDR sagte, im rechtsextremen Umfeld. Niemand möchte der nächste sein. Aber ist Maskerade der richtige Weg? Sollte man die zu Übergriffen bereiten Rechten nicht vielmehr mit Namen und Gesichtern fluten, um ihr System der Schikane implodieren zu lassen? „Ich weiß es nicht“, sagt Gaspard, der die Netzwerkarbeit für „Die Vielen“ selbstverständlich in seiner Freizeit betreibt. Und an seiner Stelle wüsste ich es auch nicht.

Die Demonstration am Sonntag, zu der alle glänzende Rettungsdecken und Glitter aller Arten mitbringen sollen, beginnt um 12 Uhr am Volkspark am Weinberg und wird über die Sophienstraße, die Reinhardtstraße, den Bertolt-Brecht-Platz und das Reichstagsufer zum Pariser Platz am Brandenburger Tor führen. Die AfD startet ihrerseits am Washingtonplatz und endet auf der anderen Seite des Brandenburger Tores, auf dem Platz des 18. März. Rücken an Rücken werden die Schlusskundgebungen stattfinden, hoffentlich funktioniert das Soundsystem.

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