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DDR Staatssicherheit Raus aus der Geschichte?

Der Fall „IM Walter“ des DDR-Filmpublizisten Fred Gehler löst heftige Reaktionen aus. Warum die Stasi-Vergangenheit nicht ruhen darf: Ein Beitrag über Erfahrungen mit Herkunft und Würde.

05.07.2012 16:09
Anke Westphal
Fassadendetail eines ehemaligen Stasi-Gebäudes. Foto: archiv

Diese Geschichte endet nie: die der Staatssicherheit, des DDR-Geheimdienstes. Mit jedem neu entdeckten Stasi-Fall, mit jeder IM-Akte, die aufgefunden wird in der Jahn-Behörde, wird deutlich, wie unerledigt diese Geschichte ist. Oder vielmehr: Wie schlecht sie „erledigt“ wurde. Und wie erledigt die jeweils Betroffenen dann im Regelfall sind.

Jüngstes Beispiel ist der Fall des DDR-Filmpublizisten Fred Gehler, der in den 1990-Jahren Leiter der Leipziger Dok- und Animationsfilmwoche war. Im Rahmen eines Forschungsprojekts über die deutsch-deutschen Filmbeziehungen wurde offenbar, dass der hoch geachtete Cineast Gehler, der zu DDR-Zeiten parteipolitisch durchaus nonkonforme Standpunkte vertrat und dafür auch gemaßregelt wurde, als „IM Walter“ für die Staatssicherheit gearbeitet hat, also Kollegen wie Freunde bespitzelte.

Dieser Mensch – ein Informant? Ein Unding. Ein Albtraum für jeden, der in der DDR sozialisiert wurde und sich der Wahrheit und Kunst verpflichtet fühlte.

Aber es soll hier nicht um Gehler gehen, sondern um den heutigen Umgang mit dem Thema Stasi. Denn der Fall „IM Walter“ hat heftige Reaktionen ausgelöst, bis hin zu Diffamierungen. Wohlgemerkt nicht des „IM Walter“, sondern der über ihn Berichtenden. „Wir haben 22 Jahre deutsche Einheit, aber es wird immer noch Zwietracht gesät. Wann hört solche öffentliche Denunziererei endlich auf?“ heißt es etwa.

Und in einer anderen Lesermeldung: „Nach der Wende habe ich übrigens mal meine Akte angefordert. Eine Opfer-Akte übrigens. Sie war enttäuschend dünn. Wer war ich denn auch? Aber vielleicht sollte ich noch mal zur Behörde gehen und eine Täter-Akte suchen lassen? Damit mir nicht ein eifriger Wissenschaftler zuvor kommt und mich als IM entlarvt?“

Große Müdigkeit am Thema Stasi

Ist „der eifrige Wissenschaftler“ schuld an der Zwietracht? Allen Reaktionen ist ungeachtet ihrer Emotionalität der Überdruss, ja die große Müdigkeit am Thema Stasi gemeinsam. Die IM-Tätigkeit wird dabei durchweg entschuldigt mit Formulierungen wie „lange her“ oder „Jeder macht mal einen Fehler“.

Das stimmt – und stimmt auch wieder nicht, denn Fehler dieser Art, die bewusst in einem politischen Kontext begangen werden, schreibt die Geschichte bekanntlich fort, auch wenn sie hier und da symbolisch geahndet werden. Verrat verjährt nicht. Er frisst sich ein ins kollektive Bewusstsein einer Gesellschaft.

Stets war von Aufarbeitung die Rede, wenn es um das traumatische Erbe der Staatssicherheit ging. Inzwischen ist jedem klar, der seines Geistes mächtig ist, dass Aufarbeitung nicht zu haben ist – jedenfalls nicht im suggerierten Sinn einer Totalität. Aufarbeitung findet vielmehr kein Ende; die Auseinandersetzung hält an, auch mit dem Phänomen „IM“, und die Erbitterung, mit der sie immer wieder aufflammt, spricht für sich.

Man erinnere sich nur an einen der prominentesten Fälle: Berichte über eine Stasi-Verstrickung der Schauspielerin Jenny Gröllmann beschäftigten die Medien und Gerichte über Jahre. Gröllmann ging juristisch vor gegen diese Vorwürfe, die ihr Ex-Mann, der Schauspieler Ulrich Mühe, und der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck sogar instrumentalisiert hatten, um ihrem Spielfilm „Das Leben der Anderen“ über einen Stasi-Mann zu hypen.

Der Rechtsstreit darum, ob Gröllmann „IM“ genannt werden durfte, ging über mehrere Instanzen. Am Ende entschied das Gericht zu Jenny Gröllmans Gunsten. Über diesem Streit sind Gröllmann und Mühe gestorben.

Gehler spricht von gefälschter IM-Akte

Fred Gehler behauptet nun, seine IM-Akte wäre ebenfalls gefälscht. Die Wahrheit, so sagen Leute, die diese 500 Seiten bereits gelesen haben, soll anders sein, schlimm. Und so stehen sie einander immer wieder gegenüber: der Vorwurf des Verrats und die Verteidigung. Oder Leugnung. Die einzige Antwort darauf wäre eine im Einigungsvertrag festgeschriebene, gesellschaftlich breit angelegte Mediation gewesen zwischen Tätern und Opfern, aber auch dem mit dem Stasi-Erbe beschwerten Osten Deutschlands und dem darüber urteilenden Westen. Vielleicht sogar eine Art Versöhnung zwischen den Betroffenen. So etwas wie Vergebung.

Diese Mediation ist nie erfolgt; sie war politisch wohl auch nicht gewollt. Dabei hätte sie ein größeres Gleichgewicht zwischen den historisch so disparat beladenen Landesteilen wenigstens ermöglicht und den Einigungsprozess damit weniger knirschen lassen. So aber kam es gar nicht erst dazu, dass DDR-Vergangenheit als etwas Gegebenes und anderen, westlichen Herkünften Gleichwertiges angesehen werden konnte.

Nun braucht die Geschichte immer wieder Unterlegene und Schuldige, damit sich die Unschuldigen, besser: Unbelasteten, im Recht fühlen können. Und so scheint jeder neue Stasi-Fall der Absetzung der Elite im Osten durch den Westen, wie sie in den 1990er-Jahren erfolgte, noch im Nachhinein recht zu geben.

Eine fatale Lage, der auch nicht dadurch beizukommen wäre, dass die alte Ost-Elite, Stasi eingeschlossen, Auskunft gibt. Denn die Bereitschaft, ihre Geschichten öffentlich zu dulden, ist denkbar gering. Es herrscht Desinteresse. Der Streit um die Deutungshoheit über die DDR-Geschichte ist entschieden und das Land ja auch sonst fertig aufgestellt.

Davon abgesehen ist die Bereitschaft einstiger Stasi-Leute, Auskunft über sich zu geben, gering. Quasi nicht vorhanden. Warum sollte das auch anders sein? Zu oft wurde in den Anfangsjahren des wiedervereinigten Deutschlands erlebt, wie Existenzen vernichtet wurden schon bei Verdacht auf Stasi-Zuträgerschaft. Köche wurden entlassen, weil sie in der Küche des Ministeriums für Staatssicherheit gestanden hatten.

Chance zur Wiederintegration bewusst verspielt

Die Chance zur Wiederintegration ganzer Bevölkerungsgruppen wurde bewusst dadurch verspielt, dass bei der „Aufarbeitung“ der DDR-Geschichte auf einen gewissen Grad von Mediation verzichtet wurde. Längst bilden diese Gruppen eigene Subkulturen, die ihnen Zugehörigkeit gestatten.

Wer Zugang hat in der ostdeutschen Provinz, kann viel davon erzählen. Vielleicht ist das auch typisch deutsch: Die politische Achtlosigkeit gegenüber einer echten gesamtdeutschen Verständigung, die letztlich eine Frage der menschlichen Würde ist. Der Einzelne muss diese Würde indes auch selbst zu bewahren suchen im aufrichtigen Umgang mit der Vergangenheit, wenigstens vor sich selbst. Demokratie heißt nicht zuletzt, dass jede Geschichte Anspruch darauf hat, gehört zu werden.

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