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Cornelia Funkes "Steinernes Fleisch" Mittelalter-Märchen, crossmedial

Siehe da, „Steinernes Fleisch“ von "Tintenherz"-Autorin Cornelia Funke liest sich wie ein Suchbild mit der Quizfrage, auf welchen Seiten sich Märchen der Brüder Grimm verbergen. Ob Tischlein deck dich, gläserner Schuh oder goldener Ball – die Grimm-Assoziationsmaschine rattert.

07.10.2010 18:45
Grete Götze
Die Autorin Cornelia Funke bei der Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse. Foto: dapd

Der erste Blick fällt auf den riesigen Stapel in der Bahnhofsbuchhandlung. An vorderster Front bei den Zeitschriften liegt „Reckless – Steinernes Fleisch“, der erste Teil der neuen Romanfolge von Cornelia Funke, bekannt durch ihre Bestseller-Mehrteiler „Tintenherz“ und „Die wilden Hühner“. Vom Cover glotzt ein dämonisch blickendes, grüngesichtiges Geschöpf.

Der nächste Gedanke gilt einigen Feuilletons: um „Steinernes Fleisch“ wird ein Aufhebens gemacht, als sei es das neue Buch von Martin Walser. Die Frage drängt sich auf: Warum verkaufen sich die Bücher von Cornelia Funke millionenfach, warum wird sie vom Literaturkritiker Denis Scheck in einer Reihe mit Günter Grass zu den besten lebenden Autoren gezählt?

Am besten, Cornelia Funke beantwortet es selbst, zum Beispiel in der „NDR-Talkshow“, gehüllt in ein grünes Taft-Gewand mit waldähnlichen Verzierungen. Die Autorin ist für ihr neues Buch auf Promotion-Tour. Der Zuschauer lernt, dass sie sich in L.A., wo sie wohnt, jeden Tag in den Unterarm kneift, weil sie ihr Glück nicht fassen kann und dass ihr absolut „niemand einfällt“, der ihre Bücher schlecht findet. Weiter erzählt sie, ausschlaggebend fürs Schreiben sei ihr langweiliger Job als Illustratorin gewesen. Man merke sich, dass die Autorin ihren Erfolg besser nicht selbst begründen sollte und dass sie von den Bildern kommt.

Und siehe da, „Steinernes Fleisch“ liest sich wie ein Suchbild mit der Quizfrage, auf welchen Seiten sich Märchen der Brüder Grimm verbergen. Ob Tischlein deck dich, gläserner Schuh oder goldener Ball – die Grimm-Assoziationsmaschine rattert. Die Geschichte geht einfach: Jacob (gut) kämpft in einer Fantasiewelt gegen den Fluch der dunklen Fee (böse), welche die Haut seines Bruders Will zu Jadestein gefrieren lassen will, es gibt Feinde (zum Beispiel Kami’en, der König des bösen, steinernen Goyl-Volkes), Freunde (zum Beispiel Clara, Wills menschenweiche Freundin), eine gute Fee, die die davonrennende Zeit anhalten kann, ein wenig Gemetzel, eine Prise Liebe, und am Ende siegen die Guten. Kursiv gedruckt teilt sich die Stimme eines auktorialen Erzählers mit, der erklärt, was der Leser zwischen den Zeilen denken soll.

Ein Spiegel?bildet den Übertritt von der realen in die Fantasy-Welt, was wir in anderer Form schon aus „Alice im Wunderland“ oder „Die unendliche Geschichte“ kennen. Die Zeitform ist märchentechnisch bedingt das Präteritum, außerdem gibt es Onomatopoetika wie „Schnippschnapp, klippklapp“ für den Schneider, der Kleider aus Menschenhaut schneidert und Vergleiche im Stile von „Die Nacht atmete in der Wohnung wie ein dunkles Tier“. Leider finden sich auch erwartbare Vergleiche wie „so verloren wie ein ausgesetztes Kind“.

Der Roman präsentiert sich, geschmückt mit Bleistiftskizzen der Autorin, wie man sie während des Telefonats mit Oma kritzelt, in 52 kurzen, verdaulichen Kapiteln, die einen eigentlich mühelos zum Lesen der 352 Seiten überreden könnten. Wäre da nicht dieses Baukasten-Geschmäckle, das Gefühl, dass da eine genau weiß, welche Zutaten es für ein massenkompatibles Buch braucht: Kurze Sätze, Abenteuer, Feinde, Zwerge, Feen und einen Helden.

Vielleicht sollte man ihr eine phonetische Chance geben, schließlich hat der Verlag das Hörbuch mitgeliefert. Außerdem fühlt man sich an die eigene Kindheit erinnert, in der man wegen lauter Bibi-Blocksberg-Begeisterung im Skiurlaub samt Kassettenrecorder auf dem Balkon ausgesetzt wurde. Und ja, als Hörbuch klappt es besser, die Sätze der Kinderbuchautorin zu mögen und das demokratische Potential ihrer einfachen Geschichte zu würdigen. Zwischen den Kapiteln ertönt atmosphärische Musik, und durch die tiefe Erzählerstimme (Rainer Strecker) kommt man Funkes Appell an die fünf Sinne näher.

Auch der Hinweis auf die mündliche Erzähltradition von Märchen erschließt sich hörbar besser. Man findet außerdem auf die Fährte der mittelalterlichen Artusromane, deren Leitbegriff âventiure „ritterlicher Kampf, Wagnis, gefährliche Begebenheit“ bedeutet. Auch ein anderes Strukturmerkmal des Ritterromans findet man wieder: die aneinander gereihten Episoden, die der Held durchlebt, um den Roman zu einem glücklichen Ende zu bringen.

Mit Sätzen, die schnell Bilder im Hörerkopf hervorrufen, funktioniert „Steinernes Fleisch“ in diesem mündlichen, mittelalterlichen Märchensinn. So wird nicht erfunden und erzählt, sondern „gefunden und erzählt“.

Der Cliffhanger am Romanende weist schon auf seine Verfilmung hin, so wie der Co-Autor, der englische Filmproduzent Lionel Wigram, der schon „Harry Potter“ zum Kassenschlager machte.

Irgendwann, in welcher Form man sich „Steinernes Fleisch“ auch immer zu Gemüte führt, wird es spannend, und man möchte wissen, wie es weiter geht. Aber im Beschreiben von echten Menschen und in der komischen, überraschenden Entwicklung von Geschichten sind Roald Dahl, Astrid Lindgren und die Brüder Grimm einfach besser.

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