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Comic Ein Schwarzer in der weißen Hölle

Matthew Alexander Henson war vermutlich der erste Mensch am Nordpol. Geehrt wurde er zunächst dafür nicht, denn Henson war Afroamerikaner. Seine Geschichte hat der Zeichner Simon Schwartz nun in seinem Comic "Packeis" verarbeitet.

Beim Verfertigen des Beweisfotos: War Matthew Henson am Nordpol? Foto: Avant-Verlag

Längst vergangene Geschichten, immer noch unglaublich, aber wahr: Matthew Alexander Henson (1866 bis 1955) war ein amerikanischer Polarforscher, der am 6. April 1909 vermutlich als erster Mensch den Nordpol erreichte, eine Leistung, für die allerdings nicht er, sondern andere geehrt wurden, weil er Afroamerikaner war. Seiner Lebensgeschichte hat sich nun der Zeichner Simon Schwartz angenommen. Nach seinem aufsehenerregenden Debüt vor zwei Jahren, dem autobiografischen Comic „drüben!“, in dem er die Ausreise seiner Eltern von der DDR nach Westdeutschland zu einer komisch-absurden Erzählung verarbeitete, legt er mit „Packeis“ nun sein zweites Buch vor.

Offenbar hat Schwartz ein Faible für Verwickeltes und Absonderliches. Und die Geschichte Hensons bietet reichlich davon. Seit 1891 hatte er als Mitglied verschiedener Grönland-Expeditionen des weißen Polarforschers Robert Peary die Sprache der Inuit erlernt und auch die Bedeutung des Einsatzes von Hundeschlitten erkannt. Er verfügte insofern über hinreichende Erfahrungen und hätte durchaus den Nordpol erreichen können. Ob er es geschafft hat, ist bis heute umstritten. Wir wissen nur, dass er 1909 mit Peary zum Nordpol unterwegs war und der Weiße den ganzen Ruhm einheimste, obwohl auch er keine Beweise vorlegen konnte. Wem sollte man glauben?

Ein historisch genaues Panorama

In jedem Fall ist uns der Name Peary als Entdecker des Nordpols im Gedächtnis geblieben. Das mag verschiedene Gründe haben. Gewiss auch den, wie Schwartz in seiner Geschichte vermerkt, dass Peary in einen bizarren, gewissermaßen weltöffentlich ausgetragenen Streit mit dem zwielichtigen Abenteurer Frederick Cook geriet, der seinerseits beanspruchte, als erste am Nordpol gewesen zu sein.

Doch legt sich Schwartz nicht auf diese Erklärung fest. „Packeis“ läuft auf eine andere Pointe hinaus. Sichtbar werden soll die Geschichte einiger Protagonisten und zugleich der historische und politische Kontext. Das ist ein sehr anspruchsvolles Programm: Umso erstaunlicher, dass es den Comic als Bildmedium keineswegs überfordert.

Und so entwirft Schwartz in „Packeis“ nicht nur ein historisch genau gezeichnetes Panorama; selbstverständlich hat er die Hintergründe gut recherchiert. Überzeugend sind vielmehr seine expressionistischen, entfernt an Fritz Langs Film „Metropolis“ und noch entfernter an den historistischen Steam Punk erinnernden Bildschöpfungen.

Außerdem treibt er ein kunstvolles Vexierspiel mit tribalistischen Maskeraden und primitiven Figurationen, eine ästhetische Form, die es Schwartz gestattet, die bei seiner Geschichten virulenten Themen des Rassismus und Kolonialismus in seine Bilder zu integrieren. Insgesamt zeugt „Packeis“ von einem souveränen Umgang mit den künstlerischen Mitteln.

Kein Happy End

Dabei hat Schwartz nicht einmal den ersten Comic über Henson gezeichnet. Bereits 1947 erschien in der Anthologie „Negro Heroes“ eine kleine Geschichte über seine Polar-Expedition. Der vorzügliche ausgestattete Anhang von „Packeis“ vermerkt diese Veröffentlichung wie übrigens auch die von Henson geschriebene Abhandlung „A Negro Explorer at the North Pole“ (1912), in der er seine Version der Geschichte darlegte.

Deutlich wird hier auch, wie sehr unmöglich es gewesen sein muss, dem schwarzen Polarforscher seine verdiente Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung zuzuschreiben. Er wurde erst posthum für seine wissenschaftlichen Verdienste geehrt und erhielt im Jahr 2000 mit der Hubbard-Medaille die höchste Auszeichnung der National Geographic Society.

Kein Happy End: Nach der Rückkehr aus dem Eis verdingte Henson sich als Laufbursche bei der New Yorker Zollverwaltung – und starb völlig verarmt.

Simon Schwartz: Packeis. Wer war Matthew Henson? Avant-Verlag, Berlin 2012. 176 S., 19,95 Euro.

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