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Comic Der traurigste Junge der Welt

Chris Wares Meisterwerk „Jimmy Corrigan“ ist endlich auf Deutsch erschienen. Über ein Jahrzehnt hat das gedauert - aber es hat sich gelohnt.

Man glaubt es kaum, aber Jimmy hat tatsächlich eine Vorliebe für den Comic „Superman". Foto: Reprodukt Verlag, Berlin

Was für ein Skandal! Über ein Jahrzehnt hat es gedauert, dieses Meisterwerk endlich auf Deutsch zu veröffentlichen. Warum so lange? In dieser Zeit ging über „Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt“ ein wahrer Preisregen nieder. Vom American Book Award über den Harvey und den Eisner Award bis zur Auszeichnung als „Bester Comic“ beim Angoulême Festival wollte sich offenbar keine der renommierten Institutionen vorwerfen lassen, dieses Jahrhundertereignis verpasst zu haben, von dem die Kritiker in aller Welt bereits schwärmten. Und nicht nur die, auch Zeichner-Kollegen, allen voran Altmeister Art Spiegelman, hatten es immer schon gewusst, von anderen Künstler gar nicht erst zu reden.

Chris Wares Zeichenkunst ist also in jeder Hinsicht bestens beleumundet. Wir wollten es wenigsten einmal erwähnt haben. Und in diesem Zusammenhang selbstverständlich auch die verlegerische Großtat preisen, „Jimmy Corrigan“ nach über zehn Jahren Warterei nun dem deutschsprachigen Publikum vorzustellen. Scheinbar hat sich der Berliner Reprodukt Verlag vorgenommen, jedes Jahr mit einem Knaller aufzuwarten, erst Craig Thompsons „Habibi“ (2011), dann Christophe Blains „Quai d’Orsay“ (2012) und jetzt eben die Abenteuer des „klügsten Jungen der Welt“. Der Druck ist hervorragend gelungen, sogar das Handlettering in den Sprechblasen entspricht der immer etwas zu kleinen Schrift von Chris Ware.

Ein Comic-Monument von 384 Seiten also. Auf ihnen trottet Jimmy Corrigan durch sein Leben. Zu Beginn sehen wir ihn kurz als kleinen Jungen, der allein bei seiner Mutter aufwächst. Gerade bringt sie einen Liebhaber, einen Superman-Darsteller, mit nach Hause; er schenkt Jimmy seine Maske, und am nächsten Morgen wird der Mann wie alle Männer zuvor auf Nimmerwiedersehen verschwunden sein. Eine freudlose Episode zur Einstimmung, denn viel lustiger wird es nicht. Der mittlerweile erwachsene Jimmy ist ein unauffälliger, langweiliger, beflissener Angestellter, der kaum Kontakt zu seinen Kollegen hat und dessen Arbeitsalltag nur durch die Kontrollanrufe seiner im Altersheim untergebrachten Mutter unterbrochen wird.

Lektüre gleicht dem Zusammensetzen eines Puzzles

In seiner Freizeit fotografiert Jimmy: Die Motive liefert ihm der flackernde Bildschirm seines Fernsehers. Die ereignislose Tristesse seiner Angestelltenexistenz hat ihn vollkommen erfasst. Doch eines Tages erreicht ihn ein Brief seines unbekannten Vaters, eine Einladung, sich zu sehen nach all der Zeit; der Brief könnte allerdings auch ein schlechter Scherz der Mutter sein. Chris Ware lässt den Leser hier im Ungewissen, wohlkalkuliert, aus dem Ungefähren entwickeln er nun eine Reihe von parallelen Handlungssträngen, verschiedenen Möglichkeitsräume und Wirklichkeitsebenen. Das fordert Aufmerksamkeit. Vorgriffe und Rückblenden bestimmen von nun an seine Geschichte.

Die Lektüre von „Jimmy Corrigan“ gleicht dem Zusammensetzen eine Puzzles. Dem entspricht auch die zeichnerische Anmutung des Comics. Die Panels sind quadratisch oder rechteckig. Eine Tiefenperspektive gibt es kaum, der Strich folgt dem Stil der „ligne claire“, der klaren Linie des „Tim und Struppi“-Zeichners Hergé. Es dominieren die Primärfarben, zumeist scheinen sie hell. Figuren und Interieur wirken stilisiert und sind auf einen überschaubaren Formenkanon reduziert. Hier herrscht die Geometrie: Symmetrien, Diagonalen, Vierecke, Dreiecke und Kreise. Einfache Grundformen. All das wirkt wie einem grafischen Baukasten entnommen, einem streng beschränktem Fundus geometrischer Muster.

Dieses hochartifizielle Verfahren fordert den Leser unmissverständlich auf, die nur sehr lose und wirr verbundenen Teile der erzählung selbst zu einem Ganzen zu fügen, wie eben ein Puzzle. Das legt nicht zuletzt auch die strenge geometrische Form nahe, erweckt sie doch den Anschein, der überaus vertrackte Inhalt (Jimmys Geschichte) folge doch noch einem durchgehenden Prinzip. Chris Ware gelingt hier ein Wunderwerk, weil er uns trotz der forcierten, das Grafische wie einen Selbstzweck vorführenden Künstlichkeit nicht den Lesespaß verdirbt und stattdessen ein sorgsam balanciertes Ineinander von Form und Inhalt bietet: Im Comic kann Avantgarde so unterhaltsam sein.

Meisterhaft, überlegt, verspielt

Das ist in seiner meisterhaften, überlegten und zugleich verspielten Machart einmalig. Wer sich darauf einlässt, wird überdies mit einer berührenden Geschichte belohnt. Denn Jimmy fliegt tatsächlich nach Michigan, um seinen Vater das erste Mal zu treffen. Die Begegnung verläuft enttäuschend. Atemberaubend allerdings sind die Szenen der Sprachlosigkeit, die Ware hier entwirft, und überwältigend die Einschübe, in denen sich der tagträumenden Jimmy Gewaltfantasien gegen den Vater hingibt. Alles dreht sich um den Vater. In einer anderen Fantasie erscheint Jimmy als sein Großvater in Chicago zur Zeit der Weltausstellung von 1893, als Vater seines Vaters also, der seinerseits unter einem gewalttätigen Vater zu leiden hat.

Die Vaterobsession enthüllt eine Gewaltgeschichte, eine Erbfolge der Grausamkeiten – mögliche Gründe für ein zutiefst beschädigtes Leben. Chris Ware hat vorsichtig auf die autobiografischen Züge seines Protagonisten Jimmy hingewiesen. Was beide gewiss gemeinsam haben, ist das Faible für den von Jerry Siegel und Joe Shuster geschaffenen Comic „Superman“. Dank seiner kann sich Jimmy als „Klügster Junge der Welt“ fühlen: in Superheldenfantasien flüchten, die ihm ein letztes Refugium der Würde bieten. Genau darin liegt auch die Majestät des Comics, die Chris Ware selbstbewusst beansprucht: Ein Refugium der Würde zu sein, des kleinen kurzen Glücks. Das ist großartig und anrührend zugleich.

Chris Ware: Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt. Reprodukt, Berlin 2013. 384 Seiten, 39 Euro.

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