Lade Inhalte...

Claus Leggewie Europa soll „keine Welt von gestern“ werden

Vielmehr eine von morgen: Der Politologe Claus Leggewie über das Engagement für ein zukünftiges Europa. Trotz bürgerferner Ignoranz der etablierten Parteien, trotz der Infamie der Populisten.

Demonstration für Europa
Für Europa: Eine Demonstrantin am vergangenen Wochenende in London. Foto: dpa

Herr Leggewie, Sie vermissen im Bundestagswahlkampf das Thema Europa. Ein fahrlässiges Versäumnis, eine kurzsichtige Strategie?
Eher unreflektierte politische Routine, wonach sich Wahlkämpfer an das je eigene Volk zu wenden haben. Die aber vom französischen Präsidenten Macron ein Stück durchbrochen wurde, indem er bewusst und nicht ohne Risiko Europa und die Europäische Union ins Zentrum gerückt und damit harte Nationalisten der Rechten wie der Linken besiegt hat. Wie kurzsichtig, dass Berlin diesen Ball nicht aufnimmt und Deutschland die Chance vergibt, die ihm zugefallene Führungsrolle, aber auch die beträchtliche Schieflage deutscher Wirtschaftsmacht zu reflektieren und das Angebot zu einer anderen Form der Europäisierung aufzugreifen! Stattdessen verteilen wir „Hausaufgaben“ an Macron und andere.

Ist das alles auch ein Ausdruck von Provinzialität?
Ja, weil Herausforderungen wie der Klimawandel, die Verkehrswende, die sozialen Disparitäten, die „Bekämpfung der Fluchtursachen“ und eine Strategie gegen den Terror nun wirklich nicht mehr nationalstaatlich zu bearbeiten sind, sondern eine viel intensivere Kooperation der europäischen Gesellschaft voraussetzen. Einer Gesellschaft übrigens, die wir längst sind und die sich im globalen Rahmen artikuliert und einbringt.

Sie geben Ihrem Buch einen provozierenden Titel und im Untertitel eine gewichtige Mitgift. Warum dieser provozierende Titel: „Europa zuerst!“? Verschreckt das nicht?
Der selbstreflexive Ton der Formel ist wohl gut hörbar. Trumps America first!, Le Pens La France d’abord oder die faulen Begründungen der Brexiteers waren tragische Bekräftigungen eines weißen, autoritären, regressiven Nationalismus, der die Zukunft in schwärzesten Farben malt und sich in die Wagenburg zurückzieht, dabei oft am Rande eines neuen Faschismus wandelt. „Europa zuerst“ ist dagegen eine ironisch-heitere, aufgeschlossen in die Zukunft blickende Wendung, ein Statement gegen die autoritäre Welle, die rund um die Welt geht. Dabei ist eine Portion aufgeklärter Eurozentrismus durchaus angebracht und verträglich. Keine neoimperiale Überheblichkeit, die unsere fatale Kolonialgeschichte verdrängt, vielmehr selbstbewusste Bekräftigung einer Wertegemeinschaft, die aus ihren Fehlern gelernt hat und eben deswegen zu einer der Welt zugewandten Handlungsgemeinschaft fähig sein kann.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum