Lade Inhalte...

Christian Kern „Etwas links von der SPD“

Der österreichische Politiker Christian Kern spricht im Interview mit der FR über das sozialdemokratische Milieu, die Polarisierung der Gesellschaft und die europäische Flüchtlingspolitik.

Kern
Christian Kern während des Wahlkampfs im Oktober 2017 in Wien. Foto: afp

Herr Kern, überall in Europa sind die Sozialdemokraten und Sozialisten auf dem Rückzug. In Österreich haben sie die Macht verloren, ihren Stimmenanteil aber immerhin halten können. Machen Sie etwas richtig, das andere falsch machen? 
Die klassischen Milieus, auf die sozialdemokratische Parteien sich gegründet haben, lösen sich auf. Auch deren Identitäten. Ein gut ausgebildeter Industriearbeiter mit technischem Hintergrund verdient mitunter mehr als ein Akademiker, der sich oft als Crowdworker oder Freelancer verdingen muss. Beide definieren sich kaum mehr über ihren sozialen Status. Unsere Aufgabe ist es, neue Wählergruppen hinzuzugewinnen. Das ist uns gar nicht so schlecht gelungen. 

Wie?
Von der einen oder anderen Schwesterpartei hat uns wohl unterschieden, dass wir nicht darüber gesprochen haben, wie der Wohlstand verteilt werden soll, sondern auch darüber, wie wir ihn erwirtschaften wollen.

Bei den Industriearbeitern ist dafür die ultrarechte FPÖ die stärkste Kraft.
Ja, aber das sind sie seit 20 Jahren! Eine ganze Generation von Industriearbeitern hat noch nie sozialdemokratisch gewählt. Das Identitätsangebot, das ihnen die Rechtspopulisten unterbreiten, ist kulturell definiert, nicht mehr über die soziale Stellung. 

Und das ist offenbar attraktiv.
So attraktiv, dass auch ehemals Konservative jetzt diese extrem rechten, völkischen Positionen inhalieren. Das macht sie dann als Bündnispartner noch schwieriger für uns. 

Was wäre die Antwort? Ein anderes kulturelles Identitätsangebot? Oder gar keines?
Unser Gesellschaftsmodell ist ein inklusives: Wir sind für einander da! Das ist auch eine Emotion, eine, die sehr wirksam werden kann, auch wenn sie in der Flüchtlingskrise geschwächt wurde. Sozialdemokratie ist immer ein Lebensgefühl.

Und eine Emotion, die in allen Milieus wirksam wäre?
Ja. Aber offen sind die Menschen natürlich nur dann dafür, wenn wir auch ihre Interessen schützen. 

Die der Verlierer?
Die der Verlierer und die der Gewinner. Schutz und Chance ist unsere Formel. 

Aber ist es nicht gerade der Gegensatz zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung, der zurzeit bei allen Wahlen verhandelt wird? Und nicht mehr der zwischen Kapital und Arbeit?
Absolut. Aber unsere Aufgabe war immer der Zusammenhalt und nicht die Spaltung.

Droht die Sozialdemokratie bei dem Gegensatz nicht nach beiden Seiten zu verlieren? Wo steht sie? 
Wir waren immer eine internationalistische Partei, wir sind klar pro-europäisch. Auf der anderen Seite darf man nicht den Blick für die Lebensrealität der Menschen verlieren. Nach sechs, sieben Jahren Reallohnverlusten im Gefolge der Finanzkrise haben Menschen das Gefühl, dass sie nicht mehr am Wohlstand teilhaben. Robotisierung und künstliche Intelligenz drohen in der Geschichte der Menschheit die größte Umverteilung von unten nach oben zu werden.

Dann aber auch mit einer extremen Polarisierung zwischen Gewinnern und Verlierern …
Eben. Und es wird keine andere Kraft sich darum kümmern, dass alle mitkommen, als die Sozialdemokratie. Deshalb sehe ich unsere Zukunft auch voller Optimismus.

Gewinner und Verlierer zusammenzubringen versucht ja auch die gegenwärtige Rechtskoalition in Ihrem Land. Nur eben unter nationalem Vorzeichen: Österreich zuerst! Was aber, wenn man weder klar auf der Seite der Verlierer, noch klar auf der Seite der Gewinner stehen und beide auch nicht durch Nationalismus zusammenschweißen will? 
Rechtspopulisten, die die Interessen der Vielen vertreten, sind so wahrscheinlich wie eine Marienerscheinung am Kiez. Ich glaube nicht daran, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Wir müssen ein System, das alle gesellschaftlichen Bereiche zu dominieren trachtet, wieder unter Kontrolle bringen. Minus Elon Musk und dem Blackrock-Chef kenne ich keinen Startup-Unternehmer, der den Wild-West-Kapitalismus toll findet. Wir sind dem Gemeinwohl verpflichtet. So muss auch unsere Politik ausschauen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen