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Christa Reinig Von schnodderigem Charme

Die vergessene, große Dichterin Christa Reinig ist tot. Sie starb im Alter von 82 Jahren. Von Martin Lüdke

07.10.2008 00:10
MARTIN LÜDKE
Die Schriftstellerin Christa Reinig (undatiertes Archivbild) ist tot. Foto: Foto: dpa

Vermutlich war sie eine ziemliche Zicke geworden. Körperlich behindert (Bechterew), "herz und hintern verkühlt", kompromisslos lesbisch, "keinem mann untertan", mit dem Verlag (S. Fischer) überworfen, auf die kleine, in den Stierstädter Zeiten von V.O. Stomps renommierte, dann zunehmend bedeutungslos gewordene Eremiten-Presse angewiesen, mit den Jahren immer erfolgloser. Christa Reinig, 1926 geboren, am 30. September in München gestorben, war schon zu Lebzeiten vergessen. Dagegen ist jetzt anzugehen. Denn sie war eine große Dichterin. Sie kam von Brecht und war an Benn vorbeigegangen.

Der Sarkasmus ihrer Verse verwies auf eine andere, sehr eigene Form der Moderne. Schnoddrig, ironisch, unmittelbar und eindringlich, von äußerst raffinierter Einfachheit war ihre Sprache. Ihre Verse prägnant. Vor allem die frühen habe ich geliebt, auswendig gelernt. Viele davon bis heute nicht vergessen, oft zitiert, "denn was weiß ein frommer christ / wie dem mann zumute ist", und klammheimlich gerne auf sie angespielt, um, zum Beispiel, ein Dilemma zu beschreiben: "von zwei peinlichen verfahren / kann er eins am andern sparen". Auf dem Weg zu seiner Exekution verzichtet der berühmte Bomme nämlich auf den Umweg zur Toilette. Allein mit dieser "ballade vom blutigen Bomme" hat sie sich in unsere Literaturgeschichte eingeschrieben. 1952, im ersten Heft der Zeitschrift Akzente, war diese Moritat erstmals abgedruckt. In West-Deutschland also, denn in der DDR, wo sie damals lebte und als Kustodin an einem Ostberliner Museum arbeitete, durfte sie nicht publizieren.

Ihr Anarchismus befremdete die Kultur-Genossen. Ihre Devise blieb: "Das was zu schreiben ist mit klarer schrift zu schreiben". Die Rechnung wurde ihr schon bald präsentiert.

1963 erschien unter dem schlichten Titel "Gedichte" ein kleiner Band von ihr im S. Fischer Verlag. Dafür erhielt sie im folgenden Jahr den Bremer Literaturpreis. Mit einer "Ausreisegenehmigung" für vier Tage ausgestattet, reiste sie zur Verleihung - und blieb. Später schrieb sie dazu: "DER TRAUM VOM WESTEN / Ich träumte heute nacht, ich sei im Westen / und wachte auf und war - / im Westen." Ihren Schreibtisch im Märkischen Museum in Ost-Berlin hatte sie aufgeräumt hinterlassen. Nur ein Röntgenbild war in einer Schublade zurückgeblieben. Es zeigte ihre gekrümmte Wirbelsäule. Wulf Segebrecht attestierte ihr darum später, zu ihrem 70. Geburtstag: "Innerlich war sie aufrechter."

Solche Biographien sind schon heute kaum noch begreifbar. Das Deutsch/Deutsche, das sich als Brandspur in eine Lebensgeschichte einfrisst. Leiden, das Form findet. Die Prägnanz ihrer Bilder verdankt sich sicher auch den Lebensbedingungen im realen Sozialismus. Christa Reinig hat mit einer einfachen Sprache darauf reagiert. Sie hatte vom frühen Brecht gelernt, aber ihre Verbitterung oft ins Grotesk/Komische wenden können. Über "Robinson" sagt sie: "Manchmal weint er wenn die worte / still in seiner kehle stehn / doch er lernt an seinem orte / schweigend mit sich umzugehn".

Es war schon lange still um sie gewesen. Hin und wieder kam noch einmal ein Band mit kurzen Geschichten und Gedichten in der Eremiten-Presse heraus. Resonanz fand sie nicht mehr. Deshalb muss man an ihre frühen, großen Gedichte erneut erinnern. Der S. Fischer Verlag ist wieder gefordert. Nicht nur wegen "Bomme". Jetzt macht, bitte! Es sind brauchbare Verse.

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