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Choreograf Marco Goecke "Ich kann nicht morgen sagen: alles Firlefanz"

Ein FR-Gespräch mit Marco Goecke über das Eigenleben der Dinge, die Suche nach der perfekten Bewegung und die Sehnsucht des Choreografen nach dem Alleinesein mit seiner Kunst.

31.05.2010 00:05

Als ich sah, dass Sie eine Choreografie zu Virginia Woolfs Roman "Orlando" planen, dachte ich: wie soll das gehen? Dann las ich das Buch nochmal und dachte: das kann ebenso gut gehen wie zum Beispiel "Schwanensee".

Oder genauso schlecht (lacht). Ich bin manchmal sehr impulsiv, wenn ich eine Idee habe. Ich bin durch ein Gespräch mit Paul Chalmer (Ballettchef in Leipzig, d. Red.) darauf gekommen, weil es eines seiner Lieblingsbücher ist. Und irgendwie schnapp ich das auf und sage: Das machen wir. Aber natürlich ist es eine Belastung, auch wenn das Stück nur "nach Woolf" ist, dass es sich um ein so großartig geschriebenes Buch handelt. Ich habe anfangs versucht, auch diese Opulenz darzustellen, aber das ging in die Hose. Es beruhigt mich, dass eigentlich alles erzählbar ist mit einem Tänzer und einem Blatt Papier. Meine Arbeit ist ja auch minimalistisch, trotz ihrer Gefühlsspannungen. Und man kann auch die Woolf schlicht erzählen, da bin ich ganz überrascht.

Das heißt, Sie haben die Opulenz wieder rausgeworfen?

Man kann natürlich, was die Bühne angeht, wahnsinnige Sachen machen - das ist aber nicht nötig. Es ist bei vielen Choreografen so, dass sich während der Arbeit im Studio Angst aufbaut, dass die Bewegung allein nicht reicht. Ich habe jedes Mal dieselbe Angst und erfahre doch, dass es reichen kann. Es ist ein schönes Gefühl, dass man ein solches Buch mit einfachen Mitteln erzählen kann.

Was ist es, was Sie zu erzählen versuchen?

Wenn man ein Buch von Virginia Woolf liest, nicht nur "Orlando", bleiben mehr Fragen als Antworten. Was bleibt, denke ich, ist die Dringlichkeit, die Verzweiflung, etwas ausdrücken zu wollen. Nun erzähle ich schon auch an der Geschichte entlang, es gibt die Prinzessin, die Queen - es ist schön, mit einem solchen Material was zu machen. Doch am Ende bleibt, wie bei Woolf, die große, große Frage. Vielleicht ist das Erzählen, ist auch der Tanz nur ein Versuch, an etwas ranzukommen, an das man nicht rankommt. Und die Geschichte ist ja auch eine Künstlerfindung. Ich hab zwar nichts Privates in dieser Choreografie, aber wie Orlando sich vorbereitet, salopp ausgedrückt, sein Ding zu machen, das kenne ich auch von mir. Bei mir hat es zwar keine 300 Jahre gedauert, aber lang genug.

Wie ist es mit der Musik dazu?

Wir wollten was Englisches, und meine Dramaturgin kam auf Michael Tippett. Aber mir passt, vielleicht auch durch meinen Minimalismus, musikalisch schnell was. Viele Choreografen versuchen, durch Tanz die Musik darzustellen - das interessiert mich nicht sehr. Die Musik läuft mit, als Beilage. Eigentlich sagt mir der Tanz genug.

Warum dann aber doch Musik?

Gute Frage. Man kann das weiterspinnen und sagen: alles in Stille, ohne Licht, ohne Publikum ...

Ohne Licht, die armen Tänzer ...

Habe ich schon gemacht. Aber Tanz ist ja doch ein Spektakel, ein Teil meines Berufes ist Showbusiness. Da bin ich ganz praktisch und tue gewisse Gefühle und Dinge einfach als Zutat dazu. In der Stuttgarter Oper könnte ich "Orlando" nicht in zwei Stunden Stille zeigen, aber vielleicht mal woanders. Bei Experimenten muss man einen passenden Ort finden.

Eine Stelle im Buch, bei der ich an Sie dachte, ist die, an der man plötzlich im 20. Jahrhundert ist, in der Helligkeit elektrischen Lichts. Und alle Schatten und dunklen Winkel sind weg. Ihre Stücke sind in der Tat sehr dunkel, sehr sparsam beleuchtet.

Es wäre toll gewesen, das Stück bis zu diesem Punkt ganz ohne die Hilfe von Elektrizität zu zeigen, aber das ging nicht. Das sind so Ideen ... Tanz ist auf seine Weise so groß und so klein. Man hat den Raum, in dem man was zaubern muss, und diese paar Leutchen. Manchmal denkt man, man kommt nie an das ran, was man wirklich will. Und man muss übertreiben, denn jemanden ganz hinten im Saal zu erreichen, ist nicht einfach. Ich glaube, ich kann das, und dieser Glaube ist auch der Motor, der mich am Laufen hält.

Seit wann arbeiten Sie an dem Stück?

Seit Februar. Das sind jetzt drei Monate. Und obwohl ich das schon kenne, erschreckt es mich, dass gerade alles zerfällt - ehe es sich dann wieder zusammenfügt.

Sie haben vorhin die Künstlerwerdung angesprochen. Wann wussten Sie, dass Sie tanzen wollen? Als Kind schon?

Ich war als Kind eher mit der Malerei beschäftigt. Ich habe wahnsinnig viel gemalt, ganz schöne Sachen. Picasso war mein Idol. Ich wollte als Künstler leben, und der erste Gedanke war die Malerei. Aber wenn ich in der Stadt Plakate sah für Pina Bausch (Goecke ist Wuppertaler, d. Red.), hatte ich immer das Gefühl, das ist etwas Besonderes, auch wenn ich noch nicht verstand, um was es ging. Aber ich wollte schon damals kein Leben leben, wie es alle leben. Es war immer irgendetwas in mir, das irgendwo hin wollte, das ich zum Ausdruck bringen musste. Heute denke ich, es gibt in meinem Leben bestimmt noch andere Ausdrucksmöglichkeiten, der Tanz ist da vielleicht nicht die einzige. Manchmal denke ich: das hab ich jetzt gehabt ...

Tanz zwingt zu Kompromissen, man ist auf andere angewiesen...

Ein ganz großer Teil der Arbeit ist, nicht alleine zu sein. Manchmal, wenn ich morgens allein bin, geht es mir gar nicht gut mit dem, was ich hier am Tag zuvor gemacht habe. Aber sobald ich es wieder mit Menschen teile, wird es hoffnungsvoll. Doch es gibt auch eine große Sehnsucht danach, alleine zu sein mit etwas Künstlerischem, deswegen beneide ich Maler und Schriftsteller. Die auch, wenn sie etwas nicht mehr mögen, den Dreck weghauen können. Ich kann nicht morgen sagen: alles Firlefanz, wir fangen von vorne an. Ich bin manchmal überrascht über meinen Mut, das durchzuziehen, nicht wegzulaufen. Doch es hängen ja zu viele Leute dran.

Und was hatte der Tanz, das Sie weggelockt hat von der Malerei?

Menschen. Für mich war der Tanz, das Training, ein Zuhause. Ich denke, das geht vielen Tänzern so. So wenig Geld, so viel Arbeit, aber irgendwie ist es ein ganz besonderes Zuhause. Es steckt eine Menge Gemeinsamkeit drin.

Es ist nicht so, dass der Tanz etwas kann, was keine andere Kunst kann?

Nö, das glaube ich nicht. Ich mag auch gern schöne Dinge, Ruhendes. Das ist der Gegenpol zum Aufräumen mit Menschen.

"Aufräumen" ist ein interessantes Wort ...

Es klingt gemein, faschistoid, aber so ist es: Ich muss den ganzen Tag Ordnung schaffen, damit das am Ende ein Stück ergibt oder eine Szene. Die Tänzer haben ja auch Schmerzen, Probleme ... Aber wir lachen viel, denn wenn wir keine gute Zeit haben, ist alles wertlos. Das Stück kann in die Hose gehen, aber dann gibt es trotzdem die Zeit, die wir geteilt haben.

Apropos in die Hose gehen: Haben Sie schon mal nach der Premiere ein Stück umgebaut?

Nein. In den letzten zwei Jahren habe ich so viele Stücke gemacht, wie am Fließband, da kann nicht das ganze Herzblut dranhängen. Und wenn "Orlando" Premiere gehabt hat, ich denke nicht, dass ich hier nochmal eine Probenphase bekommen würde. Dafür braucht man schon seine eigene Company. Selbst an renommierten Häusern gibt es Grenzen, auch finanzielle Grenzen. Ein paar Wände verschlucken schon Tausende, und da ist noch nichts auf der Bühne.

Von wem fühlen Sie sich beeinflusst, haben Sie Vorbilder?

Da ich in Den Haag war, vom Nederlands Dans Theater natürlich. Von Pina Bausch auch, weil mir ihre Stücke mehr bedeuten als irgendein Kram, den andere machen. Aber Leute, die sich über meine Stücke ärgern, die ärgern sich nicht, weil sie schlecht sind, denn das sind sie nicht, sondern weil sie das nicht kennen. Das lehnt sich nicht an andere an, und darauf bin ich stolz. Es gibt viele, die sie ablehnen - aber ich muss das anbieten, immer wieder. Ich hab natürlich meine Wurzeln, und es gibt auch nur diesen einen Körper, so dass alles schon mal da war, gemacht wurde. Aber meine Arbeit ist nichts Erfundenes, ich lebe das. Ich bereite es nicht vor, es sind keine Kopfgeburten, ich habe auch keine ästhetischen Konzepte.

Was ich gerade in der Probe gesehen habe, entsteht also spontan?

Ja. Es ist ein Kommenlassen, die Dinge haben ein Eigenleben. Warum ich das jetzt gerade so mache, oder das dahin, dafür gibt es keinen Grund. 80 Prozent von dem, was ich gesucht habe und dann zeige, ist auch Müll. Aber manchmal gibt es ein Solo, eine Bewegung, die alles erzählt, wonach ich gesucht habe.

Interview: Sylvia Staude

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