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Cartoon "Gift" Mörderin ohne Grund

Barbara Yelin ist mit "Gift" ein großartiger Cartoon über Gesche Gottfried gelungen, eine Mörderin, die im Jahre 1828 in ganz Europa für Aufsehen und Entsetzen sorgte. Von Christian Schlüter

Eine Darstellerin bestreicht ein Brot mit sogenanter Mäusebutter, einer mit Arsen versetzten Butter. Foto: dpa

Die Geschichte der Gesche Margarethe Gottfried ist gut bekannt. Im Jahre 1828 wurde in der Hansestadt Bremen ein Verbrechen entdeckt, das nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa für Aufsehen und Entsetzen sorgte. Es ging um die Ermordung von zahlreichen Menschen durch Gift. Gottfried gestand die Morde schon während der ersten Verhöre, außerdem erklärte sie, mindestens 19 Menschen Gift in nicht-tödlicher Dosis verabreicht zu haben. Und doch konnte die zigfache Giftmörderin von Bremen keine schlüssigen Motive für ihre Taten angeben. Am 21. April 1831 wurde sie nach einem sich über drei Jahre hinschleppenden Gerichtsverfahren auf dem Bremer Domhof vor mehr als 35000 Zuschauern durch das Schwert hingerichtet.

Undurchdringliche Labyrinthe

Die Geschichte der Gesche Gottfried ist mehrfach verfilmt und im Theater aufgeführt worden. Am bekanntesten dürfte Rainer Werner Fassbinders "Bremer Freiheit" (1971/72) sein. Und seine prägnante Bildersprache ist auch eine der größten Herausforderungen für die Zeichnerin Barbara Yelin gewesen: Soeben ist ihre Graphic Novel "Gift" erschienen, ein Comic über den, wie Gottfried auch genannt wurde, "Engel von Bremen". In Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Peer Meter gelang der Gewinnerin des Sondermann-Comicpreises 2009 nicht nur eine sehr eindringliche Version der an Ungereimtheiten nicht armen Geschichte, sondern auch ein sehr eigenständiger, ja eigensinniger bildlicher Zugang.

Yelins große Stärke liegt seit jeher in der Bleistiftzeichnung. Ihr Comic verzichtet ganz auf Farbe und setzt auf starke Schwarz-Weiß-Kontraste. Allerdings weiß die 1977 in München geborene Künstlerin auch einen weiteren Vorzug des Bleistifts zu nutzen: Er lässt sich verwischen. So verlaufen häufig die scharfen Kontraste in einem verschwommenen Ungefähr. Straßenansichten etwa lösen sich himmelwärts in einem undurchdringlichen Nebel auf, Häuserfronten, Treppenhäuser oder Kellerräume verwandeln sich in undurchdringliche Labyrinthe und verlieren sich in einem opaken Dunkel. Auf diese Weise schafft Yelin eine beklemmende Atmosphäre: Ihr Bremen ist gewiss kein wohnlicher, sondern ein bedrohlicher Ort.

Der Fall der Gesche Gottfried gibt bis heute Rätsel auf. Im Prozess wurde noch das so genannte Inquisitionsverfahren angewendet. Deswegen herrschte bis zum Urteilsspruch eine strenge Zensur, die Prozessakten unterlagen strengster Geheimhaltung. Dennoch kamen noch während des Verfahrens die Verhörprotokolle in den Umlauf und bedienten nicht zuletzt auch das sensationslüsterne Publikum. Gottfrieds Anwalt, Friedrich Leopold Voget, erwies sich in seiner Verteidigung als fortschrittlich, da er seine Mandantin als psychisch kranke und also unzurechnungsfähige Frau darstellte und ihr so den Tod ersparen wollte; in seinen später erschienenen Büchern aber stellte er sie als heimtückische, geldgierige Mörderin dar.

Die Person Vogets ist nur eine Facette in einem undurchsichtigen Spiel. Gottfrieds frei gelebte Sexualität, immerhin war sie drei Mal verheiratet, weckte den Argwohn nicht nur des streng religiösen Juristen, sondern sorgte in der ganzen Stadt für Gespräch. Zugleich war die Frau gerade wegen ihre hingebungsvollen Pflege der in ihrem Haus auffällig oft krank werdenden Menschen anerkannt und geachtet. Und so schöpfte lange Zeit niemand Verdacht, nicht einmal beim wiederholten Kauf von "Mäusebutter" (Fett mit Arsenkügelchen). Bis zuletzt gaben die Ärzte, die in Gottfrieds Unglückshaus ein- und ausgingen, katastrophale Fehldiagnosen ab. Davon aber und von der Mitverantwortung des feinen Bremer Bürgertums sollte im Prozess keine Rede mehr sein.

Modellierungen aus Licht

Barbara Yelin führt uns behutsam in die Bremer Verhältnisse ein und lässt eine junge Schriftstellerin an der Weser eintreffen: Eigentlich soll sie eine Reisereportage schreiben, doch alsbald gerät sie in den Sog der Ereignisse, nur wenige Tage vor der Hinrichtung der Giftmörderin herrschen in der Stadt Aufregung und Misstrauen. Hier zeigt sich das besondere Geschick Yelins. In Bildfolgen, die sich wie Kamerafahrten von den Dächern bis in die Straßenniederungen ausnehmen, tauchen wir in die Geschichte ein. Es sind zumeist dunkle Bilder, die gerade deswegen eigentümlich erleuchtet erscheinen. Yelin schafft von Licht durchflutete, durch Licht erst geschaffene, in das Dunkel gegrabene, dem Dunkel entrissene Räumlichkeiten.

Yelins große Könnerschaft besteht in dieser kunstvollen Modellierung aus Licht. Dabei erinnert ihr ästhetisches Verfahren durchaus an Piranesis berühmte Kerkerbilder: kontrastreiche und theatralische Inszenierungen. Yelin findet auf diese Weise großartige Bilder der Erhabenheit noch im finstersten Schrecken.

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