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Calvin-Jahr Verbissen, aber gerecht

Zwei neue Bücher aus Anlass des 500. Geburtstages von Johannes Calvin. Von Christoph Fleischmann

04.05.2009 00:05
CHRISTOPH FLEISCHMANN
Aus Anlass des 500. Geburtstages des Genfer Reformators Johannes Calvin erscheinen zwei neue Bücher. Foto: dpa

"500 Jahre Verbissenheit" lautete der Titel einer Talkrunde anlässlich des "Calvin-Jahres": Am 10. Juli jährt sich der Geburtstag des Genfer Reformators zum 500. Mal, und um sein öffentliches Image steht es nicht zum Besten. Das zu ändern, tritt der niederländischen Kirchenhistoriker Herman Selderhuis an: Er will zeigen, dass Johannes Calvin mehr ist als "jemand, der sein Leben lang an einer trockenen Dogmatik herumdoktert und in seiner Freizeit Ketzer verbrennt".

Um das zu tun, hat Selderhuis etwas gemacht, das nur jemand machen konnte, der Calvins reichhaltiges Oeuvre überblickt. Er hat die spärlichen Selbstaussagen Calvins aus seinen Briefen und Predigten zusammen getragen und als Gerüst für seine Biografie genutzt: Calvin in seiner eigenen Sicht. Trotz der vielen eingeschobenen Zitate ist Selderhuis so ein leicht und kurzweilig zu lesendes Buch gelungen.

Ob er damit sein selbst gestecktes Ziel erreicht hat, kann man bezweifeln: Gerade die persönlichen Mitteilungen von Calvin lassen den Verdacht aufkommen, dass dem Genfer Reformator eine gewisse Verbissenheit eigen war. Er war einer, der seine Sache (fast) immer mit der Sache Gottes identifizierte, weswegen er keinen Widerspruch dulden konnte. Er war unfähig zur Diplomatie und zum Kompromiss, weil er eine Wahrheit zu verkünden und eine göttliche Ordnung durchzusetzen hatte. Er sah die Menschen als hoffnungslos verdorbene Sünder an, und war deswegen hart gegen sich selbst und andere.

Am Bewegendsten kommt dies vielleicht in den Abschnitten über Calvins Krankheiten zum Ausdruck, die er nicht mit Gelassenheit tragen konnte, sondern deretwegen er ein schlechtes Gewissen hatte, weil er an den Krankentagen nicht soviel arbeiten konnte wie sonst.

Dass die Reformation angetreten war, einen gnädigen Gott zu verkünden, scheint schon bei einem ihrer Gründungsväter mehr eine dogmatische Wahrheit als eine existenzielle Erfahrung gewesen zu sein. Oder zeigt sich in Calvins Leben die Doppelgesichtigkeit seiner Gottesvorstellung? Calvin zufolge hat Gott den einen Teil der Menschheit zum Heil erwählt und den anderen zum Verderben.

Selderhuis argumentiert zwar plausibel, dass diese Vorstellung der doppelten Prädestination letztlich eine Konsequenz der Vorstellung vom gnädigen Gott war, der die Menschen ohne deren Zutun rechtfertigt: Nur wenn Gott allein über Heil und Unheil entscheidet, ist sichergestellt, dass die Menschen nichts zu ihrer Errettung tun müssen und allein aus Gottes Gnade selig werden.

Nebenwirkung dieser Vorstellung war und ist aber, dass die Menschen einen Gott anerkennen, der letztlich unverständlich handelt, demgegenüber sie sich aber dennoch stets als Sünder zu sehen haben, die nichts zu ihrer Errettung tun können. Psychologen haben darauf hingewiesen, dass man so nur schwer Selbstbewusstsein gewinnen kann.

Die Grenze von Selderhuis' Buch liegt darin, dass eine Lebensbeschreibung Calvins aus seiner eigenen Sicht tendenziell apologetisch ist. Die Zeitgenossen und Gegenspieler Calvins werden nicht adäquat mit ihren Anliegen gewürdigt. Das ist gerade bei einer Person wie Calvin, die schon zu Lebzeiten viele Kontroversen ausgelöst hat, letztlich unbefriedigend.

An dieser Grenze setzt das Buch des Historikers Volker Reinhardt an. Er schreibt keine Biografie Calvins, sondern eine Geschichte der Reformation Genfs bis zu Calvins Tod. Im ersten Kapitel wird erzählt, wie Genf durch viele Entscheidungskämpfe hindurch den Weg zur offiziellen Annahme der Reformation fand - zu einer Zeit, als Calvin noch gar nicht in Genf war, deren Beschreibung aber unerlässlich ist, um die Interessenlage der Stadt zu verstehen.

Hier wird deutlich, dass die Entscheidung für die Reformation immer auch politische Optionen eingeschlossen hat. Genf wollte sich von der Herrschaft des Herzogs von Savoyen einerseits und dem katholischen Bischof andererseits befreien. Dazu suchte und fand man einen Bündnispartner im protestantischen Bern. Parallel zur Einführung der Reformation wurde Genf ein selbstständiger Stadtstaat. Trotz der eindeutig politischen Motive für die Reformation reduziert Reinhardt die Reformation nicht auf die Politik, sondern würdigt die religiösen Fragen.

Im Folgenden stellt Reinhardt den Konflikt zwischen dem strengen Reformator und den Genfer Patrizierfamilien in den Mittelpunkt seiner Darstellung. Ihm gelingt ein spannendes Panorama, das hervorragend geschrieben ist. Blass bleiben manche sozialen Wirklichkeiten der Stadt. Besonders die Flüchtlinge aus Frankreich, die teilweise fast die Hälfte der Stadtbewohner stellten, tauchen nur als Argument im Streit der Parteien auf. Sie hatten zwar keine politischen Ämter inne, da sie aber für die wirtschaftliche und geistige Entwicklung der Stadt enorme Bedeutung hatten, kann man sie eigentlich nicht derart vernachlässigen. Auch die Bedeutung des Wirtschaftsstandortes Genf für die Reformation hätte mehr Augenmerk verdient.

Sehr anschaulich wird in Reinhardts Buch, dass die Genfer Führungsschicht keine Lust hatte, die alte Klerikerherrschaft durch eine neue zu ersetzen. Calvin wollte aus Genf eine göttliche Stadt machen, in der Gottes Gebot galt - so wie er es verstand. Dies konnte er aber immer nur begrenzt verwirklichen, weil er sich mit den politischen Institutionen der Stadt arrangieren musste.

Calvin selber bekleidete kein politisches Amt. Deswegen ist der Titel von Reinhardts Buch irreführend: "Die Tyrannei der Tugend" klingt knallig, beschreibt aber bestenfalls die Perspektive der Patrizier, denen der nervige Pfarrer aus Frankreich wie ein Tyrann erschienen sein mag, weil er tatsächlich darauf bestand, dass alle unter dem Gesetz Gottes stünden - auch die Honoratioren der Stadt. Diesen anti-aristokratischen, vielleicht sogar egalitären Zug des verbissen kämpfenden Calvin kann man noch heute durchaus sympathisch finden.

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