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Bundeskulturstiftung Wer sucht, bleibt in Bewegung

Vor zehn Jahren wurde die Bundeskulturstiftung gegründet. Heute feiert sie in Halle ihr Jubiläum. Sie zeichnet sich durch ihr Interesse für tendenziell Widerborstiges aus.

22.06.2012 17:16
Kito Nedo
Von der Kulturstiftung finanziert: Das größte Grab der Geschichte soll in Thüringen stehen, eine Vision von Erik Niedling und Ingo Niermann. Foto: rené Eisfeld

Alle wollen sie nur ihr Geld: Hortensia Völckers, die Künstlerische Direktorin der Bundeskulturstiftung nimmt es gelassen – die Finanzierung von zuwendungsbedürftigen Kulturprojekten aus allen Sparten von internationalem Format gehört zu ihrem Job. Auch das Dämpfen zu hoher Erwartungen und die Abwehr nörgelnder Kritiker. Einer von Völckers' oft genug wiederholten Lieblingssprüchen, wenn sich mal wieder jemand über das Budget von rund 35 Millionen Euro jährlich aufregt: dass es sich hierbei doch um einen vergleichsweise symbolischen Betrag handele, der ungefähr dem „Etat einer mittleren Oper“ entspreche. Das hält im Übrigen auch die Erwartungen potenzieller Antragsteller klein, die Agentur mit Hauptsitz in Halle an der Saale und einer Büro-Dependance am Berliner Lützowplatz könnte eventuell Wunder vollbringen.

Aber wenn die Bundeskulturstiftung mal wieder ein abseitiges Projekt – wie etwa die Vision einer riesigen Grabpyramide oder die Achtzigerjahre-Forschungen eines angegrauten Popliteraten und eines Journalisten – mit 80.000 beziehungsweise 200.000 Euro fördert, sprechen plötzlich alle erneut über die öffentlichen Mittel, die der ganze Spaß wohl kostet. Dass auch unbestritten wichtige Ereignisse wie die Documenta in Kassel, das Berliner Medienkunstfestival Transmediale oder die Berlin Biennale Fördergelder in Millionenhöhe von der Stiftung erhalten, findet eher selten Erwähnung.

Seit ihrer Gründung vor zehn Jahren umweht die Kulturstiftung des Bundes – so der offizielle Name – ein Hauch des Elitären und oftmals auch des Strengen. Die Verweigerung, den kulturellen Status quo zu zementieren, und das aufreizende Interesse für tendenziell Widerborstiges macht das Unternehmen in den Augen von Kulturpopulisten immer ein wenig verdächtig.

Laut Eigendefinition investiert die Stiftung in die „Entwicklung neuer Verfahren der Pflege des Kulturerbes und in die Erschließung kultureller und künstlerischer Wissenspotenziale für die Diskussion gesellschaftlicher Fragen.“ Deshalb ist eines der Lieblingswörter in Halle nicht von ungefähr das „Labor“: Humboldt Lab Dahlem heißt etwa ein mit vier Millionen Euro gefördertes Stiftungsprojekt, das den außereuropäischen Sammlungen Berlins helfen soll, Konzepte für das Humboldt-Forum zu entwickeln.

Glaube an die Kultur als Bildungsweg

So sieht sie wohl aus, die Form des intellektuellen Stiftungs-Hedonismus: Am besten fühlt es sich an, wenn es um etwas Neues, etwas noch nicht so Durchgesetztes, wenig Breitgetretenes geht. Am Anfang war da beispielsweise der Fakt, dass viele Städte, nicht nur im Osten, längst nicht mehr wachsen, sondern schrumpfen. Diese Einsicht zieht eine ganz andere Stadtplanungspolitik nach sich. Ein echtes politisches Tabu – bis die Bundeskulturstiftung 2004 das Thema aufgriff und zu einem ihrer großangelegten Initiativprojekte machte. Sie ließ eine Wanderausstellung mit künstlerischen Projekten touren und zwei dicke thematische Sammelbände sowie einen Atlas mit Infografiken veröffentlichen. Der Effekt: Heute ist das Phänomen der schrumpfenden Städte in der öffentlichen Diskussion allgemein durchgesetzt. Andere Initiativprojekte galten der „Migration“ oder der „Arbeit in Zukunft“, im letzten Jahr widmete sich das großes Festival „Über Lebenskunst“ in Berlin dem Thema Nachhaltigkeit. Derartige eigene Schwerpunktsetzungen eröffnen der Stiftung erst den Handlungsraum und verdeutlichen den gesellschaftlichen Bezug, den sie den von ihr geförderten kulturellen Projekten tatsächlich auch ermöglicht: Aus den Aktivitäten der Stiftung spricht der Glaube an die Kultur als Bildungsweg und Mittel des gesellschaftlichen Fortschritts.

Fast könnte man die Bundeskulturstiftung für eine Erfindung des Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) halten. Neumann kann nicht nur herrlich gegen das Kaputtsparen von Kultur und die Gratis-Mentalität im Urheberstreit wettern, sondern macht hinter den Kulissen mit viel Geschick bei den Haushaltspolitikern auch in Krisenzeiten wie diesen Geld locker. Doch durchgesetzt hat die Bundeskulturstiftung Neumanns Vorvorgänger, der Philosoph Julian Nida-Rümelin, in den Jahren 2001/02 Kulturstaatsminister unter Gerhard Schröder.

Die Stiftung mit ihrem jährlichen Füllhorn ist also eine sozialdemokratische Erfindung. Damals liebte man es, wirtschaftsnahe Politik mit dem Interesse für avancierte Kulturdinge zu würzen. Schon in den Siebzigerjahren hatte Günter Grass gemeinsam mit Willy Brandt Pläne für eine Nationalstiftung geschmiedet. Doch sie scheiterten am Widerstand der Länder, die eifersüchtig auf ihre Kulturhoheit pochten.

Auch wenn es also eine SPD-Erfindung ist, wollte Angela Merkel die Feierrrede zur heutigen Festakt im Hallenser Opernhaus halten – was sie jetzt doch kurzfristig absagte. Sie will abends in Danzig beim Viertelfinale dabei sein, dafür mussten internationale Verpflichtungen auf den Kulturtermin geschoben werden. Kürzlich lobte die Kanzlerin schon mal die Initiative „Jedem Kind ein Instrument“, jene Unternehmung, welche zu den öffentlichkeitswirksamsten Projekten in der Stiftungsgeschichte zählt.

Populäre Mischung von Alltag und Kultur

Mit der 2008 im Ruhrgebiet gestarteten Initiative, bei der jedes Grundschulkind ein Musikinstrument seiner Wahl lernen können sollte, ist Völckers im politischen Raum der „Durchbruch“ gelungen, wie sie sagt: „Weil es gut kommunizierbar war“. Das Projekt bot genau die populäre Mischung von Alltag, Kultur und Bildung, wie sie auch die Politiker lieben. Natürlich kann es jedoch nicht die massiven Defizite an den Schulen beheben. Initiativen wie diese kaschieren die Zustände nur.

Wenn Hortensia Völckers ihre Arbeit beschreiben soll, dann sagt sie Sätze wie: „Wir versuchen, Institutionen Angebote zu machen, sich selbst zu reformieren.“ Das zielt auf die Strukturen, aber vor allem wohl auf die Inhalte. In den nächsten Jahren beispielsweise soll ein neuaufgelegter Fonds mit zwei Millionen Euro helfen, den Austausch und die Kooperation zwischen deutschen und afrikanischen Künstlern und Kultureinrichtungen zu forcieren.

Kurz nach ihrer Gründung schrieb ein Kritiker, die Bundeskulturstiftung sei eine „Institution, die ihren genuinen Ort in der Kulturförderung erst noch finden muss“. Im Grunde ist das bis heute so geblieben, und vielleicht ist es nicht das Schlechteste. Wer sucht, bleibt in Bewegung. Innerlich erstarrte Kultureinrichtungen gibt es in Deutschland genug.

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