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Buchrezension: Ungestillte Sehnsucht von Millay Hyatt Die Kraft einer Sehnsucht

Millay Hyatt erklärt auf beeindruckende Weise, wie heftig ein unerfüllter Kinderwunsch wirken kann. Für die, deren Wunsch nach einem Kind sich nicht erfüllt hat, dürfte das Buch nicht immer leicht zu lesen sein: Es reißt Wunden auf, und das tut weh. Doch es macht auch Mut.

01.08.2012 17:03
Claudia Fuchs
Spermien und Eileiter untersuchen: Beim Mann wird überprüft, wie die Spermienqualität beschaffen ist. Bei der Frau untersucht der Arzt die Durchlässigkeit des Eileiters. Foto: dpa

Millay Hyatt ist 33 Jahre alt, als ihr eine Freundin aus den USA in einer E-Mail einen folgenschweren Satz schreibt. „Wenn es irgendwie möglich wäre, für dich ein Baby zu bekommen, würde ich es tun“, schreibt die Freundin, und die ernst gemeinte Offerte explodiert wie ein Feuerwerk in Millay Hyatts Kopf. Schließlich birgt das Leihmutter-Angebot die Möglichkeit, das zu werden, was derzeit unmöglich zu sein scheint: Mutter.

Millay Hyatt, die 1973 in den USA geboren wurde und heute als Übersetzerin und Autorin in Berlin lebt, ist das, was Tausende Frauen ebenfalls sind – ungewollt kinderlos. Es ist allerdings ein Zustand, von dem sie niemals annahm, dass er überhaupt eintreten könnte. Seit ihrer Jugend war Millay Hyatt überzeugt davon, keine Kinder zu wollen.

Die Tochter einer fünffachen Mutter, die alles aufgab für ihre Kinder, will kein Leben in den Dienst von Kindern stellen, sie will ein Leben für sich – „zum Schreiben, Reisen, Lieben, um die Welt zu ziehen und für niemanden verantwortlich zu sein“. Das sagt sie auch ihrem Mann, der schon bei der Hochzeit einen Kinderwunsch hat.

Doch dann, da ist sie 29, schleicht sich die Sehnsucht nach einem Kind in ihr Leben, anfangs in ihren Träumen, dann zunehmend zehrend, heftig und nicht zu ignorieren. Und als ihr Kopf dem Sehnen endlich stattgibt, ist es für ihren Körper zu spät: Mit 32 Jahren ist Millay Hyatt bereits in den Wechseljahren. Ein leibliches Kind wird sie nie haben können.

Ab dann gleicht ihre Geschichte der von vielen Tausend Frauen in Deutschland. Sie alle versuchen, ihr biologisches Handycap (oder das ihres Partners) zu überlisten: Sie gehen in Kinderwunschkliniken, suchen nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten, sie versuchen zu adoptieren, sie hadern mit ihrem Schicksal und leiden. Doch die Philosophin Hyatt, die über das Utopische und Utopiekritische bei Hegel und Deleuze promoviert hat, ist einen Schritt weiter gegangen. Sie hat ein Buch über ungewollte Kinderlosigkeit geschrieben und darüber, was das mit Betroffenen anstellt.

„Ungestillte Sehnsucht“ ist allerdings alles andere als ein Ratgeber: Zwar stellt Hyatt viele andere Paare vor und ihre Bemühungen, ein Kind zu bekommen. Es geht ihr aber nicht um einzelne Behandlungsmethoden. Statt dessen befragt sie die Paare nach ihrer Motivation, nach ihren Erfahrungen, nach ihrem Schmerz. Und sie nähert sich dem Problem der ungewollten Kinderlosigkeit von philosophischer Seite. So versucht sie zu ergründen, ob ungewollte Kinderlosigkeit mit einer schweren Krankheit verglichen werden kann, bei der die Medizin nicht helfen kann.

Sie fragt, wann ein Kinderwunsch eigentlich überzogene Ausmaße annimmt? Und sie geht der Frage nach, warum es in einer Zeit, in der Kinder zu haben keine soziale Notwendigkeit mehr ist, überhaupt so unerträglich zu sein scheint, wenn sich ein Kinderwunsch nicht erfüllt.

Die Antwort darauf gibt sie selbst: Der Verlust des eigenen, ungezeugten Kindes, schreibt sie, kann ein verheerender Schlag sein. „Im Hinterkopf war dieses Kind ja immer da, auch wenn es jahrelang das mit jedem Mittel zu verhütende war?… Denn hinter der Vorstellung des Verhütens verbirgt sich die Annahme, dass das Kind auf Teufel komm raus zu mir will … Dieses Kind ist nun tot.“

Mit distanziertem, fast erschrockenem Blick konstatiert Millay Hyatt, dass die Umsetzung ihres Kinderwunsches für sie und ihren Mann zu einer Lebensaufgabe geworden ist. Doch nicht nur das: „Dieser unerfüllte Wunsch hat uns auseinandergenommen, uns mit uns selbst konfrontiert wie sonst nichts.“

Das Ergebnis dieser Konfrontation ist ein kluges, philosophisches Buch geworden, das weit über die eigene Betroffenheit hinausgeht, aber der Trauer über den unerfüllten Wunsch genügend Platz einräumt. Millay Hyatt stellt Fragen, an die sich andere nicht herantrauen – und das Gute: Sie gibt auch Antworten darauf. Die lohnen sich vor allem für jene zu lesen, die wissen wollen, wie es in ungewollt Kinderlosen aussieht, und wie zehrend so ein Wunsch sein kann.

Für die, deren Wunsch nach einem Kind sich nicht erfüllt hat, dürfte das Buch nicht immer leicht zu lesen sein: Es reißt Wunden auf, und das tut weh. Doch es macht auch Mut, und es schärft den Blick für ein Problem, das Paare oft in einem jahrelangen, kostspieligen, kräftezehrenden Kampf zu lösen versuchen. Allein. Millay Hyatt, die übrigens bis heute kinderlos ist (das Leihmutter-Angebot lehnte sie aus ethischen Gründen ab) ist für ihren Kinderwunsch oft an ihre Grenzen gestoßen. Aber sie hat daraus viel gelernt. Was das ist, können andere nun lesen.

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