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Buchrezension „Der Kulturinfarkt“: Krude Mischung, obszöne Ideen

„Der Kulturinfarkt“ ist ein Buch, das alles durcheinanderbringt. Und zwar so sehr, dass man beim Lesen eigentlich andauernd „Halt!“ rufen möchte. Dass der Spiegel einen Auszug unkommentiert abgedruckt hat, ist ein Skandal, findet unser Autor.

21.03.2012 16:18
Oliver Reese
Theater macht reich und kostet Geld, in Wuppertal fehlt es. Foto: dpa

Der Spiegel veröffentlichte vergangene Woche einen Auszug aus dem Buch „Der Kulturinfarkt“, das ohne diese Privilegierung kaum jemand ernsthaft wahrgenommen, geschweige denn zu Ende gelesen hätte. Ich habe mich durch die 300 Seiten geschlagen: Was für technokratisches Durcheinander!

Die vier Autoren Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz liefern eine wirre Melange aus Kulturpessimismus, herber Polemik und überheblichem Abschaffungswahn. Sprachlich ist es schwer zu ertragen – es geht um „ästhetische Erlebnisse als Warenform“, „selektive Systeme für Künstler“ oder „Ordnungsverwaltung im Kulturbereich“. Zwischendurch bekommt man Lebensweisheiten zu hören wie: „Der wahre Citoyen ist ein Citoyen, der sein Innenleben kontrolliert“ oder „Nichts ist heute heiliger und wahrer als Gefühle.“ Tja.

Man solle, so eine der Forderungen, die Hälfte der Theater und Museen zumachen und das gesparte Geld (nein, nicht dem Arbeitsamt, sondern) den verbliebenen Einrichtungen geben. Was für ein charmanter Vorschlag. Das Staatstheater Darmstadt soll sich also freuen, wenn es die Gelder vom abgewickelten Staatstheater Wiesbaden bekommt – oder umgekehrt? Eine obszöne Idee, die gefährlich an kulturelle Gleichschaltung und Zentralisierung denken lässt – Tendenzen, die wir in der Bundesrepublik eigentlich hinter uns gelassen haben.

Kulturbesserwisser werfen alles in einen Topf

Dieses Buch ist eine krude Mischung aus so ziemlich allen kulturellen und künstlerischen Bereichen, die bei genauerem Hinsehen wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Die selbsternannten Kulturbesserwisser werfen alles in einen Topf – dabei gelten für die prächtig ausgestattete Bayerische Staatsoper ganz andere Bedingungen als beispielsweise für das um sein Überleben kämpfende Theater Schwerin.

Und wozu Theaterschließungen führen, ist ja zu sehen: Dem Wuppertaler Schauspielhaus etwa fehlen die Mittel für eine Sanierung, nun wird im Foyer gespielt. Das Theater als Ruine, die zusehends verfällt. Auch der Umbau zur Turnhalle dürfte zu kostspielig sein. Im Buch heißt es dazu: „Es geht um Macht. In Stein gefügte Einrichtungen stehen für Macht.“ In einem Theater- oder Museumsgebäude sehe ich bestenfalls das bürgerliche Selbstverständnis einer Stadtgesellschaft gespiegelt. Ruinös, könnte man sagen, im Fall der Wuppertaler. Eine Art Kulturdetroit schwebt den vier Autoren vor, Ruinen statt blühender Kulturlandschaften.

Bei allen Sparauflagen darf man nicht vergessen: Nur etwa 0,2 Prozent der öffentlichen Ausgaben in Deutschland entfallen auf Bühnen- und Theaterbetriebe – die Haushalte lassen sich nicht wirksam über Kultureinsparungen sanieren. Aber der Verlust wäre enorm. Gerade in kleineren Städten bilden gewachsene Kulturen die oft einzigen markanten Wiedererkennungselemente. Wenn wir Witten kennen, dann wegen der Kammermusiktage. Oberhausen wegen des Theaters und der Kurzfilmtage, Recklinghausen wegen seiner Ruhrfestspiele. Die Autoren schlagen vor, man solle stattdessen die Laienkultur fördern, sozusagen als theatralen Volkssturm. Aber ein reines Laientheater kann ja wohl kein ernst gemeinter Gegenvorschlag zu einer entwickelten und professionalisierten Spielkultur sein.

Die Autoren sind wohl nicht viel herumgekommen

Hier geht so viel durcheinander, dass man andauernd „Halt!“ rufen möchte. Abgesehen von dem überproportional starken Schweizer Gewicht (der Teilautor Knüsel ist Schweizer) und der falsch einsortierten Kultur aus der DDR nach der Wiedervereinigung (die anderen drei Autoren sind westdeutsch geprägt und wohl nicht viel herumgekommen), wird munter zwischen den 60er-, 80er-Jahren und heute gesprungen.

Luigi Nono hätte man in Italien nicht gebraucht und Christoph Marthaler nicht in der Schweiz, die Goethe-Institute seien zu selbstreferenziell, die Kritiker zu schwach, die Protestanten hätten ein zu ergriffenes Kulturverständnis während die Katholiken sich nur den Karneval gönnen. Handfeste Nachweise fehlen leider in diesem Buch.

Der Vorabdruck im Spiegel: Ein Skandal

Doch der wahre Skandal ist der unkommentierte Vorabdruck im Spiegel. Zustimmung kann allenfalls erwarten, wer sich auf Stammtischniveau begibt. Hier wird nicht vorgeschlagen, das kulturelle und gesellschaftliche Tafelsilber zu verkaufen, es soll vielmehr gleich zum Fenster hinaus geschmissen werden. Der Vergleich mit den Kirchen hinkt gewaltig – denn erfreulicherweise sind weder Theater noch Museen ähnlich luftig gefüllt wie (bedauerlicherweise) die Gotteshäuser. Warum eigentlich kommt diese Debatte jetzt? Niemand weiß es so richtig. Ein Sturm im Wasserglas.

Wenn man das Buch gelesen hat, merkt man, woran es krankt: Es hat keine Persönlichkeit, kein Herz. Nie sagt hier jemand „Ich finde dies und dies, weil ich dieses und jenes erlebt habe.“ Niemand spricht hier von persönlichen Erfahrungen – außer in dem zynischen Grußwort, in dem sich diese Schreibtischtäter bei den Kulturmachern für die unfreiwillige Inspiration bedanken. Ja, schlimmer noch – hier sagt nie jemand auch nur „ich“. Alles ist in einem kalt fordernden, robespierrehaften Ton geschrieben in Vorfreude auf das Blut, das die Guillotine heruntertropft. Es tropft aber nicht.

Oliver Reese ist seit 2009 Intendant am Schauspiel Frankfurt. Zur Debatte erschien bereits ein Interview mit dem Autor des Buches "Kulturinfarkt", Stephan Opitz und ein Text des Filmregisseurs Christoph Hochhäusler.

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