Lade Inhalte...

Buchpremiere "Die Scanner" Lesen im Jahr 2035

Digitalisierung ist nicht Segen, sondern Fluch in dem dystopischen Roman „Die Scanner“, angesiedelt im Jahr 2035. Robert M. Sonntag alias Martin Schäuble stellt sein Buch auf dem Campus Rütli vor.

Das ist Martin Schäuble, der auch als Robert M. Sonntag schreibt. Foto: privat

Bücher sieht man kaum noch in öffentlichen Räumen. Lässt sich doch ein Leser mit einem Buch – so einem aus Papier, mit schwarz auf weiß gesetzten Buchstaben – blicken, dann sind die Scanner nicht weit. Die sammeln Bücher, bieten viel Geld, fragen nach weiteren Adressen von Papier-Lesern. Und dann werden die Bücher digitalisiert. Bis keins mehr übrig ist.

Der Roman über „Die Scanner“ spielt im Jahr 2035, und es kann einem Leser angst und bange werden, wenn er sich ausmalt, wie es ihm in dieser absehbaren Zeit selber ergehen könnte – oder den eigenen Kindern. Der Autor sagt, er habe an seinen Sohn gedacht beim Schreiben und versucht, sich die technischen Möglichkeiten seiner Zukunft zu fantasieren.

Robert M. Sonntag steht als Autorenname auf dem Buch, eigentlich handelt es sich um Martin Schäuble, der schon 2007 mit der „Geschichte der Israelis und Palästinenser“ im Jugendprogramm von Hanser aufgefallen ist. Für sein Buch „Black Box Dschihad“, 2011 erschienen, folgte er den Lebens- und Entscheidungswegen eines jungen Deutschen und eines jungen Palästinensers, die beide als Gotteskrieger kämpfen wollen und den eigenen Tod einkalkulieren. Damals konnten wir ihn auf der Leipziger Buchmesse beobachten.

Eine Gruppe von 13- bis 15-Jährigen der Berliner Literaturinitiative sollte ihn interviewen, aber Martin Schäuble wollte lieber von denen hören, was sie denken und stellte selber Fragen. Von den guten Kritiken für das Buch kann Schäuble mit seinem neuen Namen nicht zehren. Sogar noch eines von ihm ist gerade erschienen: „Zwischen den Grenzen“, Untertitel: „Zu Fuß durch Israel und Palästina“. Dafür war er in brisanter Gegend unterwegs, lässt teilhaben an seinen Eindrücken von den sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen und an den Gesprächen, die er vor Ort führte.

„Schäuble ist kein guter Name für einen Roman“, sagt Martin Schäuble. Er habe sich oft gegen ihn behaupten müssen, gegen die Etiketten: Familie, CDU, süddeutsch. Nein, er ist nicht verwandt mit dem Bundesfinanzminister. Nach dem Abitur bewarb er sich bei Zeitungen, die Freie Presse in Chemnitz nahm ihn auch ohne Studium.

Denn schreiben wollte er zwar, doch was und wie, wurde ihm erst klar, als er während seines Volontariats in der Nachrichtenredaktion anlangte. Bald bearbeitete er ein Themenfeld, das zwar höchst wichtig war, an das sich aber keiner gern heranwagte: die rechtsextremistische Szene in Sachsen. Er wurde als Redakteur übernommen, verließ aber nach zwei Jahren die Zeitung, um doch noch zu studieren.

Der 34-Jährige ist inzwischen promovierter Politikwissenschaftler und wohnt derzeit in Ramallah. Dort arbeitet er für eine Entwicklungshilfeorganisation und bietet Medienseminare an. Derweilen promoviert seine Frau in Islamwissenschaften. Mit zwei kleinen Kindern von sechs Monaten und knapp zwei Jahren und Wohnort im Westjordanland ist es nicht einfach, nun als Autor von gleich zwei Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt präsent zu sein.

Nächste Woche findet wieder die Buchmesse in Leipzig statt. Wir haben uns zum Telefonieren verabredet. Noch vor der Messe wird Schäuble an diesem Donnerstag „Die Scanner“ auf dem Campus Rütli in Berlin vorstellen.

Der Name Robert M. Sonntag erinnert Leser mit Erfahrung an Guy Montag, der in Ray Bradburys Roman „Fahrenheit 451“ dafür zuständig ist, Bücher einzusammeln und zu vernichten. Bradburys Vision reichte vor sechzig Jahren, nach der Erfahrung des Nationalsozialismus, bis zum Verbrennen der Bücher. Sonntag vernichtet sie nun durch das Digitalisieren; das digitale Archiv, in dem die Bücher angeblich landen, gibt es nicht.

Die Organisation, die das Druckwerk einzieht, will die Gedanken der Menschen kontrollieren. Bradburys Montag hat einen Mentor, der ihn aus der geistig armen Welt heraus hilft. Sonntags Rob hat auch einen Lehrer, der ihn nach und nach über den Schwindel aufklärt – und ihm Lektüre empfiehlt: George Orwells „1984“, Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ und eben auch Ray Bradburys „Fahrenheit 451“.

Es hat immer Autoren gegeben, die aus Erscheinungen der Wirklichkeit eine düstere Zukunft bauen. Derzeit erhärtet sich der Eindruck, dass Dystopien im Jugendbuchbereich das Zaubern und Blutsaugen ablösen. Die Idee zu den „Scannern“ kam ihm, erzählt Schäuble, als er verfolgte, wie rasant sich das elektronische Lesen veränderte. Erst sei es nur ein dem gedruckten Schriftbild ähnlicher Text auf einem kleinen Bildschirm gewesen, dann seien immer mehr Funktionen dazugekommen: Definitionen, Illustrationen, Musik.

Inzwischen könne man mit den Geräten spielen. Mit dem E-Book würde die Literatur immer unbedeutender. Ab 14 Jahren empfiehlt der Verlag „Die Scanner“, legt es also genau der Generation ans Herz, die mit dieser Technik erwachsen wird. Es ist vielleicht die letzte, die noch die ganze Schulzeit durch mit Büchern gearbeitet hat. Es ist vielleicht die letzte, die noch Aufsätze per Hand schreiben musste und Gedichte auswendig gelernt hat.

Martin Schäuble merkte beim Schreiben, wie ihm die Wirklichkeit näher rückte: Datenhacking, Überwachungssysteme, Brillen, die wie Computer funktionieren. Natürlich werden „Die Scanner“ nun auch als E-Book angeboten. Und er selbst lese doch sicher längst elektronisch, wenn er immer so viel unterwegs sei? „Nein, ich habe keinen E-Book-Reader und kein Smartphone, ich bin nicht bei Facebook, wir haben nicht mal einen Fernseher“, sagt Martin Schäuble. Zur Erinnerung: Er ist 34. „Ich mag Bücher, trage sie gerne mit mir herum und habe sie gerne im Regal.“

In seinem Roman schließen sich die Verteidiger des gedruckten Buchs in der Büchergilde zusammen. Sie sprechen über die Bücher, die sie lesen. Sie erklären dem Buchagenten Rob, wie sich ein Literaturagent einst für Autoren einsetzte. Sogar Gutenberg bekommt eine Rolle. Schöne alte Leserwelt.

Buchpremiere am Donnerstag (7. 3.), 19 Uhr, Campus Rütli, Rütlistr. 41, Eintritt frei. Eine Leseprobe finden Sie hier.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen