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Buchmesse in Istanbul Alle kritischen Fragen ansprechen

Die Bundesrepublik soll bei der Istanbuler Buchmesse im November Gastland sein. Geplant wird der Auftritt wieder in Frankfurt. Dieses Mal stehen die Organisatoren unter besonderer Beobachtung.

Protest gegen die Übernahme der Zeitung Zaman durch die Regierung in Istanbul im März 2016. Foto: imago/ZUMA Press

Autoren und Verleger werden verhaftet, Buchhandlungen gestürmt und angezündet. „Die Situation ist dramatisch“: In diese schlichten Worte kleidet Katja Böhne, die Sprecherin der Frankfurter Buchmesse, was derzeit in der Türkei geschieht.

Trotz der harten Repression durch die türkische Regierung halten die deutschen Organisatoren aber an einem wichtigen Auftritt fest: Die Bundesrepublik soll Gastland sein bei der internationalen Buchmesse von Istanbul, vom 12. bis 15. November. Die größte Bücherschau in der Türkei bringt jährlich bis zu 500 000 Besucher auf das Messegelände am Rande der Millionen-Metropole. Seit zwei Jahren wird der deutsche Auftritt vom Main aus geplant: Organisatorin ist die Frankfurter Buchmesse.

Das hat zunächst schnöde wirtschaftliche Gründe. Im Interesse der deutschen Buchbranche versuchen der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Buchmesse, „weltweit das Netzwerk von publishing professionals auszuweiten“, wie Böhne sagt. Die Messe organisiert Ausstellungen, Kolloquien, Diskussionsforen weltweit. Sie hilft dabei, in den Verlagsbranchen vor Ort professionelle Strukturen aufzubauen. „Wir sind auch jetzt in der Volksrepublik China, in Saudiarabien und Weißrussland präsent“, so Böhne – also in Ländern, in denen es um die Menschenrechte schlecht bestellt ist.

So lässt das Team im Haus des Buches in Frankfurt auch jetzt den Kontakt in die Türkei nicht abreißen. Telefonisch und per E-Mail halten die Mitarbeiter die Verbindung zu Verlagen und Zeitungen, die noch nicht geschlossen sind. Gesprächspartner der Frankfurter Buchmesse vor Ort sind auch der türkische Verlegerverband und die Messegesellschaft von Istanbul. „Sie freuen sich, dass Deutschland sein Engagement als Gastland aufrechterhält und unterstützen uns nach Kräften“, erklärt Bärbel Becker, die langjährige Leiterin der Abteilung Internationale Projekte bei der Buchmesse.

Sie ist stolz darauf, dass sich bisher 29 deutsche Verlage zum Gemeinschaftsstand in Istanbul angemeldet haben, darunter namhafte Häuser wie Rowohlt und der Christoph Links Verlag. Die Buchmesse hat sich vorgenommen, in der Türkei „hart in der Sache, aber höflich im Ton“ aufzutreten, so Böhne.

Tatsächlich organisieren die Frankfurter seit mehr als 25 Jahren die deutsche Präsenz bei der Buchmesse in Istanbul. Sie sind sich der Tatsache bewusst, dass sie dieses Mal unter besonderer internationaler Beobachtung stehen werden. „Die Messe wird ein Gradmesser sein für den Zustand der Demokratie“, sagt Böhne und fügt hinzu: „Wir können nicht mehr tun, als eine Plattform zur Diskussion zu bieten.“

Die Frankfurter wollen sich aber auch nicht als Alibi für eine zunehmend diktatorisch vorgehende Staatsführung missbrauchen lassen. Also planen sie in Istanbul eine öffentliche Diskussionsveranstaltung unter dem Motto „Für das Wort – Freiheit des Publizierens“. Zugesagt für einen Auftritt auf dem Podium hat bereits Ilija Trojanow, der deutsche Schriftsteller bulgarischer Abstammung. Er kämpft seit Jahren in seinen Publikationen auch gegen den Abbau bürgerlicher Rechte – auch in Deutschland. Und besitzt Erfahrung mit Abwehrreaktionen des Staates: 2013 verweigerten ihm die USA die Einreise zu einem Germanistenkongress, weil er die Praktiken der US-Geheimdienste kritisiert hatte.

Auftreten bei der Buchmesse in Istanbul möchte auch Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Er hat gerade eine Online-Petition für die Meinungsfreiheit in der Türkei gestartet, gemeinsam mit dem PEN-Zentrum Deutschland und Reporter ohne Grenzen. Mehr als 78 000 Unterzeichner gibt es mittlerweile. Etliche Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels unterstützen den Aufruf – darunter der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu, aber auch Alfred Grosser, Navid Kermani und Friedrich Schorlemmer.

Als symbolischer Akt wurde der Sitz der Europäischen Kommission in Brüssel mit den Worten „Stand up! Free Words Turkey“ angestrahlt. Der Auftritt von Skipis dürfte in der Tat ein Gradmesser dafür sein, wie es um die Meinungsfreiheit in der Türkei noch bestellt ist.

Bisher steht die Einladung aus der Türkei an das Gastland Deutschland jedenfalls noch. Der türkische Kulturminister hat sein Kommen zur Eröffnung der Messe in Istanbul zugesagt. Auch das deutsche Außenministerium, das Wirtschaftsministerium und das Goethe-Institut wollen prominent vertreten sein.

Gerade jetzt gelte es, „den Dialog mit der Türkei aufrechtzuerhalten“, sagt die Sprecherin der Frankfurter Buchmesse. Sie verspricht: „Wir werden alle kritischen Fragen ansprechen.“ Die Frankfurter hoffen, möglichst viele ihrer langjährigen türkischen Partner am deutschen Gemeinschaftsstand begrüßen zu dürfen. Doch Katja Böhne weiß: „Einige werden nicht kommen können – sie sitzen in Haft.“

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