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Veranstaltung Buchmesse Zwischen Distanz und Mitgefühl

Übersetzerinnen aus Kriegsgebieten erzählen von ihrer Arbeit und der Gratwanderung zwischen Interpretation und Authentizität. Auf dem von Claudia Kramatschek moderierten Podium des Zentrums für Politik, Literatur und Übersetzung diskutierten die Übersetzerinnen Larissa Bender und Sabine Müller.

Syrien
Ost-Ghuta bei Damaskus, leben im Krieg. Foto: rtr

Den eigenen Lieblingswitz gut zu erzählen, ist nie einfach. Den Lieblingswitz gut zu übersetzen, das ist noch mal eine ganz andere Sache. Jede Sprache hat ihren eigenen Wortschatz, ihre eigenen Redewendungen, einen eigenen Rhythmus. Ähnlich schwierig wie Humor ist es, Tragik authentisch in eine andere Sprache zu transportieren, wahrscheinlich ist es sogar noch schwieriger. Denn wie lässt sich Schmerz, wie lassen sich Trauer und Angst übersetzen ohne den persönlichen Ton zu verlieren?

An der diesjährigen Buchmesse sind in Frankfurt nicht nur zahlreiche Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Sprachregionen versammelt, sondern auch ihre ÜbersetzerInnen. Sie alle versuchen, mit ihrer Arbeit eine Brücke zwischen verschiedenen Kulturen und Ländern, zwischen verschiedenen Sprachen zu schaffen. Zwei von ihnen sind die Übersetzerinnen Larissa Bender und Sabine Müller, die Literatur aus verschiedenen Sprachen ins Deutsche übersetzen und sie so den deutschsprachigen LeserInnen zugänglich machen.

Sie haben sich heute beim Podiumsgespräch des Zentrum für Politik, Literatur und Übersetzung über ihre Arbeit unterhalten. Sie beide arbeiten mit AutorInnen aus Regionen, die seit langem und immer wieder von Krieg und gewalttätigen Konflikten gebeutelt sind. Sie transportieren Geschichten und Lebensrealitäten, die dem Leben vieler ihrer deutschen LeserInnen nicht ferner sein könnten.

Syrien ist nicht Marokko

Larissa Bender übersetzt seit Jahren aus dem Arabischen, vor allem Texte aus Syrien, einem Land, in dem sie lange gelebt und wohin sie immer wieder zurückgekehrt ist. Sie erzählt von der wachsenden Zahl syrischer AutorInnen, die ohne jegliche Kenntnis des deutschen Literaturbetriebs mit der Bitte um Übersetzungsarbeit an sie herantreten. Alle im Bewusstsein, dass sie nur so vermehrt gehört und gelesen, unter Umständen sogar erst so entdeckt werden. Bekannte Werke, die sie aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt hat, sind u.a. „Der Spaziergänger von Aleppo“ des syrischen Schriftstellers Niroz Malek  oder „Der Tod backt einen Geburtstagskuchen“ des in Wien lebenden, aus Syrien geflohenen Autors Hamed Abboud.

Viele der Autoren, mit denen sie zusammengearbeitet hat, würden inzwischen das Surreale suchen, um das Schlimme überhaupt noch erzählen zu können, so Bender. Sie spricht mit fester Stimme, auch wenn sie Berichte über Folter und Schmerz vorliest. Schlimme Szenen gehören zum Berufsalltag, beim Übersetzen liegt die Konzentration bei der Sprache, der Schock kommt oft erst danach. Vielfach komme das volle Bewusstsein darüber, was sie übersetzt hatte, erst beim Lesen der fertigen Übersetzung. Erst später würden einem die Bilder mit voller Wucht klar, anders wäre ihre Arbeit gar nicht möglich.

Gratwanderung zwischen Empathie und Distanz

Sabine Müller widmet sich Übersetzungen aus dem Indonesischen ins Deutsche. Sie lebt und arbeitet als freiberufliche Übersetzerin für Indonesisch und Englisch in Köln und ist außerdem als Redakteurin für verschiedene Online- und Printmedien und Indonesischdozentin tätig. Sie hat unter anderem den Roman „Schönheit ist eine Wunde“ von Eka Kurniawan aus dem Indonesischen ins Deutsche übersetzt.

Auch Müller beschreibt den Arbeitsprozess der Übersetzung als eine Gratwanderung zwischen Empathie und Distanz, zwischen Aneignung und Interpretation. Die Frage der Moderatorin, ob denn eine Passage schon einmal zu schlimm gewesen sei, als dass sie im Deutschen hätte geschrieben werden können, beantwortet sie mit einem klaren Nein. Es gehe beim Übersetzen darum, so nah am Text zu bleiben wie möglich, auch die literarische Sprache nur soweit zu verfälschen wie unbedingt nötig.

Sprache ist Kultur

Das Übersetzen von Literatur und Prosa setzt nicht nur voraus, dass man die zu übersetzende Sprache beherrscht wie die eigene, es geht auch darum, die Kultur des jeweiligen Landes zu kennen. Ein marokkanisches Buch aus dem Arabischen zu übersetzten, so Bender, sei etwas vollkommen Anderes, als die Arbeit an einem arabischen Buch eines Syrers. Um Geschichten in eine andere Sprache zu transportieren, muss man die Lebensrealität, die Kultur des Landes kennen, aus dem die AutorIn schreibt. Als Übersetzerin sei man immer mit im übersetzten Text präsent, und genau deshalb verlange die Arbeit viel Gewissenhaftigkeit und Gespür. In jeder Zeile steht die Übersetzerin als Interpretin zwischen dem Originalsatz und dem Übersetzten.

Dem Leser wird dieses Interpretieren und Transportieren allerdings nicht ersichtlich. Diese Verantwortung muss die Übersetzerin aushalten und die Rolle einer sehr persönlichen Botschafterin übernehmen wollen.

Den beiden Frauen geht es darum, Stimmen im deutschen Sprachraum und in Europa sichtbar zu machen, die ihre Erfahrungen in ihrer Heimat nicht laut aussprechen dürfen. In vielen Ländern warten junge, kreative Stimmen darauf, gehört zu werden und oft ist es dazu unerlässlich, dass ihnen mithilfe von Übersetzerinnen die Flucht über die Grenzen gelingt – in einem verfremdeten, und doch möglichst identischen Ton.

Dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen des Buchmessen-Projekts „Unter Dreißig“ mit Kulturjournalismus-Studierenden der Universität der Künste Berlin.

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