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Veranstaltung Buchmesse Wie Matrjoschkas

Einer der prominenten jungen Gäste der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist die marokkanisch-französische Schriftstellerin Leïla Slimani. Für ihren Roman „Dann schlaf auch du“ hat sie 2016 den renommierten französischen Buchpreis, den Prix Goncourt, erhalten. Auf einer Veranstaltung in den Hallen der Buchmesse erklärt sie, weshalb sie in ihren Büchern über Frauen schreibt.

Interview mit Leïla Slimani
Leïla Slimani im Gespräch über ihr Buch "Dann schlaf auch du" auf der Frankfurter Buchmesse. Foto: Laura Meier

Eine schmale Gestalt mit wildem Lockenkopf setzt sich auf den Hocker auf dem kleinen Podium am Stand der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Halle 3.1. Die wenigen Stuhlreihen die den Zuschauern zur Verfügung stehen sind bis zum letzten Platz gefüllt. Dahinter drängeln sich die Interessierten zwischen Wand und letzter Stuhlreihe. Sie alle sind gekommen, um Leïla Slimani sprechen zu hören, die gefeierte marokkanisch-französische Schriftstellerin, die nach Frankfurt gekommen ist, um Fragen zu ihrem kürzlich ins Deutsche übersetzten Bestseller "Chanson Douce", „Dann schlaf auch du“ zu beantworten. Der Roman erzählt die dramatische Geschichte zweier Frauen. Einer Mutter, die sich aufreibt zwischen ihrem Streben nach Selbstverwirklichung und der Verantwortung für ihre Familie und der Kinderfrau. Die Mutter ist zu beschäftigt mit ihrem Alltag und ihrem schlechten Gewissen, um die Veränderung der „Nounou“, der Kinderfrau, zu bemerken. Diese verzweifelt nach und nach an ihrer Situation und ihrer Unsichtbarkeit. Bis es zur Katastrophe kommt.

Slimani spricht über das schlechte Gewissen als ständigem Begleiter der Frauen, die in unseren Gesellschaften nach Erfolg streben. Sie erzählt davon, wie ihrer Generation von Frauen, die in den 1980er Jahren zur Welt gekommen sind, ständig erzählt worden sei, im Leben alles erreichen zu können. Nur habe ihnen niemand eine Anleitung dazu gegeben, habe sie niemand vor den Herausforderungen und den Konsequenzen gewarnt, die der eigene Erfolg für andere Frauen bedeuten würde.

Frauen tragen Frauen

Ce sont les femmes, qui portent les femmes, qui portent les femmes, - Frauen tragen Frauen, die wiederum Frauen tragen, erklärt Slimani energisch. Sie meint damit die Tatsache, dass erfolgreiche Frauen ihre Karrieren oft nur verwirklichen können, wenn sie Aufgaben an andere Frauen abgeben, Aufgaben, die gesellschaftlich nicht wertgeschätzt und schlecht entlohnt sind. Die Unsichtbarkeit verschwindet nicht, sie wird zum Problem der weniger privilegierten Frauen. „Comme des poupées Russes“, wie die Russischen Matrjoschka meint Slimani; nur die größte Holzpuppe, die größte Matrjoschka ist von außen sichtbar. Alle anderen verschwinden in ihr und für sie.
Die Überforderung, die Erschöpfung und die Ängste dieser äußerlich so erfolgreichen Frauen bleiben versteckt. Sie werden damit alleingelassen und über das ständige Gefühl, dem eigenen Leben hinterherzurennen, wird nicht gesprochen.

Die Tatsache, dass vor Leïla Slimani erst zwölf Frauen den renommierten französischen Prix Goncourt erhalten haben, obwohl der gesamte Literaturbetrieb - bis hin zu den Leserinnen - zu einem Großteil von Frauen getragen wird, passt zu Slimanis Themen auf fast tragikomische Weise.

Dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen des Buchmessen-Projekts „Unter Dreißig“ mit Kulturjournalismus-Studierenden der Universität der Künste Berlin.

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