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Interview Amok im Kopf

Lea-Lina Oppermann hat kürzlich mit gerade mal 19 Jahren ihren Debütroman „Was wir dachten, was wir taten“ veröffentlicht. Ein Gespräch mit der Autorin

Lea-Lina Opperman
Die Autorin Lea-Lina Oppermann Foto: Sebastian Bahr

Eine Schulklasse sitzt im Mathematikunterricht, als plötzlich eine Durchsage durch die Lautsprecher hallt: „Es ist ein schwerwiegendes Sicherheitsproblem aufgetreten. Bitte bewahren Sie Ruhe. Begeben Sie sich sofort in einen geschlossenen Fachraum und warten Sie auf weitere Anweisungen.“ Ist das nicht derselbe Text, der kommen würde, wenn es einen Amokalarm gäbe? 

Obwohl die Schüler schnell verstehen, dass es sich um einen echten Amoklauf handeln könnte, ist diese Störung vorerst nicht mehr als ein willkommener Anlass, um die Matheklausur nicht schreiben zu müssen. Die Stimmung kippt, als klar wird, dass sich ein Amokläufer im Gebäude befindet, und genau sie die Menschen sind, mit denen er noch nicht fertig ist.

Durch verschiedene Perspektiven, wie die des jungen Lehrers, Herrn Filler, des Einzelkämpfers Mark und der Streberin Fiona, nimmt Lea-Lina Oppermann, die selbst gerade erst 19 ist, ihre Leser auf 180 Seiten mit durch ihr Gedankenexperiment:

Du hast den Roman geschrieben, als du noch zur Schule gegangen bist. Wie sah der Entstehungsprozess aus?

Mir war das Schreiben einfach immer wichtiger als die Schule und es ist mir auch jetzt wichtiger als das Studium. Dadurch hatte ich eigentlich nie dieses Zeitproblem, auf das ich häufig angesprochen werde, ich hab mich im Zweifel immer für das Schreiben entschieden.

Und wieso ausgerechnet das Thema Amok?

Ich war in der elften Klasse, saß im Philosophieunterricht und wir redeten gerade über den Unterschied von Macht und Gewalt nach Hannah Arendt, da kam plötzlich die Durchsage, mit der auch das Buch beginnt. Wir waren uns erst nach einer Stunde ganz sicher, dass es sich um einen Fehlalarm handelte. Am selben Tag habe ich dann angefangen, diesen Roman zu schreiben und den Gedanken weiter zu spinnen, was in einer beliebigen Klasse passieren könnte, wenn es kein Fehlalarm, sondern ein realer Amoklauf gewesen wäre.

Hast du dich in dem Moment selbst bei einem Gedankengang ertappt, der dir eigentlich fremd war?

Ja, man denkt tatsächlich unglaublich primitive Sachen. Ich dachte zum Beispiel: Oh Gott, ich sitz in der ersten Reihe. Gedanken, die total dumm sind! Dadurch, dass es aber eben keine reale Situation war, konnte ich das schnell zur Seite schieben. Es war für mich unvorstellbar, dass jemand in meinem Alter, den ich kenne, einen Amoklauf verübt. Daher hatte ich auch nicht wirklich große Angst, es war eher diese Ungewissheit und ein bisschen diese Spannung, die ich ein Stück weit sogar genossen hab in dem Moment. Das wäre natürlich sofort zu Ende gewesen, wenn das Ganze real geworden wäre. 

Als es an der verschlossenen Klassentür klopft und ein kleines Mädchen davor steht, müssen die Schüler sich mit einer wahnsinnig schweren Frage auseinandersetzen und Fiona trifft eine folgenreiche Entscheidung. Wie ging es dir mit der Beschreibung dieses Entscheidungsprozesses?

Auch wenn es ein Gedankenexperiment ist, wollte ich doch, dass es so glaubwürdig wie möglich ist. Ich wollte, dass der Leser sich die Fragen, die sich diese Klasse in dem Moment stellt, auch selber stellen muss. Ich fand es beim Schreiben selbst etwas unheimlich, weil es eben keine angenehmen Fragen sind, auch beim Schreiben nicht. Würde ich die Tür öffnen oder nicht, ist ja eine ganz existentielle Frage. Ist das Leben der Einen wichtiger als das der ganzen Klasse? Man könnte natürlich auch sagen, ja wir sind so viele, die ist nur eine, wir lassen sie draußen. Das ist sehr schwierig. 

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