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Gespräch Nur mit den Frauen

Der Autor und Religionswissenschaftler Michael Blume im Gespräch über sein Sachbuch „Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug“.

Laut Michael Blume erlebe jede Religion Blütezeiten sowie Krisen. Dafür bekommt er Kritik von radikalen Stimmen. Foto: Katharina Rustler

Das Sachbuch „Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug“ erschien Ende August im Patmos Verlag und steht auf der Longlist des NDR-Kultur-Sachbuchpreises. Das bisher dritte Buch des Religionswissenschaftlers Michael Blume versucht die Welt des Islam zu analysieren und vor allem bestehende Stereotype aufzubrechen. Ein Gespräch mit dem Autor über Kritik an seinem Werk, Ganzkörperverschleierung und die Rolle der Frau.

Herr Blume, warum ein Buch über den Islam?

Eigentlich bin ich konfessionslos aufgewachsen. Als Jugend-Gemeinderat bin ich dann in den Dialog geraten und somit in die Auseinandersetzung mit Religion. Als junger Erwachsener habe ich mich taufen lassen und es nach einer Banklehre erst einmal übertrieben und Religionswissenschaften studiert, dann promoviert. Außerdem habe ich nicht nur eine Außensicht auf den Islam, sondern kenne als Teil einer christlich-islamischen Familie auch das innere Leben. Dazu kommen meine Aufenthalte im Irak, wo ich ein humanitäres Projekt geleitet und die Folgen der Ölförderung gesehen habe. Die Erfahrungen dort führten dazu, dieses Buch über den Islam zu schreiben. Es ist das erste und wird wahrscheinlich auch das einzige bleiben.  

Warum das einzige?

Es gibt bereits sehr gute Islam-Bücher und ich wollte nicht einfach noch eines schreiben. Mein Wunsch war, dass sowohl Muslime wie Nichtmuslime durch die Lektüre Dinge erfahren, die ihnen vorher nicht bewusst waren. So ein Projekt muss wachsen – dieses Buch ist zwanzig Jahre gereift und ich habe das Gefühl, dass viele Menschen, auch muslimische, darauf sehr positiv reagieren.

Haben Sie auch Kritik auf Ihr veröffentlichtes Buch erfahren?

Ja, von ganz Rechts kommt islamfeindliche Kritik. Und es gab Einwände von der radikal-islamischen Seite. Die Extremisten sind sich wieder mal einig: Nur andere Religionen könnten in einer Krise sein, der Islam angeblich nie. Insgesamt ist das Interesse aber sehr groß, letzte Woche war ich sogar in einer Moschee zu einer Lesung eingeladen. Viele, die in Moschee-Gemeinden aktiv sind, können die jungen Leute kaum mehr erreichen und sind dankbar, dass das Gespräch darüber eröffnet wird.

Was sagen Sie zu der liberalen Moschee in Berlin, die dieses Jahr von Seyran Ates eröffnet wurde?

Ich halte es für ganz wichtig, dass sich auch die sogenannten liberalen Muslime selbst organisieren. Die Lösung für die islamische Krise liegt bei den Vernünftigen, denn ansonsten besteht die Gefahr, dass entweder weiterhin fundamentalistische Minderheiten das Bild prägen oder ein Staats-Islam entsteht, der eigentlich mit unserer Trennung von Kirche und Staat nicht vereinbar ist.

Immer mehr europäische Länder denken über gesetzliche Verhüllungsverbote nach. In Österreich zum Beispiel ist am 1. Oktober eines in Kraft getreten. Was halten Sie davon?

Ich habe viele Erfahrungen mit Menschen, die ganz verhüllt sind und hier muss ich klar sagen, dass da kein Dialog entsteht. Bei uns gilt ein klares Bekleidungsgebot, man kann nicht einfach nackt herumlaufen, aber genauso sollten wir darauf bestehen, dass das Gesicht einer Person zu sehen ist. Ich habe persönlich kein Problem mit Kopftüchern, Kippot, Hüten oder Turbanen. Aber wenn Menschen untersagt wird, ihr Gesicht zu zeigen, werden sie damit aus dem Diskurs freier Bürger ausgeschlossen. Deswegen bin ich eindeutig ein Gegner der Ganzkörperverschleierung.

Aber würden Sie sagen, dass ein Gesetz die richtige Entscheidung ist?

Verfassungsrechtlich ist es wahrscheinlich gar nicht möglich, das einfach generell zu verbieten, aber dort, wo man es verbieten kann, sollte man das auch tun. Denn es gibt nur wenige Frauen, die das für schicklich halten, bei den meisten ist es eine Folge der männlichen Unterdrückung. Eine freiheitliche Gesellschaft muss für die Freiheiten auch der Frauen kämpfen, mit allgemeinen Gesetzen und mit Erhöhung des Drucks.

In „Islam in der Krise“ sprechen Sie ja auch konkrete Lösungsansätze an. Vor allem die Stärkung von Frauenrechten – wie kann man sich das im alltäglichen Leben vorstellen?

Als Religionswissenschaftler kenne ich keine Kultur, keine Religion, die sich an den Frauen vorbei entwickelt hat. Also wenn Frauen keine gleichberechtigte Bildung erwerben können, werden diese Probleme an die nächste Generation weitergegeben. Und unter Umständen verzögern sich dadurch Integrations- und Aufstiegsprozesse massiv. Das erleben wir heute schon an unseren Grundschulen.

Wie kann konkret versucht werden, vor allem Frauen in Deutschland zu integrieren?

Vor allem durch Bildung und die Überwindung von patriarchalen Strukturen. Die haben wir überall, zum Beispiel auch unter Yeziden. Es darf jedoch in Deutschland und Europa keine Entschuldigung mehr für die Unterdrückung von Frauen geben, auch keine vermeintlich religiöse. Der Integrationsprozess muss stärker begleitet werden. Zum Beispiel muss geprüft werden, ob Frauen von ihrem Umfeld an Sprachkursen gehindert werden. Wenn das der Fall ist, sollten auch Sanktionen verhängt werden – aber nicht gegen die Frauen, sondern gegen die Partner. Wenn die Frau keine Möglichkeit hat, sich zu entwickeln, dann werden es auch ihre Kinder schwer haben. Ich sage das auch meinen muslimischen Freundinnen und Freunden: Wenn der Islam aus dieser Krise herausfinden will, dann nur mit den Frauen. 

Dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen des Buchmessen-Projekts „Unter Dreißig“ mit Kulturjournalismus-Studierenden der Universität der Künste Berlin.

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