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Buchmesse - Verlagsporträt Frauen sichtbar machen

Auf der Buchmesse präsentieren sich auch die eher unbekannten unabhängigen Verlage. Die Verlegerin Britta Jürgs bringt im AvivA-Verlag seit zwanzig Jahren Bücher von weiblichen Autorinnen heraus, die die Geschichte sonst entsorgt hätte. Gerade neu bei ihr erschienen ist auch ein kaum bekanntes Theaterstück von Virginia Woolf.

Verlegerin Britta Jürgs in ihrem Stand des AvivA-Verlags auf der Buchmesse Foto: Eva Marburg

In Halle 4.0 drängeln sie sich dicht an dicht in kleinen Ständen, einige von ihnen könnte man mit zwei Schritten ausmessen: die kleinen aber feinen unabhängigen Verlage. Sie präsentieren abseits des großen Marktgeschreis um die Stars der Literaturbranche mit stolzer Zärtlichkeit ihre Bücher, die sie behandeln wie Schätze.

Die Verlegerin Britta Jürgs ist so eine Schatzheberin: Mit dem AvivA-Verlag begann sie vor zwanzig Jahren mit ihrer Pionierarbeit auf dem Gebiet der weiblichen Literatur. Bei ihr stehen Frauen im Verlagsprogramm, die von der Geschichte vergessen und verdrängt wurden.

Ständiges Erinnern

Wie die jungen, zum Teil jüdischen Autorinnen, die bis 1933 ihre Anfänge als Literatinnen hatten und nach 1945 gar nicht mehr bekannt waren sowie Künstlerinnen, Autorinnen und Architektinnen der Avantgarde. „Der Feminismus hat viel mit kulturellem Vergessen zu tun“, sagt Britta Jürgs. Ihr gehe es daher vor allem um die Wiedersichtbarmachung von Künstlerinnen und schreibenden Frauen, um ein ständiges Erinnern daran, an welchem Punkt Frauen schon einmal waren, was sie denken und gedacht haben.

Sie hat in ihrem Programm oft Texte veröffentlicht, die in der Zusammenstellung so noch nie erschienen waren, sondern aus unterschiedlichen Quellen recherchiert wurden. In dem Band „Das Mädchen mit wenig PS“ finden sich die gesammelten Feuilletonartikel der Journalistin Ruth Landshoff-Yorck aus den 1920er-Jahren. Texte von herausstechender Modernität, so die Verlegerin, die als Einzeltexte über verschiedene Zeitungen verstreut waren.

Auch die Romane der Autorin und Schauspielerin Lili Grün, die 1942 in einem Vernichtungslager ermordet wurde, erschienen als Folgeromane in Zeitungen. Ihr Ton sei wunderbar lakonisch, so Britta Jürgs, selbstironisch und sehr frech, wie zum Beispiel in dem Gedicht über einen One-Night-Stand „Ein Fräulein erwacht in einer fremden Wohnung“.

Eine weitere literarische Schatzhebung und ganz neu erschienen ist Virginia Woolfs einziges Theaterstück „Freshwater“, das Anfang 1935 im kleinen halbprivaten Kreis der Bloomsbury-Gruppe seine erste und letzte Aufführung erlebte.

Banale Querelen in der Künstlerkolonie

Die Handlung dieser kaum dreißig Seiten langen „Eselei“, wie Woolf es nannte, ist eine äußerst witzige Farce auf den künstlerischen Familienkreis der Autorin. Es spielt auf dem Anwesen Freshwater ihrer exzentrischen Großtante und seinerzeit berühmten Fotografin Julia Margaret Cameron. Die Figuren sprechen in Versen, benehmen sich äußerst tragisch („Er wankt verstört durchs Zimmer“), malen am großen Zeh des Mammon („…nach monatelanger Arbeit, Monaten harter Arbeit, ist der Zeh des Mammon nun gezeichnet“) und deklamieren Gedichte.

In den scheinbar banalen Querelen dieser kleinen Künstlerkolonie hat Virginia Woolf natürlich trotzdem eine starke Szene weiblicher Befreiung implantiert: Als die junge Ehefrau Nell, die ihrem Malergatten Watts täglich stundenlang Pose sitzen muss, dem Seefahrer John begegnet, verlieben sich die beiden spontan und Nell schmeißt einem just vorbeikommenden Delphin (!) ihren Ehering in den Rachen: „Da – kleiner Tümmler. Nimm das! Jetzt bist du mit Mr. Watts vermählt.“

Frauen lieben das Abenteuer, Frauen steigen aus dem Bild heraus, das Männer sich von ihnen machen wollen und schippern lieber mit ihrer neuen Liebe auf das Meer der spontanen Ungewissheit hinaus. Virginia Woolf, die uns schon lange vor allen Genderdiskursen in ihrem Roman „Orlando“ mit dem Konzept des fluiden Geschlechts bekannt gemacht hat, beharrt selbst in ihrer skurilen „Eselei“ darauf, dass Frauen sich die Ketten und Ringe jederzeit abwerfen können. Und damit ist sie im AvivA-Verlag bestens aufgehoben.

 

Dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen des Buchmessen-Projekts „Unter Dreißig“ mit Kulturjournalismus-Studierenden der Universität der Künste Berlin.

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