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Buchmesse – Migration und Heimat Warum es mehr Haltung im Journalismus braucht

Die Journalistin und Moderatorin Dunja Hayali stellt in Frankfurt ihr Buch „Haymatland“ vor – und gleichzeitig einen Haltungsratgeber für ihre Branche. Ein Kommentar

Dunja Hayali während ihrer Buchvorstellung auf der Frankfurter Buchmesse. Foto: Isabella Nadobny / FR

Freitagnachmittag. Dunja Hayali bringt ihr Publikum zum Schmunzeln, wenn sie im Gespräch mit Alfons Kaiser von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagt: „Wortspiele scheinen für manche nur schwer erträglich zu sein“. Natürlich spielt sie damit auf den Titel ihres neuen Buches an: „Haymatland“. Der hatte ihr die Kritik eingebracht, zur Islamisierung des Abendlandes beizutragen. Das Spiel der Autorin mit ihrem eigenen Nachnamen scheint einigen glatt entgangen zu sein. Dass es sich bei der Überschrift um eine Anlehnung an die Schreibweise ihres Nachnamens handelt, kommt ihnen anscheinend nicht in den Sinn.

Dunja Hayali ist an diesem Tag mehrfach zu erleben. Hier bei der FAZ und nur wenig später bei der Zeit. Sie lacht kurz auf, als sie sich am Ende des ersten Events dabei ertappt, wie sie die Folgeveranstaltung der Konkurrenz ankündigt. Schnell bildet sich eine kleine Traube um die Moderatorin. Die Fans wollen Selfies und Autogramme. Die Zeit drängt. „Kommt doch einfach mit“, ruft Hayali lächelnd in die Menge und eilt durch die Bücherreihen zur nächsten Veranstaltung. Das sind die einzigen beiden Gags, die sich die 44-Jährige an diesem Nachmittag auf der Buchmesse erlaubt. Ansonsten geht es bei ihr sehr ernst zur Sache, meinungsstark und mit klarer Haltung.

Es heißt Heimaten, nicht Heimat!

Ginge es nach Dunja Hayali, dann würden wir in Deutschland nicht von „der Heimat“, sondern von „den Heimaten“ sprechen, so Hayali im Gespräch mit Marieke Reimann, der Chefredakteurin von ze.tt. So sei es auch normal, wenn Menschen sich unabhängig von ihren kulturellen „Vordergründen“ nicht ausschließlich einem Ort zugehörig fühlten. Das wiederholt Hayali immer wieder bei ihren Buchmesse-Auftritten, und eigentlich kann man deren Message gar nicht oft genug hören. Gerade hier. Sind doch Medienmacher*innen und Journalist*innen kräftig daran beteiligt, dass der Heimatbegriff in Deutschland nach wie vor so heikel konnotiert ist. Und so anfällig für den Missbrauch durch rechte Propaganda. „Was ist Heimat?“, „Fremde Heimat“ und „Meine Heimat“, so die Aufmacher in den Medien. Als könne es dazu überhaupt eine allgemeine, wahre Antwort geben. Aber warum kann „meine Heimat“ nicht auch „deine Heimat“ oder „unsere Heimat“ sein? Dunja Hayali jedenfalls macht mit in ihren Statements deutlich, warum das Gefühl von Zuhause in einer demokratischen Gesellschaft kein Wettstreit, vielmehr ein Miteinander sein muss. Weil Sprache unsere Zusammenleben mitgestaltet, scheint auch Hayalis Vorschlag, die Einzahl des Wortes im Duden zur Mehrzahl umschreiben zulassen, als Schritt in die richtige Richtung.

Sich mit Menschlichkeit gemein machen, auch im Netz

„Warum habt ihr denn keine richtigen Deutschen?“, ist die Frage, mit der Hayali und ihr Kollege beim ZDF in der Vergangenheit ständig konfrontiert wurden. Und das ist (leider) noch eine der harmloseren Kommentare, die in den letzten Jahren auf die Moderatorin, Tochter irakischer Christen, hinabregneten. Dass viele Hasskommentare „rechts außen“ und nicht nur einfach als „rechts“ einzuordnen sind, betont Hayali auf der Buchmesse immer wieder. Das sei wichtig, weil es konservative Haltungen sehr wohl von rassistischem Gedankengut abzugrenzen gilt. Solch deutlichen Statements würde man sich öfter auch von anderen Akteur*innen aus der Medienbranche wünschen. In den aktuell geführten politischen Debatten muss klarer unterschieden werden zwischen Recht und Unrecht sowie Meinung und Populismus. Denn Rassismus und Menschenverachtung sind keine Meinung.

„Menschen haben mir zunächst abgesprochen, dass dieses Land auch mein Land ist“, sagt Hayali, die 2007 die Moderation der ZDF-Nachrichtensendung heute übernahm. Seit der Flüchtlingssituation 2015 ist Hayali der Aggressivität im Netz und in der analogen Welt noch stärker ausgesetzt. Im Netz wurden ihr auch schon mal Vergewaltigung und Gewalt gegenüber ihrer Familie angedroht. Auch bei den Ausschreitungen in Chemnitz war Hayali im September dieses Jahres vor Ort. Mit ihrem Team wurde sie von Demonstrant*innen bespuckt, wüst beschimpft und physisch in die Enge getrieben. Sie habe sich in diesen Momenten und auch danach klein und machtlos gefühlt. Ihre Überzeugung lässt sie sich zum Glück dennoch nicht nehmen: „Wer meint, mich für meine Haltung zu Humanität, Pluralismus und gegen Rassismus mit Hass, Beleidigungen und Drohungen anfeinden zu können und vorgibt, das unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit zu tun – da muss ich sagen, Leute, dann bin ich deutscher als ihr. Denn ich weiß, was in diesem Grundgesetz steht.“

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