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Buchmesse - Junge Literatur Kaputtes Kinderbuch

Neben Unmengen an Büchern für die Großen präsentiert die Frankfurter Buchmesse auch Literatur für die Kleinen. Pinkfarbene Einhörner und kugelrunde Ritter soweit das Auge reicht, trotzdem kann von Friede, Freude, Eierkuchen in der Kinder- und Jugendliteratur nicht die Rede sein. Denn ein entscheidender Faktor fehlt: Diversität.

Foto: Monica Camposeo

Wo bleibt die Vielfalt?

Auch in Deutschland wachsen Kinder schon lange nicht mehr nur mit deutscher Muttersprache auf. Neben einem mehrsprachigen Sortiment sollte eine vielfältige Gesellschaft auch in den Illustrationen und Erzählungen repräsentiert werden. Deshalb hat sich der Börsenverein am Freitagnachmittag in der Diskussionsrunde „Afrika-Bilder in der deutschsprachigen Kinderliteratur“ die Frage gestellt, welche Vorstellungen Kinderbücher vom afrikanischen Kontinent vermitteln. Die Antwort ist kurz: Fast gar keine.

Das Problem ist komplex, wie der interdisziplinäre Künstler Philipp Khabo Koepssel auf dem Podium erklärt: „Meine Tochter ist in Deutschland geboren, genauso wie ihre Eltern. Per Definition hat sie nicht mal mehr einen Migrationshintergrund. Und trotzdem kann sie sich mit den Figuren in den deutschen Kinderbüchern nicht identifizieren, weil diese alle Weiß sind und dementsprechend nicht so aussehen wie sie. Meine Tochter ist Deutsche, aber es gibt keine deutschen Bücher für sie.“

Sonja Matheson vom schweizerischen Verlag Baobab Books kann das Problem bei der Diskussionsrunde nur bestätigen. Der Verlag stellt jährlich eine Liste mit empfohlenen Büchern vor, die die kulturelle Vielfalt thematisieren. Die aktuelle Ausgabe beinhaltet 58 Bücher, davon seien jedoch nur drei über Afrika. Schwarze Kinder werden fast gar nicht repräsentiert. Wenn sich Bücher mit diesem Kontinent auseinandersetzen, bedienen sie meist die gängigen Klischees. „Es gibt keine zeitgenössischen Bilder von afrikanischen Großstädten“, beklagt Sonja Matheson. In Verbindung mit Afrika werden in den meisten Fällen die Natur, die wilden Tiere oder die Tradition in den Vordergrund gerückt. Dieses sehr einseitige Afrika-Bild steht dann dem Bild von modernen Großstädten und Technik in Europa gegenüber. Die Moderatorin Michaela Schmitt-Reiners vom Verband Binationaler Familien und Partnerschaften spricht von einem Bildungsauftrag und schlägt vor, dass mehr Geschichten in Luanda, Lagos oder Kapstadt spielen sollten. Denn Afrika wird auch stets als Ganzes gesehen und die Differenzierung in einzelne Länder, wie es für den Rest der Welt üblich ist, findet nur selten statt.

Wer lange sucht, kann nichtsdestotrotz ein paar gute Bücher finden – allerdings selten bei den großen Verlagen. „Ich verstehe nicht, warum die etablierten Verlage ihr Sortiment nicht erweitern wollen. Außer aus kapitalistischen Gründen natürlich. Das wiederum wäre sehr traurig für unsere Gesellschaft“, bedauert Philipp Khabo Koepssel.

Wir brauchen mehr Normalität

Unschön ist auch dieses Phänomen: Schwarze Kinder oder Mädchen mit Kopftuch werden meist nur in Verbindung mit Problemen oder negativen Ereignissen thematisiert. Warum gibt es keine Erzählungen aus dem Schulalltag einer Heldin, die ein Kopftuch trägt? Bücher sollten Kindern ein Bild der Gesellschaft zeigen, in seiner ganzen Diversität, und nicht nur eine Idee von der Gesellschaft, die viele vielleicht noch von früher in ihren Köpfen haben. Tauchen beispielsweise Menschen aus dem arabischsprachigen Raum ausschließlich in Geschichten und Bildern über Flucht auf, setzt sich in unseren Köpfen die unmittelbare Verbindung zwischen „aus dem arabischen Raum stammen“ und „Flucht“ fest, so dass wir dann denken, alle Menschen aus dem arabischen Raum seien Geflüchtete, was ja eindeutig nicht der Fall ist. „Wir sollten das zeigen, was uns verbindet, den Alltag, die Sorgen oder Freuden des Lebens. Und nicht, was uns trennt“, empfiehlt Sonja Matheson vom Verlag Baobab Books.

Die Branche ist im Umschwung, das zeigen die diesjährigen Programme im „Kids-Universum“. Es gibt noch viel zu tun, damit Kinderbücher in Zukunft nicht nur außen, sondern auch innen bunter werden.  

 

Dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen des Buchmessen-Projekts „Unter Dreißig“ mit Kulturjournalismus-Studierenden der Universität der Künste Berlin.

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