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Buchmesse Jedes Leben bezähmt den Zwang

Das Streben nach Glück führt den Menschen schnell auf falsche Pfade, die Glücksspielsucht ist einer davon. Mit seinem Erstlingswerk „Alles Verlorene noch einmal in den Händen halten“ präsentiert Leonard Prandini auf der Frankfurter Buchmesse einen gesellschaftsanalysierenden Tatsachenroman voller Poesie

Leonard Prandini
Der Autor Leonard Prandini. Foto: Luciano Prandini

Die Sucht nach dem Glücksspiel ist keine besonders coole Sucht. Während die Genialität zahlreicher Roman- und Filmhelden geradezu darauf begründet ist, dass die Protagonisten ununterbrochen koksen oder hemmungslos saufen, ist der dauerhaft vor dem Spielautomaten hockende Held eine seltene Figur. Der junge Autor Leonard Prandini hat sich ebendieser Thematik angenommen.

Sein Debütroman mit dem stimmungsvollen Titel „Alles Verlorene noch einmal in den Händen halten“ (Retap Verlag) erzählt das Schicksal von Christoph, einem zarten, selbstreflexiven Mann Mitte vierzig, der aber durch diese Zartheit sich seiner Identität nicht sicher ist. Er arbeitet nur gelegentlich und ist verschuldet, er befindet sich in einer verzweifelten Liebesbeziehung, in der beide Partner dazu verdammt sind, nur aneinander vorbeizureden, er hat überdies den Kontakt zur sozialen Gemeinschaft weitestgehend verloren. Seine Freizeit verbringt er lieber mit Automaten als mit Menschen. Seit Jahren ist Christoph glücksspielsüchtig.

Noch mehr als jede andere Sucht sei die Glücksspielsucht eine Sucht nach Verdrängung, betont Leonard Prandini im Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse. Einem Spieler ginge es nicht ums Gewinnen, sondern um das Gefühl der Hoffnung nach einem besseren Leben, das die Möglichkeit eines Gewinns mit sich bringt. Eine Hoffnung, die Rausch ist, die alle Probleme vergessen lässt. Die Spielhalle ist dem Spieler das ewige Leben, „Geld ist dort wie Sand“, schreibt Prandini.

Zwang als Lebensinhalt

Anders als der Alkohol- oder der Drogenrausch, der vielerorts gemeinsam zelebriert wird, ist der Rausch des Glücksspielenden gänzlich vom sozialen Leben abgekapselt. Was die Sucht des Protagonisten Christoph spannend macht, ist, dass sie so greifbar wird – und, dass sie zugleich den Umgang mit dem Zwang als Grundlage jeglicher kultureller und gesellschaftlicher Übereinkünfte hinterfragt. Die Gesellschaft ist ja nicht Schuld an Christophs Schicksal, aber nur in dieser Gesellschaft sieht sich Christoph mit seiner eigenen Schwäche konfrontiert.

Wenn Christoph die Vorstellung, fernab von sozialen Zwängen zu leben, romantisch verklärt, indem er sich ein Dasein als ewiger einsamer Reisender wünscht, der niemandem nahe kommt, fühlt man sich an einen anderen, berühmten Erstlingsroman erinnert, an Albert Camus' „Der Fremde“ von 1942. In diesem Roman wird dem Protagonisten Meursault eine Existenz ohne jede Empathie zum Verhängnis. Und wie Meursault, ist auch Christoph keineswegs frei, wenn er sich abgekapselt von der Gesellschaft wähnt. Das Maß zu halten in allen Zwängen, den eigenen und den gesellschaftlichen, den realen und den projizierten, das ist sein ewiges Dilemma.

Leonard Prandini hat in Bonn Psychologie und Philosophie studiert und in Köln in einer Spielhalle gearbeitet. Beides merkt man dem Roman an. „Alles Verlorene noch einmal in den Händen halten“ enthält kurze philosophische und sozialpsychologische Interpretationen des Geschehens, ist aber vor allem ein erschreckend detailgetreues Protokoll der Gefühlswelt eines Suchtkranken - Prandini hat sich von Begegnungen mit Stammkunden der Spielhalle inspirieren lassen. Die Hauptfigur ist ewigen negativen Gefühlen und Ängsten ausgeliefert, die sie nur durchs Spielen betäuben kann, und die sie zur fulminanten Überzeugung hinpeitschen, das Glücksspiel sei ihr Lebenssinn: „Wenn ich spiele, leide ich, und wenn ich aufhöre, leide ich auch. Also weiterspielen!“

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