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Buchmesse Interview Feingeister mit Leidenschaft

1. UpdateMit der Übersetzung des Romans „Erschlagt die Armen!“ der indisch-französischen Schriftstellerin Shumona Sinha ist Lena Müller bekannt geworden. Dafür erhielt sie 2016 zusammen mit Sinha den Internationalen Kulturpreis in Deutschland. Ein Gespräch über Leidenschaft, fehlende Sichtbarkeit und das Schöne am frankophonen Französisch.

Lena Müller, Übersetzerin
Lena Müller, Übersetzerin und Autorin. Foto: Bild Privat

Die Hauptfigur von „Erschlagt die Armen“ zum Beispiel, eine Dolmetscherin, die sich in einer Situation befindet, in der sie nicht zufriedenstellend handeln kann: lange hatte ich Empathie für diese Figur, einfach auch weil ich Dolmetscherinnen kenne, die bei Asylverfahren beteiligt sind. Und deshalb fand ich das Buch auch so spannend, weil es auf einen aktuellen Missstand hinweist, der nicht aufzulösen ist. Weil eine Vermittlungsfunktion zwischen zwei Systemen nötig ist, zwischen denen nicht vermittelt werden kann. Du nimmst die Rolle ein zwischen einer Bürokratie, ihren Gesetzen und den Menschen, die versuchen irgendwie ein akzeptables Leben zu führen. 

Neben dieser packenden Darstellung einer unhaltbaren Situation und dem Aufgeriebensein davon, fand ich es aber unglaublich anstrengend, mich in die Figur einzufühlen. Mit ihr emphatisch zu sein, wenn sie anfängt, alle zu hassen. So geht mir das öfter, bis ich mit der Zeit das Gefühl habe, von der und der Figur oder Situation Urlaub zu brauchen. 

 

Hast du dich mit der Autorin darüber ausgetauscht?

 

Shumona Sinha und ich hatten ein sehr schönes Gespräch, wo ich erzählt habe, dass ich immer ein sehr ambivalentes Verhältnis zu ihren Figuren habe und mich an ihnen aufreibe. Shumona meinte dann nur „Ah Lena, mir geht es genauso! Ich bin immer so erschöpft.“. (lacht)

 

Weshalb arbeiten so viele Frauen als Übersetzerinnen?

 

Vielleicht weil die Tätigkeit - wie bereits angesprochen - viel Einfühlung verlangt, und Einfühlung in der Sozialisation von Frauen oft eine große Rolle spielt. Viele sind sozusagen gut im Training. Außerdem weil es eine Tätigkeit ist, die nicht mit besonders viel Prestige verbunden ist, von der man zwar leben kann, die finanziell aber keine großen Sprünge erlaubt.

Es gibt aber durchaus auch sehr passionierte Literaturübersetzer, von denen Einige sehr gut darin sind, aus der zweiten Reihe des Literaturbetriebs hervorzutreten und gute Konditionen bei ihren Verträgen auszuhandeln. Und klar gibt es große Unterschiede darin, wie prominent man die Tätigkeit ausübt. Initiierst du selber Lesungen? Trittst du selber auf? Wie wählst du deine Projekte aus, wie verhandelst du deine Verträge? Das sind alles Ausgestaltungsfragen innerhalb der Branche, in der es nicht nur diese Zweite-Reihe-Mentalität gibt; es gibt sie schon auch, aber nicht nur. 

Ich finde, man trifft unter Übersetzerinnen vor allem sehr viele Feingeister. Menschen, die sich wirklich gerne mit Texten auseinandersetzen, mit sehr viel Leidenschaft und genau das als die Hauptsache ihrer Arbeit sehen.
 

Hat sich in den letzten Jahren etwas verändert an der Branche und wenn ja, zum Guten oder zum Schlechten?

 

Die Arbeit mit Literatur ist zwar der Teil des Übersetzerberufs, der am schlechtesten bezahlt ist, der aber mit dem größten Prestige verbunden ist. Verändert hat sich das vor allem auch dank dem Verband der Literaturübersetzer (VdÜ) und seiner Sensibilisierungsarbeit. Ich habe den Eindruck, dass heute Übersetzerinnen und Übersetzer öfter auch selbst zu Veranstaltungen eingeladen werden, um über ihre Arbeit und Einblicke zu sprechen. Oder es erscheinen Porträts in den Feuilletons über die Übersetzer. Es gibt also schon ein wachsendes Interesse an der Literaturübersetzung.

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