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Buchmesse Interview Feingeister mit Leidenschaft

1. UpdateMit der Übersetzung des Romans „Erschlagt die Armen!“ der indisch-französischen Schriftstellerin Shumona Sinha ist Lena Müller bekannt geworden. Dafür erhielt sie 2016 zusammen mit Sinha den Internationalen Kulturpreis in Deutschland. Ein Gespräch über Leidenschaft, fehlende Sichtbarkeit und das Schöne am frankophonen Französisch.

Lena Müller, Übersetzerin
Lena Müller, Übersetzerin und Autorin. Foto: Bild Privat

Du musst dir klarmachen, was die Wirkung eines Textes im Französischen ist und letztlich genau diese Wirkung ins Deutsche übertragen. 

 

Kannst Du ein Beispiel von einem Text geben und dem Prozess, diese Wirkungsequivalenz zu finden?

 

Die Texte von Shumona Sinha zum Beispiel, von der ich bisher drei Romane übersetzt habe, sind im Französischen in einer sehr bildreichen Sprache verfasst. Eine Sprache, die mit ganz eigenen Bildern funktioniert, die nicht klassisch im Französischen beheimatet sind. Ich spreche von Romanen, die einerseits zwar sehr Französisch sind, die aber aus ihrer eigenen Vorstellungswelt und unterschiedlichsten Einflüssen bestehen. Um diese Bilder ins Deutsche zu übertragen, muss ich manchmal andere Wege wählen als im Französischen üblich, damit ich die gleiche Wirkung erziele. Texte, die eine hohe Bilddichte haben, können im Deutschen schnell kitschig wirken. Das Französische hat eine größere Toleranz für Pathos, für blumiges Sprechen. Wenn du in der Übersetzung Wirkungsequivalenz willst, musst du die Bilder einerseits zwar ernst nehmen, so wie sie sind, gleichzeitig aber sprachlich geschickt übertragen, sodass sie nicht übertrieben wirken. Denn im Französischen tun sie das nicht.

 

Welche Freiheiten nimmst du dir beim Übersetzen, wieviel Raum lässt du deiner eigenen Kreativität?

 

Ich fühle mich schon sehr dem jeweiligen Texten verpflichtet, den ich übersetze. Wenn die Autorin oder der Autor noch lebt, ist es manchmal schön, wenn ich bei Stellen, die sehr offen gestaltet sind, rückfragen kann. Dann kann ich meine eigene Interpretation mit ihnen besprechen. Ansonsten habe ich die klare Linie, dass ich nicht mehr erklären will als die Autorin, der Autor erklärt. Wenn Dinge im Originaltext offen bleiben, möchte ich sie in der Übersetzung auch offen lassen. Ich will nicht durch die Übersetzung expliziter werden. Gerade bei Texten, die sich dem völligen Verständnis des Lesers entziehen, ist genau das manchmal sehr schwierig.

Was mir hilft, ist, dass ich ausschließlich zeitgenössische Autorinnen und Autoren übersetze und es heute zwischen Deutschland und Frankreich ein recht großes, geteiltes kollektives Gedächtnis und gemeinsame Referenzen gibt. 

 

Wie findest du beim Bearbeiten der Texte den Kompromiss zwischen Empathie und Distanz, das richtige Verhältnis zu den Figuren und Geschichten?

 

Ich habe noch nie wahnsinnig gewaltvolle Texte übersetzt und will das auch in Zukunft lieber nicht machen. Allerdings habe ich immer relativ heftige Bücher übersetzt, Geschichten mit starken Emotionen.

Gerade bei den Büchern von Shumona Sinha hatte ich häufig eine recht ambivalente Beziehung zu den Protagonistinnen. Je länger ich Zeit mit ihnen verbracht habe, desto unsympathischer wurden sie mir. (lacht) 

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