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Buchmesse Interview Feingeister mit Leidenschaft

1. UpdateMit der Übersetzung des Romans „Erschlagt die Armen!“ der indisch-französischen Schriftstellerin Shumona Sinha ist Lena Müller bekannt geworden. Dafür erhielt sie 2016 zusammen mit Sinha den Internationalen Kulturpreis in Deutschland. Ein Gespräch über Leidenschaft, fehlende Sichtbarkeit und das Schöne am frankophonen Französisch.

Lena Müller, Übersetzerin
Lena Müller, Übersetzerin und Autorin. Foto: Bild Privat

Was liest Du gerade und liest Du im Original oder in übersetzter Version?
 

Ich reise nie ohne Buch. Im Moment habe ich gerade „Ausser sich“ von Sasha Marianna Salzmann im Rucksack. Außerdem habe ich die Übersetzung einer Kollegin dabei, die ich lektoriere, diesen Text lese ich gerade in jeder freien Minute.

 

Wie liest Du Bücher im Hinblick auf Deine Arbeit und was ist für dich der spannendste Teil am Übersetzen?

 

Für mich ist das der Moment, in dem ich das Gefühl habe, jetzt habe ich den Ton des Autors, der Autorin. Beim ersten Mal lese ich ein Buch recht schnell und entscheide, ob ich es übersetzen will. Bei diesem Durchgang bekomme ich einen Eindruck davon, ob ich etwas mit dem Ton anfangen kann und ob mir das Übersetzen schwerfallen wird. Vor allen Dingen auch inhaltlich. Die Frage ist ja, kann ich mir vorstellen, mit dem Text, den Figuren, der Geschichte wirklich soviel Zeit zu verbringen. Das muss mir schließlich über mehrere Monate gelingen.

Danach fange ich an, recht klassisch zuerst die ersten Seiten zu übersetzen. Der Anfang ist meistens zäh. Da habe ich das Gefühl im Trüben zu fischen - in der Wortwahl, der Satzstellung. Der Tonfall des Buches wird tatsächlich erst durch das Übersetzen selbst klar, nicht beim Lesen. Und irgendwann habe ich dann den Eindruck, ah, jetzt habe ich den Ton. Erst von da an finde ich zu einer Textintuition, fängt meine kreative Arbeit an. Dann geht es nicht mehr nur um das handwerkliche Übertragen vom Vokabular einer Sprache in das Vokabular einer anderen Sprache. Die Arbeit bedeutet vielmehr, einen Text neu zu schreiben, der als Ganzes den richtigen Tonfall haben muss. Den Prozess, der mich zu diesem Punkt meiner Arbeit führt, finde ich sehr spannend!

 

Was macht eine gute Übersetzerin?

 

Übersetzen heißt, ununterbrochen Entscheidungen zu treffen. Irgendwann kommst du damit in einen Fluss; und zwar dann, wenn du anfängst, dir und deinem Ton zu vertrauen.

Eine Fähigkeit, die beim Literaturübersetzen eine große Rolle spielt, die aber selten als solche genannt wird, ist es, sich sehr weit in die Texte einzufühlen, die du übersetzt, damit du ihren Ton triffst.

Nicht nur das Sprachliche, auch die unterschwelligen Strömungen und untergründigen Motivationen des Textes musst du verstehen, damit du seinem Ton so nah wie möglich kommst.

 

Das Französische ist eine sehr differenzierte Sprache. Macht das das Übersetzen schwieriger? Und wie stehen die französische und die deutsche Sprache zueinander?
 

Die beiden Sprachen sind sich recht nah und haben eine lange Geschichte des Austauschs. Deswegen gibt es wenige Dinge, bei denen du dich sehr weit vom Original entfernen musst. Eine literarische Übersetzung verlangt natürlich immer die Freiheit, sich von der Vorlage auch zu lösen - dort wo nötig. Beim Übersetzen von Literatur geht es um Wirkungsequivalenz. 

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