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Buchmesse – Gastland Verkaufe: 35 Jahre altes, gebrauchtes Nervensystem in schlechtem Zustand

In ihrem Debütroman „Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird“ beschreibt die georgische Schriftstellerin Iunona Guruli auf zynische, aber doch empathische Art und Weise die Abgründe des menschlichen Denkens und Handelns.

Die Autorin
Die georgische Autorin Iunona Guruli Foto: Rusudan Tabukashvili

Die beste Nachricht vorab: Es ist zwar das erste, aber nicht das letzte Buch der georgischen Schriftstellerin Iunona Guruli. Ihr Debüt „Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird“ fesselt die Leser*innen mit düsteren und vor allem brutal ehrlichen Kurzgeschichten. Den Stoff dafür fand die junge Autorin in ihrem Heimatland Georgien oder auf Reisen durch verschiedene Städte und Länder. Hemmungslos und unverblümt schreibt sie über Drogenprobleme, sexuellen Missbrauch, Einsamkeit und den Überlebensmut. Mit Hilfe von Metaphern beschreibt Iunona Guruli Situationen und Zustände, über die kaum ein Mensch offen spricht.

Ein junges, betrunkenes Mädchen wird von einer Gruppe hungriger Wölfe verfolgt, die es umzingeln, nach ihrem Körper lechzen, es abwechselnd vergewaltigen und schließlich auf dem kalten Boden liegen lassen. Schon ist die Geschichte zu Ende. Kein Happy End, kein Erbarmen für die Figuren im Buch, kein Wohlfühlfaktor für die Leser*innen. Als eine „Ameisenarmee, die mal in die eine, mal in die andere Richtung, mal schnell, mal langsam, aber ununterbrochen unterwegs ist“ und mit „dem Verlangen, das eigene Fleisch aufzuschneiden, die Knochen herauszuholen, sie mit dem Hammer zu zertrümmern und gleichzeitig bis zum Stimmverlust brüllen“, beschreibt die Autorin, wie sich ein Heroinentzug anfühlt. Sie skizziert Verzweiflung und Ausweglosigkeit so mitreißend und präzise, dass selbst die Glücklichsten verstehen müssen, was innere Leere bedeutet. Gleichzeitig fragen sich die Leser und Leserinnen, was dieser jungen Frau während ihrer Kindheit in Georgien wohl widerfahren sein muss, dass sie über so viel Grausamkeit berichten muss.

Das Buch macht auf eine absurde Art glücklich

Die „Kleinanzeigen“, ein wiederkehrendes Element im Buch, sind zynisch, lustig und traurig zugleich. „Verkaufe: 35 Jahre altes, gebrauchtes Nervensystem in schlechtem Zustand“, „Kursangebot im Fach Einsamkeit“ oder „Suche: Ruhe. Kann äußerlich abgenutzt, muss aber voll funktionsfähig sein. Spielt keine Rolle.“ Es sind wenige Sätze, die doch so viel über den Mangel an Zwischenmenschlichkeit verraten. Iunona Guruli befasst sich aber nicht nur mit Leid, sondern auch mit Liebe und Hoffnung in ihren Kurzgeschichten. Die sind so fesselnd, dass sie, würde man sie weiterspinnen, einen ganzen Roman füllen könnten. Glücklicherweise hat sie nun genau das vor. Ihr nächstes Buch wird ein Roman werden.

„Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird“ ist mit Sicherheit kein Buch, das man so locker wie einen Roman liest. Obwohl die Geschichten kein Happy End haben, machen sie auf absurde Art und Weise glücklich. Das klingt erst einmal seltsam, da Themen wie Vergewaltigung und Drogenmissbrauch behandelt werden. Aber Iunona Guruli schafft es, durch das Erzählen menschlicher Tiefpunkte den Leser*innen Mut zu machen. Das Buch regt dazu an, die Wohlfühlzone zu verlassen und über die eigenen Abgründe (und mir kann kein Mensch erzählen, dass er*sie keine besitze) nachzudenken und sie vielleicht sogar zu akzeptieren.

 

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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