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Buchmesse Frankfurt "Meine Generation ist zu still"

Die Autorin Manja Präkels hat mit „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ einen Debütroman über ihre Jugend in Brandenburg während der Wendezeit geschrieben. Jetzt spricht sie mit Anna Fastabend über Nazibanden, die AfD und Moritz von Uslars Fehleinschätzung.

Manja Präkels
Manja Präkels ist 1974 in Zehdenick/Mark geboren und hat gerade ihren Debütroman "Als ich mit Hilter Schnapskirschen aß" im Verbrecher Verlag veröffentlicht. Die Geschichte handelt von Mimi und ihren Freunden aus einer Brandenburgischen Kleinstadt, die von Nazibanden attackiert werden und um ihr Leben fürchten. Vieles davon hat die Autorin selbst erlebt. Foto: Nane Diehl

Manja, wie bist du auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben?
Ich habe meinen Roman unter anderem Ingo Ludwig gewidmet. Anfang der Neunziger teilten in Brandenburg Nazibanden die Kleinstädte untereinander auf und besetzten die öffentlichen Plätze. Alle, die nicht mitmachen wollten, wurden bedroht. Dann fingen die gezielten Überfälle auf Dorfdiskos an, wenn sich herumsprach, dass dort „Zecken“ hingingen.

Ich habe 1992 als 16-Jährige einen solchen Überfall in einem kleinen Dorf bei Zehdenick miterlebt. Die Disko hieß Wolfskrug und nicht Wolfshöhe wie im Buch. Ich kannte Ingo Ludwig vom Sehen. Wir haben mal ein Bier miteinander getrunken. Ich glaube, er war Heavy Metaler, hat die meiste Zeit aber nur biertrinkend dagesessen und geschaut, dass er eine Freundin findet. Dann überfiel eine Nazibande den Wolfskrug und Ingo Ludwig saß durch Zufall gerade draußen. Während alle anderen, wie ich auch, fliehen konnten.

Wie autobiografisch ist dein Buch?
Ich habe sehr viel von meinen Erfahrungen in die Geschichte einfließen lassen. Von dem, was mir und anderen damals widerfahren ist und von meinen Erfahrungen als Lokaljournalistin vor Ort. Ich habe vier Jahre bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung gearbeitet. Da ich aber mit Unterbrechungen elf Jahre an der Geschichte geschrieben habe, hat sie sich immer weiter von mir wegbewegt. Ich würde sagen, sie ist zu 88 Prozent autobiografisch. 

Was haben die Neonazis mit Ingo Ludwig gemacht?
Der Polizeibericht redet von einer Bande von zwölf bis fünfzehn jungen Leuten mit Springerstiefeln, Glatzen und Bomberjacken, die auf den am Boden liegenden Ingo Ludwig eingetreten haben. Er ist an seinen schweren Kopfverletzungen gestorben, tauchte aber nirgends als Opfer rechter Gewalt in den Statistiken auf. Bündnis 90/Die Grünen stellte eine kleine Anfrage im Bundestag zum Stand der Ermittlungen. Es war nur ein Zeuge herangezogen worden, ein Mann vom Verfassungsschutz, der an dem besagten Abend angeblich dabei war.

Der schilderte den Mord wie einen dramatischen Unfall, Ingo Ludwig sei eine Treppe hinuntergestürzt, die jungen Leute hätten versucht, ihm aufzuhelfen. Das hat mich entsetzt. Als die Brandenburger Landesregierung die Todesfälle der frühen Neunziger – zu dieser Zeit gab es viele schreckliche Mordfälle dieser Art – aufarbeiten lassen wollte, waren Ludwigs Akten auf einmal verschwunden. Zwar taucht der Fall von Ingo Ludwig mittlerweile in der Statistik von Opfern rechter Gewalt auf, gilt aber als nicht weiter ermittelbar. 

Sind die Täter verurteilt worden? 
Von den Tätern ist niemand hinter Gitter gekommen. Und nur einer bekam eine Bewährungsstrafe. Das hat dessen Ruf nie geschadet. Meines Erachtens gab es da einen Deal mit dem Verfassungsschutz. Ich denke, der hat die Täter angeworben. Nur so ist es für mich zu erklären, dass sie so gut weggekommen sind. Mit den Jahren habe ich gesehen, dass der Überfall auf Ingo Ludwig kaum ein Thema war. Es herrschte große Sprachlosigkeit, Abwehr und Unfähigkeit, Taten wie diesen zu begegnen. Ich hatte das Gefühl, ich muss diese Geschichte erzählen. Das bin ich mir, den anderen und Ingo Ludwig schuldig.

Deine Hauptfigur Mimi wird im Roman ebenfalls von Nazis bedroht. Hast du so etwas auch erlebt? 
Ich gehöre zu der Generation von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt. Wir waren Pubertierende, als die Mauer fiel, wir haben eine Menge mitbekommen, und erlebt, wie sämtliche Autoritäten, inklusive der eigenen Eltern, nicht mehr funktionierten. Und ich und meine Freunde, wir gehörten zu den Gejagten.

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