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Buchmesse Frankfurt Ein poetisches Statement

Der Binooki Verlag aus Berlin übersetzt türkische Gegenwartsliteratur ins Deutsche und scheut sich nicht vor Kritik an Erdogan. Für seine brückenbauende Arbeit wurde der Verlag dieses Jahr mit einem der höchstdotierten europäischen Kulturpreise ausgezeichnet. Ein Besuch auf der Buchmesse.

Inci Bürhaniye und Selma Wels vom Binooki Verlag
Die Schwestern Inci Bürhaniye (l.) und Selma Wels verlegen im Binooki Verlag türkische Gegenwartsliteratur in deutscher Sprache. Dabei verstehen sie sich auch als Plattform für kritische Stimmen gegenüber Erdogan. Foto: Stephan Pramme

Als Inci Bürhaniye und Selma Wels vom Binooki Verlag im Mai den Kairos-Preis der Alfred Toepfer Stiftung in den Händen halten, ist die Freude riesig groß. Die beiden Schwestern, zu denen vor Kurzem noch Elisabeth Göske gestoßen ist, haben einen der höchstdotierten Kulturpreise Europas gewonnen. „Das gibt uns Mut und Kraft, dabei zu bleiben“, sagt Inci Bürhaniye beim Treffen auf der Frankfurter Buchmesse. Beim Interview sitzt die Verlegerin bestens gelaunt auf einem niedrigen Heizkörper im Zwischengang. Sie ist hierhergekommen, weil man mehr Ruhe hat als in dem Gedränge der Halle der kleinen und unabhängigen Verlage, in der ihr Stand liegt.

Die 75 000 Euro kann der Binooki Verlag gerade jetzt gut gebrauchen. Denn er bekommt seit einiger Zeit keine Unterstützung mehr, erzählt Bürhaniye. Dabei sei gerade die dringend nötig. Buchübersetzungen sind kostspielig. Auch die türkische Regierung gab jahrelang Fördergelder. Seit die Schwestern 2013 eine Anthologie zu den Gezi-Park-Protesten herausgebracht haben, ist damit jedoch Schluss. 

Binooki übersetzt türkische Gegenwartsliteratur ins Deutsche

Nun müssen sie sich allein durchkämpfen mit ihrer Vision, eine Lücke auf dem deutschen Buchmarkt zu schließen und wichtigen türkischen Gegenwartsstimmen hierzulande eine Stimme zu geben. Die Idee, einen Verlag zu gründen, kam ihnen 2010 auf der Istanbuler Buchmesse. Dort wurden so viele spannende türkische Autoren ausgestellt, die nie ein deutscher Freund von ihnen würde lesen können. Sie überlegten, wie sie türkische Literatur bekannter machen konnten. Bei anderen Verlagen Werbung machen? Darüber bloggen? Nein. Sie nutzten Bürhaniyes Beruf – sie ist Anwältin und kennt sich mit Unternehmensrecht aus –, und gründeten 2011 ihren eigenen Verlag. Zu Anfang machten sie sich wegen der Lizenzen noch Sorgen. Doch die erwiesen sich als unnötig. Viele türkische Autoren freuten sich, nun auch in Deutschland präsenter zu sein.

Die ersten vier Bücher stellte der Verlag für Belletristik, Lyrik und Kinderbücher 2012 auf der Leipziger Buchmesse vor. Darunter war auch „Warten auf die Angst“ von Oguz Atay, einem der wichtigsten Literaten der Türkei, der in seinen Erzählungen das Thema Angst von verschiedenen Seiten aus betrachtet. Im vergangenen Jahr schaffte es die Übersetzung von Atays Roman „Die Haltlosen“, der in seiner Sprachgewaltigkeit mit James Joyce „Ulysses“ verglichen wird, sogar auf die Hotlist der unabhängigen Verlage. Mittlerweile hat Binooki 31 Bücher in seinem Programm.

Verlagsschwerpunkt ist ein besonderer literarischer Stil

Dieses Jahr ist ein neues Buch erschienen: „Der Fall Ibrahim“ von Gaye Boralioglu. Es handelt von dem verschwundenen Ibrahim, der an keiner Stelle selbst zu Wort kommt. Stattdessen erzählt in jedem Kapitel eine andere Person davon, wie sie Ibrahim wahrgenommen hat. „Man bekommt einen guten Einblick in die türkische Gesellschaft mit den Menschen auf dem Dorf, in der Stadt, der Prostituierten, dem Hahnenkampforganisator.“ Dazu die Fotografien, die jedem Kapitel vorangestellt sind, als fiktive Porträts der Erzähler. Es ist ein tolles Buch “, findet Verlegerin Bürhaniye.

Gaye Boralioglu lebt in Istanbul. Seit in der Türkei massenhaft Journalisten festgenommen werden, hat die Autorin, die auch für die taz schreibt, jedes Mal Angst, wenn bei ihr im Haus jemand die Treppe hochkommt, berichtet die Verlegerin. Wer ausschließlich Fiktion schreibt, hätte weniger Probleme. „Das ist schon ein bedrückendes Schreiben und Arbeiten“, sagt Bürhaniye.

Kritische Anthologie zu Gezi-Park-Protesten

Sie will den kritischen Stimmen eine literarische Plattform bieten, wie bei den Gezi-Park-Protesten. Der Binooki Verlag hat dazu eine Anthologie herausgebracht, in der 19 Autoren ihre Eindrücke schildern. Frauen, Männer, junge und alte Menschen, Kurden und Armenier. „Wir haben versucht, einen türkischen Verlag für die Anthologie zu finden. Aber es hat sich keiner getraut, die Texte zu veröffentlichen.“ 

Bei der Auswahl ihrer Bücher legen Inci Bürhaniye und ihre Schwester besonderen Wert auf die Qualität des Textes, den literarischen Stil, weniger auf den Inhalt. Dann müssen sie einen Übersetzer finden. Dabei sind junge Übersetzer geeigneter für junge Sprache, sagt die Verlegerin. „Das ist wie mit einer Synchronstimme. Die muss passen, und bleibt dann auch die Stimme.“

Die deutschen Übersetzungen seien immer länger als der türkische Originaltext, da es im Türkischen Begriffe gebe, für die man im Deutschen einen ganzen Satz braucht: Das Wort Yakamoz zum Beispiel bedeute so viel wie „Das Spiegeln des Mondlichts im Wasser“.

Ähnlich poetisch müssen auch die ersten Messestände von Binooki ausgesehen haben. Zu Regalen zusammengeschraubte Weinkisten, die mit bunten Büchern gefüllt an die prächtigen Obst- und Gemüseauslagen türkischer Marktstände erinnern sollten. Davon sind beim diesjährigen Messestand nur noch zwei Kisten zu Anschauungszwecken übrig, ansonsten ist der Stand mit seinen taubenblauen Wänden und den weißen Regalbrettern eher minimalistisch.

Die Kistenregale schmücken nun die Schöneberger Altbauwohnung, in der das Büro von Binooki untergebracht ist, und von dem aus bei Onlinebestellungen die Bücher rausgehen. Außerdem führen viele kleine und ein paar große Buchhandlungen ihre Bücher, sagt die Verlegerin.

Faszination für türkische Literatur kommt von den Eltern 

Auch wenn Inci Bürhaniye mit ihrer Schwester nicht immer einer Meinung ist, macht ihr die Zusammenarbeit Spaß. „Wir ergänzen uns gut. Zwischen uns liegen zwölf Jahre Altersunterschied. Das merkt man auch an unserer Arbeitsaufteilung. Meine Schwester macht die sozialen Medien, ich kümmere mich um das Rechtliche.“

Die Faszination für gut erzählte Geschichten haben Bürhaniye und Wels, die in Baden-Württemberg aufgewachsen sind, von ihren Eltern. Der Vater erzählte den Töchtern selbst ausgedachte Gute-Nacht-Geschichten zum Einschlafen. Die Mutter, die in der Türkei Grundschullehrerin war, wanderte 1965 mit einem Koffer voller Bücher nach Deutschland aus, erzählt die Verlegerin. „Ich habe die Bücher gelesen und war von der wunderschönen Sprache fasziniert.“

Dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen des Buchmessen-Projekts „Unter Dreißig“ mit Kulturjournalismus-Studierenden der Universität der Künste Berlin.

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