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Buchmesse Dialog zwischen Rechts und Links?

Mit dem Argument der Meinungsvielfalt hat die Buchmesse Frankfurt auch Stände von rechten Verlagen zugelassen. Zuerst gab es den Angriff auf den linken Trikont-Verleger. Am Folgetag kam es zu lautstarken Provokationen bei einer Lesung des rechten Antaios-Verlages. Jetzt treffen Linke und Rechte in Halle 3.1 erneut aufeinander. Ein Augenzeugenbericht.

Börsenverein/ Antanios
Am Stand des Börsenvereins gab es am Samstagabend eine Party gegen Rassismus. Gleich nebenan trinken Rechtspopulisten Obstler. Foto: Monica Camposeo

Der Börsenverein hat am Samstagabend kurzfristig zu einer Party unter dem Motto „Für Freiheit und Vielfalt – gegen Rassismus“ an seinen Stand eingeladen. Es gibt Poetry-Slam und ein Konzert, Bier und Brezeln. Rund 40 Gäste sind gekommen.

Auf der Suche nach einem Feierabendgetränk laufen wir durch die mittlerweile sehr leere Halle 3.1 und werden am Stand des Börsenvereins fündig. 

Einen Gang weiter, am Stand des Antaios Verlages trinken zur selben Zeit in etwa gleich viele Menschen Obstler. Der Antaios Verlag gibt unter anderem die rechtsgerichtete Zeitschrift Sezession heraus. Unter den Anwesenden sind der Verleger und Publizist Götz Kubitschek, der zu den „Neuen Rechten“ zählt und seine Frau, die Autorin Ellen Kositza. Nach der Lesung aus einem Buch des Verlages mit dem Titel „Mit Linken leben“ war die Gruppe weiter an ihren Stand gezogen. Bei der Lesung war es zu Tumulten zwischen Linken und Rechten im Publikum gekommen. Die einen hatten „Nazis raus“ gerufen, die anderen „Jeder hasst die Antifa“. Die Polizei musste schließlich eingreifen.

Schwer bewaffnete Polizisten zwischen Links und Rechts

Jetzt stehen im Mittelgang zwischen dem Stand des Börsenvereins und dem des Antaios-Verlages etwa 20 Polizisten, zum Teil schwer bewaffnet. Drumherum patrouillieren noch einmal in etwa zehn Beamte. 

Am Stand des Börsenvereins wird getanzt – aber es liegt Anspannung in der Luft. Trotz der sichtbaren Abgrenzung durch die Polizei diskutieren vereinzelt Gäste beider Stände miteinander. Es sind Gesprächsfetzen herauszuhören, über die Aufnahme von Geflüchteten in Deutschland, die humanitäre Verpflichtung, Menschen in Not zu helfen. Eine andere Gruppe unterhält sich über Abtreibungen. 

Zuvor haben wir uns in der Nähe des Antaios-Standes aufgehalten, wollen uns das Treiben einmal näher ansehen und hören: „Wer sind die denn, die gehören nicht zu uns.“ Scheinbar werden wir auf den ersten Blick als Feinde abgestempelt. Nun stehen wir mit einem Bier in der Hand beim Börsenverein und kommen mit zwei jungen Männern ins Gespräch, die für NGOs auf der Messe arbeiteten. Robert und Thilo waren kurz zuvor am Antaios-Verlag vorbeigelaufen. Als sie weiter durch die Halle liefen, hatten sie den Eindruck, verfolgt zu werden. Sie drehten sich um und bemerkten, dass ihnen ein privater Sicherheitsmann seit dem Antaios-Verlag gefolgt war. Als sie ihn darauf ansprachen, sagte er, er wolle sich nur die „schönen Messeauftritte“ angucken. 

Während unserer Unterhaltung verschwindet Thilo und kommt kurze Zeit später sichtlich verstört zurück. Aufgebracht erzählt er uns, dass ihm derselbe Sicherheitsmann wieder gefolgt ist. Dieses Mal durch die menschenleere Halle bis auf die Toilette. Als Thilo aus der Kabine kam, war der Mann verschwunden. 

In dem Moment, als Thilo uns das erzählt, laufen vier junge Männer mit ausrasierten Nacken, akkuraten Seitenscheiteln und Trachtenjacken provozierend langsam am Stand des Börsenvereins vorbei und schauen sich die Feiernden ganz genau an.

Als wir die Party verlassen, finden wir uns plötzlich in einer Gruppe junger Menschen wieder, in der wir auch die vier Männer in Jankern wiedererkennen. Einer sagt: „Haben wir erst die kritische Masse erreicht, ziehen alle anderen mit.“

 

 

Dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen des Buchmessen-Projekts „Unter Dreißig“ mit Kulturjournalismus-Studierenden der Universität der Künste Berlin.

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