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Buchmesse – Debüt „Warum denn Sachsen, warum meine Heimat?“

Zwei junge Autoren stellen ihre Debütromane auf der Buchmesse vor: Der Sachse Lukas Rietzschel erzählt von einer Jugend in Ostdeutschland und dem Lockruf der Neonazis. Der Syrer Nather Henafe Alali schildert eine brutale Flucht.

Die Autoren Lukas Rietzschel (l.) und Nather Henafe Alali
Junge Autoren im Gespräch: Lukas Rietzschel (l.) und Nather Henafe Alali tauschen sich bei der Lesung über ihre Debütromane aus. Foto: Alexander Paul Englert

Auf der Frankfurter Buchmesse kann es einem durchaus passieren, dass man sich fremd fühlt. Allein inmitten der Besuchermassen, auf den endlosen Gängen mit ihren Laufbändern, die einem helfen, bloß keine Zeit zu vertrödeln. Dieses Gefühl erschleicht mitunter nicht nur die Gäste, sondern auch die Akteure: die Autoren. Besonders dann, wenn sie das erste Mal auf der Messe sind oder gar überhaupt zum ersten Mal ein Buch geschrieben haben. Wie Lukas Rietzschel und Nather Henafe Alali. Zwei junge Autoren – der eine Jahrgang 1994, der andere fünf Jahre älter –, die mit ihren Debütromanen auf der Messe zu Gast sind. Doch beide gehen ganz unterschiedlich mit dem Rummel um.

Rietzschel scheint am Abend des ersten Messetages regelrecht berauscht: „Es ist irre“, sagt er bei einer Lesung im Haus des Kunstvereins Frankfurt, die im Rahmen des Lesefestes „Open Books“ stattfindet. Er sei den ganzen Tag unterwegs gewesen, von einem Termin zum nächsten. Die Resonanz auf sein Erstlingswerk „Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist groß. „Ich habe schon bis Mai Veranstaltungen geplant“, sagt er. Kein Wunder, schließlich ist das Thema hochaktuell: die Geschichte zweier Brüder, die im Sachsen der Nullerjahre aufwachsen, irgendwo auf dem Dorf, und dort schon als Kinder in Berührung mit der rechtsradikalen Gedankenwelt kommen. Sie erliegen ihren Reizen, dem Gefühl der Anerkennung, des Dazugehörens, beide auf unterschiedlich starke Weise.

Rietzschel, wie seine Protagonisten in Sachsen groß geworden, schildert das in einer zugänglichen Sprache. Er reiht Hauptsatz an Hauptsatz, als würde er sichergehen wollen, dass auch alle seine Message verstehen. Von 2014 bis 2017 hat er an dem Buch gearbeitet. Angesichts von Pegida-Aufmärschen und Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte fragte er sich damals: „Warum denn Sachsen, warum meine Heimat?“ Er fühlte sich fremd im eigenen Bundesland, oder wie er es am Mittwochabend formuliert: „Es ist krass geworden zu Hause.“

Doch es geht Rietzschel dem eigenen Bekunden nach gar nicht darum, seine Figuren oder gar die bedrückende Lage in Sachsen zu erklären. „Ich will diese Figuren nicht bewerten“, sagt er. Sein Roman soll hingegen vor allem berühren: „Es gibt nichts Schlimmeres als ein Buch, das man zurückstellt nach dem Lesen und das nichts mit einem gemacht hat.“ Diese Gefahr hat er mit seinem eindringlichen Debüt umschifft, das nicht nur die Brüder bei den ersten Schritten in einen Irrweg begleitet, sondern auch den Verfall des ländlichen Sachsens nach der Wende einfängt. Eine Geschichte, die „aus der Topografie der eigenen Erinnerung“ entstanden ist, wie er sagt.

Sprachlich ganz anderer Mittel bedient sich Nather Henafe Alali, der seinen ersten Roman „Raum ohne Fenster“ vorstellt. Der Syrer, der seit vier Jahren in Deutschland lebt, hat ihn zunächst auf Arabisch geschrieben. Parallel wurde er Stück für Stück ins Deutsche übertragen (Übersetzung: Rafael Sánchez) – ein Prozess, in den auch der junge Autor involviert war. Der Roman ist Anfang Oktober auf Deutsch erschienen, demnächst soll eine arabische Ausgabe folgen.

Deutsche Sätze im Rhythmus einer fremden Sprache

Alali liest zwei Passagen vor, auf Deutsch. Sein Akzent verleiht den Sätzen einen fremden Rhythmus, aber sie behalten das Ornamentale, das ihnen im Arabischen eigen ist. Zuweilen erstarren sie fast angesichts der Fülle der sprachlichen Bilder. Das liegt auch daran, dass Alali das Spiel mit den Metaphern liebt, wie er sagt. Auch ein Grund dafür, dass er mit der Arbeit als Journalist für syrische und deutsche Medien – unter anderem „Der Spiegel“ – aufgehört hat: „Als Journalist darf man nicht viel über Gefühle schreiben“, erklärt er. Bei seinem Roman konnte er diese Gefühle mit einem verdichteten Plot verbinden. „Das ist ein großer Unterschied.“

Beklemmend ist sie geworden, diese Geschichte einer Flucht vor Gefangenschaft, Folter und Luftangriffen, von Syrien über die Türkei und den Balkan bis nach Deutschland. Der Autor gibt seinen Protagonisten viel Gelegenheit, über den Tod und die Freiheit zu philosophieren, über Exil und Heimat, was dem Geschehen mitunter die Rasanz raubt. Genaue Ortsbezeichnungen lässt Alali weg. Sein Anliegen sei es gewesen, „aus der Syrien-Frage eine Universal-Frage zu machen“, wie er sagt.

Nur ein Teil der Handlung entspringt seinen eigenen Erfahrungen. Auch er habe eine Belagerung erlebt, „aber nur kurz und nicht so barbarisch“, erklärt Alali, der aus Deir Azzor stammt, einer Stadt im Osten Syriens, unweit der Grenze zum Irak. Er wurde ebenfalls inhaftiert vom Assad-Regime, allerdings musste er nicht aus dem Gefängnis ausbrechen, wie eine Figur in seinem Roman, sondern wurde von den Eltern freigekauft. Anschließend floh er nicht über die Balkan-Route nach Deutschland, sondern mit dem Flugzeug.

Das Leben im Exil hat ihm eine Rückkehr zum Journalismus verbaut. „Für mich ist es schwer, hier zu arbeiten“, sagt er bei einem Gespräch im Anschluss an die Lesung. „Deutsch ist nicht meine Muttersprache.“ Und als Journalist müsse man schnell sein mit der Sprache. Also will er weiter als Schriftsteller arbeiten. Sein Debüt „Raum ohne Fenster“ hat ihn nun direkt in die Messewelt katapultiert. Dort fühlt sich Alali ebenfalls fremd. Der ganze Trubel entspreche nicht seinem Wesen. „Ich bin eher ruhig“, sagt er und lächelt.

 

In der Rubrik Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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