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Buchmesse - Alltag Alles mitnehmen

Am liebsten würde unsere Autorin bei einer Tasse Kaba mit dem Sams und Gregor Gysi auf einem großen Sofa lümmeln, stattdessen hört sie nur Satzfetzen.

Die Anzahl der Personen, die sich auf der Frankfurter Buchmesse darüber beschweren, zu wenig zu tun zu haben, ist sehr gering. Spätestens am Samstag stellt sich heraus, dass ich nicht diejenige sein werde, die an der Tatsache etwas ändert. Im Gegenteil. Um 15 Uhr gibt es eine terminliche Kollision zweier mir persönlich sehr wichtiger Veranstaltungen: Ein SPIEGEL-Gespräch mit Gregor Gysi und die Lesung von „Das Sams feiert Weihnachten“. Ich überlege lange und intensiv, denn beide, Sams und Gysi, haben mich in jungen Jahren stark geprägt. Ich bin unkonventionell und furchtlos, das habe ich vom Sams. Aber meiner politischen Überzeugung Ausdruck zu verleihen, indem ich auf einer entsprechenden Veranstaltung Präsenz zeige, erscheint mir als überragend wichtig. In letzter Sekunde entscheide ich mich also instinktsicher für das Sams. Weil ich wenige Minuten zu spät bin, ist das Lesezelt bereits so voll, dass niemand mehr eingelassen wird. Den Autor zu sichten ist keine Option mehr, man hat ihn im Zirkuszelt versteckt. Wer die Ohren spitzt, kann erahnen, dass es eine Lautsprecheranlage gibt, die die Lesung auf den Messeplatz überträgt. Der aber ist voller Leute und dient vor allem der Essensausgabe, daher ist der einzige Sound, den man deutlich hören kann, das kollektive Murmeln der Menschenmasse. Dennoch sind zwischendurch Satzfetzen einer freundlich-ruhigen Männerstimme zu vernehmen. „Bevor Frau Rotkohl freundlich schaut, singen Weinbergschnecken laut“, höre ich die Stimme aus den Lautsprechern, die Paul Maar zu gehören scheint, und kurz bin ich elektrisiert. Eine Gruppe schnatternder und gefährlich ausladend essender Frauen bleibt neben mir stehen. Alle sind hektisch und wuselig. Ich würde gerne mit einer Tasse Kaba auf einem großen Sofa mümmeln, aber beides gibt es hier nicht. Weil ich mit meiner Trauer nicht umgehen kann, beschließe ich, zu Gregor Gysi zu gehen. Als ich um 15:24 Uhr beim SPIEGEL-Stand ankomme, ist natürlich auch dort schon alles zu spät. Das Podium wird von einer riesigen Menschentraube umringt, die bis zum gegenüberliegenden Stand reicht, an den ich mich nun stelle, um ebenfalls einzelne Satzfetzen, diesmal die von Gregor Gysi, dankend in mein Bewusstsein aufzunehmen. „In der DDR... verpflichtet, Europa für die Jugend zu retten... eine verkehrte Struktur entwickelt.“ Neben mir steht ein als Clone Trooper aus dem Film Star Wars verkleideter Mensch, der seine Waffe auf mich richtet. Der als Witz maskierte persönliche Flirtangriff bedroht meine Eremitenaura, ich starre den Krieger so lange verständnislos an, bis er sich abwendet. Zwei Damen im Partnerlook drängen sich an mir vorbei, leogemusterte Lesebrillen, graublondes Haar in Haubenform, blau-weiß-gestreifte T-Shirts. „Is dat der Wickert?“, fragt die eine, zum SPIEGEL-Podium hingewandt. Es ist eine rhetorische Frage, eine Antwort wartet sie, schon längst weiterbummelnd, nicht ab. Ein weiteres Paar rempelt an mir vorbei, diesmal Mann und Frau in Motorradkluft. Sie, lautstark: „Da ist Herr Gysi! Willst du mal ein Foto machen?! Geh doch mal da durch!“ Er, geistesgegenwärtig: „Ist sicher ne Sackgasse.“ Als plötzlich alle Menschen auf mich zulaufen, signalisiert mir mein Gehirn das Ende des Gysi-Gesprächs. „Ich hab ihn gesehen!“, jubelt ein tätowiertes Mädchen. Das kann ich von mir nicht behaupten. Stattdessen behaupte ich: Ich habe heute wieder alles mitgenommen.

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