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Autorengespräch Das Urbild einer Frau verwunden

Eine Ehefrau, die langsam wahnsinnig werdend auf die Ankunft ihres Mannes wartet. Die junge Filmemacherin und Künstlerin Jovana Reisinger fügt in „Still halten“ nicht nur ihrer Protagonistin Schmerzen zu. Ein Gespräch mit der Autorin über ihren Debütroman.

Jovana Reisinger schrieb ihren Debütroman "Still halten". Foto: Julia Richter

Eine weiße Spinne in Nahaufnahme. Sie bewegt sich vorwärts. Hält inne, wenn vorbeifahrende Autos zu hören sind. Ihr weißer Körper hebt sich vom schwarzen Asphalt der Straße ab. In jedem Moment könnte sie überfahren werden. Auf ähnliche Weise wie um diese Spinne aus dem Musikvideo von „Das weiße Pferd“, bei dem Jovana Reisinger Regie führte, bangt der Leser um die Protagonistin in ihrem Debütroman. Der Titel „Still halten“ verspricht genau das: eine Lektüre voller Atemanhalten und das Schlimmste befürchten. 

Eine junge Frau, der „Hirnversagen“ diagnostiziert wird, zerfällt in ihrem wachsenden Wahnsinn vor den Augen der Leser. In springenden Wechseln von einer Außen- zu einer Innensicht der Frau, die nie einen anderen Namen als „sie“ oder „ich“ hat, beginnt die Leserin stückweise zu begreifen. Ein Jahr soll es dauern, bis die Frau wieder gesund sein wird. „Wenn ich nun ganz brav befolge, was man mir gesagt hat, kann ich mich selbst noch einmal retten. Dann darf ich im März nächstes Jahr wieder von mir behaupten, eine gesunde Frau zu sein. Einfach nur eine Frau zu sein […].“ Für ihren Mann, den sie stets erwartet. 

Dieses ewige Urbild einer Frau

Reisinger wollte die Geschichte einer Frau erzählen, die sich damit abgefunden hat, immer auf ihren Mann warten zu müssen. Die sagt, dass es toll ist, einen Ehemann zu haben und noch toller, wenn der mal nach Hause kommt. „Das ist das Urbild, das man von einer Frau haben kann“, so Reisinger. Dieses Urbild vollkommen wahnsinnig werden zu lassen, war ihr die schlüssigste Möglichkeit zu zeigen, wie kaputt dieses Bild ist. Ein Bild, das sich durch die Kulturgeschichte zieht: Tolstois Anna Karenina, die sich wegen eines Mannes vor den Zug wirft, Kleists Marquise von O., die ihren Vergewaltiger zugleich als ihren Retter verehrt, Fontanes Effi Briest, die von ihrem Ehemann verstoßen wird und ihn von seiner Schuld freispricht. 

Reisinger lässt ihre anonyme Protagonistin gegen Fenster laufen, bluten, auf dem Fußboden herumkriechen und ihn ablecken. Es reizte sie, diese Frau vollkommen zu sezieren. Nach dem Tod ihrer Mutter zieht die Frau in ein Haus am Waldrand, um dort weiter zu warten. „Ich fand es super spannend, zu gucken, was mit ihr passiert, wenn sie in diesem Haus ist und was im Vorfeld in ihrer Beziehung zu ihrem Mann und zur Natur vorgefallen sein muss, dass sie so umschaltet. Und dann fand ich es auch einfach so toll, dass ich sie in dem Moment, in dem sie absolut glücklich ist, auch komplett ruinieren kann.“ 

Feministische Rache?

Reisinger bewarb sich mit der Intention, einen Roman schreiben zu wollen, für das Fach Drehbuchschreiben an einer Filmhochschule. Es schien ihr das bessere Fach, weil sie das Gefühl hatte, noch nicht gut genug Handlung beschreiben zu können, und ein Drehbuch strotzt schließlich vor Handlungsanweisungen. „Kommandos an den Regisseur“, wie Reisinger sie bezeichnet. In „Still halten“ ist es die Protagonistin, die handeln muss. Der Roman wirkt durch die Bilder wie ein Film. Die Szenen vermischen sich und man fragt sich, wer spricht, und wo und was passiert gerade? Ist es wie angenommen und muss das Schlimmste erwartet werden? Die Lektüre schmerzt. Die Leserin selbst wird wahnsinnig. 

Treibt Rache zu so einem Buch an? Reisinger lacht. Mit den kurzen blonden Haaren, dem grellorangenen Lidschatten und den Westernstiefeln entspricht sie so gar nicht dem Klischee einer Autorin eines solch schmerzhaften Buches. „Wenn man sich Bücher über die Kunst- und Kulturgeschichte durchliest, und sieht, wie Frauen ausgeschlossen wurden, dann kann man schon wütend werden. Und man arbeitet ja auch in Branchen in denen man sowas immer wieder mitbekommt.“ Dennoch sei sie keine Vertreterin des Feminismus, die zurückschlagen wolle und alle Männer scheiße finde. Es gäbe ganz tolle Männer, schließlich habe sie selbst einen.

Dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen des Buchmessen-Projekts „Unter Dreißig“ mit Kulturjournalismus-Studierenden der Universität der Künste Berlin.

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