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Frankfurter Buchmesse Buchmesse endet mit Plus beim Lesepublikum

Ehepaar Aleida und Jan Assmann nimmt Auszeichnung in der Frankfurter Paulskirche entgegen +++ Zweiter und letzter Publikumstag +++ Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank zieht mit Blick auf Rechtspopulismus gemischte Bilanz +++ Veranstaltungstipps für Sonntag +++ Diskussionen am FR-Stand (Halle 3.1, C48) +++ Laufend aktuelle News.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
Das Ehepaar Aleida und Jan Assmann erhält von Heinrich Riethmüller den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Foto: RALPH ORLOWSKI (Reuters)

Mehr als 7300 Aussteller aus 102 Ländern, 4000 Veranstaltungen, 10.000 akkreditierte Journalisten und Blogger, an die 300.000 erwartete Gäste - die Frankfurter Buchmesse ist ein kulturelles Großereignis, das die Stadt am Main eine Woche lang prägt. Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2018 ist das Land Georgien. Wichtigstes Thema für die Branche, die in Deutschland mit sinkenden Umsätzen kämpft, ist der digitale Wandel.

Die Buchmesse am Sonntag

Volle Hallen, lange Schlangen bei Signierstunden: Die Buchmesse zog auch am Sonntag die Leseinteressierten an. Wegen des Andrangs war in den Hallen und an den Rolltreppen am Wochenende oft kein Durchkommen mehr.

Am späten Nachmittag wurde eine erste Bilanz gezogen. Demnach geht die Buchmesse mit einem Plus beim Lesepublikum und einem Rückgang bei den Fachbesuchern  zu Ende. Insgesamt rechneten die Organisatoren der weltgrößten Bücherschau kurz vor Schließen der Tore damit, dass während der fünf Tage etwa das Niveau von 286.000 Besuchern aus dem vergangenen Jahr gehalten wurde.

Das Ehepaar Aleida und Jan Assmann nahm am letzten Tag der Buchmesse in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen. Die beiden 71 und 80 Jahre alten Wissenschaftler werden für ihre Forschungen zur Erinnerungskultur von Gesellschaften ausgezeichnet - vom alten Ägypten bis zur Gegenwart. Die Laudatio hielt der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht. Der Friedenspreis wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert. Mit der renommierten Auszeichnung werden seit 1950 Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland geehrt.
 

Top-Veranstaltungen auf der Buchmesse am Sonntag

Wohin am Wochenende? Die Frankfurter Rundschau durchforstete Programme, gedruckt und digital. Herausgekommen sind unsere Empfehlungen, die Sie in unserem interaktiven Slider finden.

 

Frankfurter Rundschau auf der Buchmesse am Sonntag

Auch die Frankfurter Rundschau ist auf der Buchmesse vertreten. Sie finden uns in Halle 3.1, Standnummer C48. Dort wartet ein umfangreiches Programm mit vielen Gästen auf Sie. Auch auf den großen Bühnen der Buchmesse diskutieren Redakteurinnen und Redakteure der FR.

 

Abendprogramm nach der Buchmesse am Sonntag

Was wäre ein Besuch der Frankfurter Buchmesse ohne entsprechendes Abendprogramm? In diesem Jahr allerdings ist manches anders, weil sich Verlage ihre traditionellen Partys im Wortsinne sparen - mehr dazu weiter unten. Aber ist gibt Alternativen in der ganzen Stadt. Lesen Sie hier die Tipp der FR-Redaktion. Außerdem empfehlen junge Literaturexpertinnen und -experten für die FR in der Reihe Insider-Tipps zur Buchmesse Veranstaltungen, Bücher und Autoren.

Neben dem umfangreichen Programm rund um Literatur gibt es auch in diesem Jahr viele Kulturveranstaltungen jenseits des Buches zu entdecken. Parallel zur Buchmesse läuft THE ARTS+. Das „Future of Culture“-Festival geht der Frage nach, wie die Digitalisierung für kulturelle Inhalte genutzt werden kann.

Zum ersten Mal wird die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr nach Messeschluss mit dem „Bookfest“ ergänzt. Poetry Slams, Koch-Events, Diskussionsrunden und andere Formate an rund 20 Orten sollen die Stadt noch stärker als bisher in das Buchmessen-Geschehen einbeziehen.

 

Die Buchmesse am Samstag

Planen Sie einen Rundgang über die Buchmesse? Eine schöne Sache, findet Judith von Sternburg aus dem Feuilleton der Frankfurter Rundschau. Sie vielen Jahren läuft sie an den Fachbesuchertagen schon mal vor - und veröffentlicht samstags „den“ Rundgang, wie wir in der FR sagen. Eine, wie sie sagt, Ermutigung für alle, die ein Buch kaufen wollen. Denn in den Frankfurter Messehallen gehe es um alles mögliche, aber eben auch auch um die eindrucksvollen Kernkompetenzen des Druckerzeugnisses. Lesen Sie also hier den Rundgang.

Neben Bestsellerautoren kommen am Wochenende prominente Politiker auf die weltgrößte Bücherschau, etwa der frühere Bundesaußenminister Sigmar Gabriel und der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Beide stellen ihre neuen Bücher vor.

Am Samstagabend präsentierte Otto Waalkes, der jüngst seinen 70. Geburtstag feierte, sein Buch „Kleinhirn an alle“. Zuvor war „Deutschlands größtes offizielles Harry-Potter-Fantreffen“ geplant. Dazu hatte der Carlsen Verlag eingeladen, der die deutschen Potter-Bände herausgegeben hat. Der beim Treffen vorgesehene Weltrekord-Versuch scheitert allerdings.

Zu den Bestsellerautoren, die auf der Buchmesse zu Gast waren, gehört der Franzose  Olivier Guez. Er hat beim Schreiben seines Romans über den KZ-Arzt Josef Mengele niemals Mitleid empfunden. „Ich habe nie Empathie gehabt“, sagte Guez („Das Verschwinden des Josef Mengele“) am Samstag auf der Buchmesse. Die grauenvollen Dinge, die Mengele mit seinen Experimenten als Arzt im KZ Auschwitz gemacht habe, seien wie eine Mauer gewesen, das habe ihm Distanz ermöglichtGuez hat für seinen Roman drei Jahre Lang recherchiert - vor allem in Südamerika. Den Niedergang Mengeles in Romanform darzustellen, sei für ihn „fast wie ein Spaß“ gewesen, sagte der französische Autor, der den aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Mengele „einen Mann ohne Eigenschaften“ nannte, der viel Böses getan habe. Sein Werdegang sei eine Warnung für uns alle.

Die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank zieht mit Blick auf das Thema Rechtspopulismus auf der Buchmesse eine gemischte Bilanz. Die Bildungsstätte sei erleichtert, dass Akteure der Neuen Rechten ihre im vergangenen Jahr sehr erfolgreiche Strategie der Raumnahme nicht in dem Maß hätten wiederholen können, erklärte der Direktor der Bildungsstätte, Meron Mendel. Zugleich habe die Messe aber auch in diesem Jahr das Erstarken des Rechtspopulismus widergespiegelt. Vor allem durch Hassrede in sozialen Medien sei versucht worden, Angehörige von Minderheiten mundtot zu machen.

Bei der Signierstunde der irischen Erfolgsautorin Cecelia Ahern standen am Samstagvormittag die Besucher in einer fast 50 Meter langen Schlange beim Verlag S. Fischer an. Dagegen sagte der Heyne Verlag ein Gespräch mit der US-Bestsellerautorin Anna Todd ab. Diese sei am Freitagabend in der Lobby ihres Hotels von einer Gruppe von Männern verbal heftig angegriffen worden, berichtete Heyne im sozialen Netzwerk Twitter. Dieser Vorfall habe sie so mitgenommen, dass sie sich auf der Messe nicht mehr sicher fühle.

 

Der Freitag auf der Frankfurter Buchmesse

Letzter Fachbesuchertag: Auf der weltgrößten Bücherschau ist der mit insgesamt 72.000 Euro dotierte Kinder- und Jugendbuchpreis verliehen worden. Die Jury prämierte je ein Bilder-, ein Kinder-, ein Jugend- und ein Sachbuch. Die Auszeichnungen wurden von Familienministerin Franziska Giffey überreicht. Als bestes Bilderbuch konnte sich „Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas“ (Gerstenberg) von Øyvind Torseter durchsetzen. In der Sparte Kinderbuch wurde das Erstlesebuch „Viele Grüße, Deine Giraffe“ (Moritz) der japanischen Autorin Megumi Iwasa  ausgezeichnet.

Als bestes Jugendbuch überzeugte Manja Präkels' autobiografisch gefärbter Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ (Verbrecher Verlag). Lesen Sie dazu hier unsere Buchbesprechung. Sieger beim Sachbuch wurde „Der Dominoeffekt oder Die unsichtbaren Fäden der Natur“ (Fischer Sauerländer). Der Sonderpreis für „Neue Talente“ ging an Gesa Kunter für ihre kreative Übersetzung der Textwerkstatt „Schreib! Schreib! Schreib!“.  

Der AfD-Politiker Björn Höcke erschien zur Lesung auf der Frankfurter Buchmesse - und das nicht alleine. Mit dabei war ein großes Polizeiaufgebot und die Satirepartei „Die Partei“, die eine Protestaktion initiierte. Etwa 50 Leute taten vor der Lesung in einem Zwischenstockwerk der Halle 4 ihren Unmut über den Höcke-Auftritt kund. Die Veranstaltung fand damit örtlich vom übrigen Messebetrieb abgesondert statt. „Die Partei“-Chef Martin Sonneborn hatte sich als Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg verkleidet und eine Aktentasche dabei, die er versuchte, am Ort der Lesung abzustellen. Stauffenberg hatte beim Anschlag auf Hitler eine Aktentasche benutzt, um den  Sprengstoff zu verbergen. Sonneborn gelang es nicht, die Tasche abzustellen. Die Demonstranten zogen deshalb zum Stand der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (JF) weiter. Mehr über den Höcke-Auftritt und den Protest von FR-Autorin Katja Thorwarth.

Der Herder-Verlag stellte den ersten Band eines historisch-kritischen Koran-Kommentars vor. Das wissenschaftliche Mammut-Projekt ist auf 17 Bände angelegt und wird vom Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide herausgegeben. Er ist seit 2010 Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster und dort inzwischen auch Leiter des Zentrums für Islamische Theologie. Erstmals verbinde das Projekt die Methoden der historisch-kritischen Bibel-Analyse mit der literarischen Analyse der Arabistik und Islamwissenschaft und der islamischen Kommentartradition, sagt der Verlag.

Im ARD-Forum F.0 geht es ab in die 20er Jahre in Berlin. Samthütchen auf oder Trenchcoat übergeworfen, Stirnbänder mit Feder liegen auch bereit, karierte Sakkos, Hosenträger, Westen, Perücken. In einem der Outfits im Look der „Goldenen Zwanziger“ können die Besucher in die Box mit Greenscreen hüpfen und zu Schauspielern der Serie „Babylon Berlin“ werden. Drei Sekunden können sie in der Videobox alles geben – und so wird sich gewürgt, theatralisch gestorben, dramatisch gemordet. Diese drei Sekunden werden in den Trailer der Krimiserie hineingeschnitten, am Ende erhalten die Babylon-Berlin-Laiendarsteller ihren ganz persönlichen Video-Clip.

Sas Lesezelt hat sich am Freitagmittag bereits so aufgeheizt, dass mancher Besucher sich eher in der Sauna wähnt. Trotzdem sind die Reihen gut gefüllt, als Paul Maar die Bühne betritt. Der Vater des Sams ist bereits 80 Jahre alt, aber das merkt man ihm nicht an. Mit seiner gemütlich-großväterlichen Vorlesestimme und der Routine eines Schriftstellers, der schon seit 50 Jahren im Geschäft ist, stellt er sein neues Kinderbuch vor. „Snuffi Hartenstein und sein ziemlich dicker Freund“ erzählt von der Kraft der Vorstellung.

Deutschland sollte nach Ansicht der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Aleida und Jan Assmann, sein kulturelles Gedächtnis erweitern. Es sei „erschütternd“, dass es hierzulande noch kein wirkliches Migrationsmuseum gebe. „Deutschland muss sich als Einwanderungsland neu erfinden.“ Bisher gebe es nur lokale Ansätze in diese Richtung. Die beiden Kulturwissenschaftler nehmen am Sonntag in der Paulskirche die renommierte Auszeichnung entgegen. Der Ägyptologe Jan Assmann (80) und seine Frau Aleida (71) haben sich unter anderem mit der Erinnerungskultur von Gesellschaften beschäftigt - vom alten Ägypten bis zur Gegenwart.

Der Schweizer Schriftsteller und Literaturprofessor Adolf Muschg sieht Parallelen zwischen dem Umgang mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima und dem Zweiten Weltkrieg. Wie derzeit in Japan habe sich auch im Nachkriegsdeutschland das „Gefühl einer kollektiven Schuld“ erst allmählich entwickelt, sagte der 84-Jährige. „Und in Japan ist es heute noch so, dass die Scham darüber, dass man selbst davongekommen ist und alle die Leute gestorben sind, im Grunde genommen stärker als das Bedürfnis, die eigene Nation eines Fehlers zu bezichtigen.“ Der ehemalige Präsident der Berliner Akademie der Künste stellte bei der weltgrößten Bücherschau seinen von einigen Kritikern als überladen empfundenen Liebesroman „Heimkehr nach Fukushima“ vor.

Angekündigt hatten sich ebenfalls die US-Bestsellerautoren Meg Wolitzer und Paul Beatty. Außerdem stellen sich die diesjährigen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, die beiden Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann, der Presse. Dem Ehepaar wird der renommierte Kulturpreis am Sonntag in der Paulskirche zum Abschluss der Buchmesse übergeben.

 

Der Donnerstag auf der Frankfurter Buchmesse

Der Donnerstag auf der Buchmesse war geprägt von der Auseinandersetzung mit rechten Verlagen.

Neurechter Antaios Verlag gegen Willen der Buchmesse prominent vertreten: Der Antaios Verlag des neurechten Vordenkers Götz Kubitschek sicherte sich gegen den Willen der Veranstalter einen prominenten Platz auf der Frankfurter Buchmesse. Er präsentiert sich nun unter dem Dach des Loci-Verlags. Er habe Antaios am Dienstag an Loci-Verleger Thomas Veigel verkauft, sagte Kubitschek. Antaios erscheine künftig als sogenanntes Imprint - eigenständige Marke - innerhalb von Loci. Die Programmleiterin von Antaios, Ellen Kositza, ist die Frau von Kubitschek. Dieser will künftig als politischer Berater arbeiten. Loci ist mit seinem Stand an einer gutbesuchten Stelle - unweit vom Stand der Berliner „Tageszeitung“ - in Halle 4.1 untergebracht.

Rechte Verlage klagen über zugewiesene Standflächen: Nach dem Eklat im vergangenen Jahr, als es bei einem Auftritt von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke beim Antaios-Stand Tumulte gab, hatte die Messeleitung dieses Mal zwei weitere Verlage des rechten Spektrums bewusst in einer wenig zugänglichen Ecke untergebracht. „Ich bin kein Mann für die Sackgasse“, sagte dazu Kubitschek. Den „schäbigen Bedingungen“ der Messe habe er sich nicht unterwerfen wollen. Auch der Sprecher der Sprecher der „Jungen Freiheit“, Bastian Behrens, beklagt im Gespräch mit der FR ein „Buchmessen-Ghetto“ für sein Blatt.

Die Messeleitung hatte die räumliche Absonderung der neurechten Verlage mit einem Sicherheitskonzept begründet. Dass rechte Verlage auch in diesem Jahr ein Thema würden, hatte Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, im Interview mit der FR vorhergesagt. Björn Höcke kommt auch 2018 nach Frankfurt; am Freitag, 12. Oktober will er sein Buch vorstellen. „Nie zweimal in denselben Fluss“ erschien im Juni 2018 bei dem rechten Verlag Manuscriptum. Weitere rechte Verlage, die sich für die Buchmesse angemeldet haben, sind der Leopold Stocker Verlag, der Cato Verlag und der genannte Junge Freiheit Verlag.

„Wir können natürlich keinen Einfluss auf die Inhalte der Verlage nehmen, aber wir können ein Gegenprogramm schaffen. Und das ist uns wichtig.“, sagte Juergen Boos. Mit der Kampagne „On The Same Page“ möchte die Frankfurter Buchmesse die Universalität der Menschenrechte betonen und deren Bedeutung für die Buchbranche, insbesondere die Meinungs- und Publikationsfreiheit, das Recht auf Bildung und geistiges Eigentum und das Recht, Versammlungen abzuhalten.

FR-Kolumnistin Katja Thorwarth meint: Ob Götz Kubitschek oder „Junge Freiheit“ - rechte Sternchen inszenieren sich auf der Buchmesse in Frankfurt einmal mehr als Opfer. Man sollte sich nicht darauf einlassen.

Lieblingsbuch: Deutschlands Buchhändler haben auf der Messe "Alle, außer mir" von der italienischen Autorin Francesca Melandri zu ihrem diesjährigen Lieblingsbuch erklärt. Es ist ein Familienroman, in dem es auch um die koloniale Vergangenheit Italiens geht. An der Wahl nahmen Anfang des Monats knapp 700 inhabergeführte Buchhandlungen in Deutschland teil. Melandris Buch ist im Wagenbach Verlag (Berlin) erschienen. Nominiert waren sechs Romane.

Weitere Auftritte vom Donnerstag: Norwegen stellte sich als Ehrengast des kommenden Jahres vor. Mit dabei war die norwegische Bestsellerautorin Maja Lunde. Der schwedische Erfolgsautorin Jonas Jonasson war ebenfalls Gast. Science-Fiction-Autor Andreas Eschbach sprach über einen totalitären Überwachungsstaat.

Aus der Rubrik „Promis auf der Buchmesse“ vermelden wir den Besuch der Schweizer Entertainerin Michelle Hunziker. Sie stellte ihr Buch über ihren Ausstieg aus einer Sekte vor. Außerdem präsentierte sich Tschechien, das Gastland der Leipziger Buchmesse im Jahr 2019.

 

Diskussionen am Stand der Frankfurter Rundschau

Es sind schwere Themen, die am Donnerstag die Debatte am FR-Stand bestimmen. Es geht, kurz gesagt, um Geschichte und Gegenwart nationalsozialistischer Ideologie.

Der Autor und Mainzer Journalistik-Professor Tanjev Schultz hat mehr als hundert Verhandlungstage im NSU-Prozess verfolgt. „NSU - Der Terror von rechts und das Versagen des Staates“ heißt sein Buch dazu. Im Interview am FR-Stand findet er klare Worte. „Die Behörden haben sich gegenseitig blockiert - und damit dazu beigetragen, eine Mörderbande laufen zu lassen. Am Ende hatten wir ein verheerendes Bild der Situation unserer Sicherheitsorgane.“ Über das Schrettern von Unterlagen sagte er: „Das war nach meinen Rechechen Absicht. Es drängt sich der Eindruck auf, dass der Verfassungsschutz sein eigene Unvermögen verschleiern wollte.“ Die entscheidende Frage zum NSU - gab es ein Mitwissernetz? - sei weiterhin unbeantwortet.

Mit der grundsätzlichen Frage, wie angesichts einer immer politisierteren Buchmesse Literatur überhaupt politisch sein soll oder darf, startete FR-Redakteurin Nadja Erb ein Streiterinnen-Podium der FR auf der Buchmesse. „Klare Worte gegen Rechts?“, lautete der überstehende Titel der Diskussion, zu der die beiden Autorinnen Manja Präkels und Jagoda Marinic geladen waren. Für beide war klar, dass Schreiben immer auch politisch ist. „Ich weiß gar nicht, wie etwas nicht politisch sein kann“, sagte Marinic. Man müsse nicht erst in einer Partei oder im Parlament sein, um politisch aktiv zu sein, ergänzte die deutsch-kroatische Publizistin.

Ece Kaya und Benjamin Ortmeyer von der Frankfurter Forschungsstelle NS-Pädagogik sprachen über ihre Studie zu Büchern des Beltz-Verlages aus der Zeit des Nationalsozialismus. Zum 175. Firmenjubiläum im Jahr 2016 sei eine Festschrift erschienen, die dieses Kapitel viel zu unkritisch beleuchtet habe, erklärt Nils Rübelmann von der Unternehmerfamilie des Verlages. Daher habe man die Wissenschaftler gebeten, genauer hinzusehen. Mit demagogischen Tricks sei darauf hingearbeitet worden, bereits Kinder zu indoktrinieren. Die Studie sei aktuell wichtig, weil heute wieder versucht werde, Menschen mittels nationalistischer Ideologie zu beeinflussen.

Mit der Autorin Francesca Cavallo sprach Politikredakteurin Elena Müller über die Frage, wie man Mädchen Mut machen kann, an die eigenen Träume zu glauben. Gemeinsam mit Elena Favilli hat Cavallo im vergangenen Jahr „Good Night Stories for Rebel Girls“ herausgebracht - ein Buch über beeindruckende Aktivistinnen, Wissenschaftlerinnen oder Forscherinnen. „Es geht darum, eine andere Art Vorbilder für Mädchen zu erschaffen, mit denen sie aufwachsen können“, sagt Cavallo. Und das scheint anzukommen: Anfang November erscheint der zweite Band der Reihe.

 

Der Mittwoch auf der Frankfurter Buchmesse

Mit dem Andrang von Fachbesuchern begann am Mittwoch die traditionsreiche Frankfurter Buchmesse. Höhepunkt des ersten Tages war der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der mit dem „Frankfurt Pavilion“ einen neuen Veranstaltungsort auf dem Außengelände der Messe eröffnete. Im Gespräch mit der kroatischen Schriftstellerin Ivana Sajko und dem belgischen Autor Stefan Hertmans warnte er vor Gefahren für die Demokratie in Europa: „Wir müssen den Dialog über den Zustand von Demokratie und Gesellschaft wieder in Gang bringen“, sagte er. „Es weht eine neue Faszination des Autoritären durch Europa.“ Medien warf er vor, derzeit den Eindruck zu erwecken, als sei Deutschland schon nahezu von denen beherrscht, die die Demokratie zu Fall bringen wollten.

Der investigative Journalist und Schriftsteller Günter Wallraff appellierte an beide Berufsgruppen, sich vor Hassreden und Drohungen in den sozialen Medien „nicht wegzuducken“. Sie müssten vielmehr mutig dagegenhalten, sagte er auf der Buchmesse. Der Autor bezog sich auf eine Untersuchung des PEN-Zentrums Deutschland und des Instituts für Medienforschung der Universität Rostock, wonach jeder vierte Autor, der Angriffe im Internet erlebt, sich künftig bei sensiblen Themen vorsichtiger verhalten will. „Ich finde das sehr wehleidig, wenn man sich beispielsweise die Berufskollegen in der Türkei, Ungarn oder Polen vor Augen hält“, sagte der 76-Jährige. FR-Autor Steven Micksch war dabei. 

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kündigte die Einführung eines Deutschen Verlagspreises an. Das Projekt soll erkennbare verlegerische Profile, Engagement in der Lese- und Kulturförderung sowie überzeugende innovative und digitale Projekte fördern.

Der umstrittene SPD-Politiker Thilo Sarrazin empfahl sich auf der Frankfurter Buchmesse seiner Partei als Ratgeber - obwohl diese ihn gern loswerden würde. Im Lesezelt präsentierte er sein neues Buch „Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“. Er habe dafür den Koran in deutscher Übersetzung „von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen.“ Eine Debatte über die Thesen seines Buches gab es auf der Messe nicht, Fragen durften nicht gestellt werden. Unterm Strich versuchte Sarrazin vergebens, die Zuhörer von seinen anti-islamischen Thesen zu überzeugen, beobachtete FR-Kollegin Ruth Herberg.

Am ersten Fachbesuchertag der Buchmesse sprachen die Autorin Asli Erdogan – die in Frankfurt im Asyl lebt –, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung, sowie der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, Christian Mihr über die Pressefreiheit in Europa. Dabei stand vorrangig auch die Situation in der Türkei im Mittelpunkt. Asli Erdogan war 2016 verhaftet worden. Die Situation der Presse in der Türkei mache ihr Angst, sagte die Schriftstellerin. Eine Opposition gegen den Präsidenten sieht sie nicht mehr gegeben. Steven Micksch berichtet.

Die in Hamburg lebende Illustratorin Iris Anemone Paul ist auf der „Kids Stage“ mit dem Nachwuchs-Illustratoren-Preis „Serafina“ ausgezeichnet worden. Sie wurde für ihr in Siebdruck-Technik gefertigtes Buch „Polka für Igor“ geehrt, wie die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur im fränkischen Volkach mitteilte. Die mit 2.500 Euro dotierte Auszeichnung wird von der Akademie, der Buchmesse und dem Börsenblatt des Buchhandels vergeben. Preisstifter sind die Augsburger Mediengruppe Pressedruck und die Porzellanmanufaktur Nymphenburg.

 

Die Eröffnung der Frankfurter Buchmesse am Dienstag

Mit der Betonung der universellen Menschenrechte hat die Frankfurter Buchmesse am Dienstagabend vor rund 2200 Gästen eröffnet. Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, verwies auf die Jubiläen der Buchmesse und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, die jeweils 70 Jahre alt würden. 

„Wir stehen auf der Seite der Menschenrechte“, sagte Boos, und machte sich für die Kampagne „On The Same Page“ („Auf derselben Seite“) stark. Bei der Kampagne sagen Prominente, warum sie die Erklärung der Menschenrechte von 1948 heute hochhalten wollen. Mit Blick auf den Auftritt rechter Verlage sagte Boos: „Die Buchmesse ist ein Ort der Freiheit, wer diese Freiheit instrumentalisiert, dem widersprechen wir sofort und vehement.“ 

Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann betonte die Willkommenskultur der Stadt Frankfurt. Mamuka Bachtadse, Ministerpräsident des Gastlands Georgien, lenkte den Blick auf die europäischen Wurzeln seines Landes. Bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse sprachen auch Federica Mogherini, die Außenbeauftragte der Europäischen Union, der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier sowie der georgische Schriftsteller Aka Morchiladse.

Am Vormittag hatte die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie viel Beifall für eine kämpferische Rede für die Rechte von Frauen bekommen. In der Eröffnungspressekonferenz der 70. Frankfurter Buchmesse sagte sie: „Noch immer gibt es die Absicht, Frauen zu kontrollieren, noch immer gibt es die Unfähigkeit, Frauen als vollständige Menschen zu sehen.“ Die 41-jährige Feministin gilt als eine der großen Stimmen der afrikanischen Gegenwartsliteratur.

 

Frankfurter Buchmesse: Gastland Georgien

Unter dem Motto „Georgia – Made by Characters“ stellt die Buchmesse den Ehrengast Georgien vor. Das kleine Land zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus, das sich im Spannungsfeld von Russland und Europa befindet, hat kulturell viel zu bieten. Die weit zurückreichende Literaturgeschichte und eine lebendige Subkulturszene machten das Land zu einem spannenden Schwerpunkt, heißt es. Im Georgien-Pavillon bringen ein altes Alphabet, Videos, Fotos und 600 Bücher das Gastland näher. 

Die in Tiflis geborene Schriftstellerin Nino Haratischwili, die schon lange in Hamburg lebt und auf Deutsch schreibt, ist seit langem in der deutschen Literaturszene bekannt. Gemeinsam mit dem georgischen Autor Aka Morchiladze ist sie Hauptrednerin des Ehrengasts Georgien der Frankfurter Buchmesse. Auch spannende Autoren, die hierzulande bisher kaum jemand kennt, reisen an. Etwa Ruska Jorjoliani, die mit ihrem Roman „Du bist in einer Luft mit mir“ für die Hotlist nominiert ist, den Preis der unabhängigen Verlage.

 

Das neue Frankfurt Pavilion auf der Buchmesse

Ein neues Gebäude zieht auf der Buchmesse ein: Der Frankfurt Pavilion des Architektenbüros Schneider+Schumacher steht auf der Agora, dem zentralen Platz zwischen den Messehallen. Von außen wirkt der mobile Veranstaltungsraum wie eine Muschel, im Inneren wie ein verdrehtes Bücherregal.

„Bücher zeigen immer erst bei genauer Betrachtung ihr Inneres, dann aber ziehen sie dich im besten Fall direkt in ihren Bann. Genau dieses Bild hatten wir vor Augen, als wir den Pavillon entworfen haben“, erklären die Architekten.

 

Stars und Prominente auf der Frankfurter Buchmesse

Zu den prominentesten Gästen gehören Bestseller-Autoren wie Jussi Adler-Olsen, Sebastian Fitzek, Dörte Hansen, Robert Seethaler, Martin Suter, Ilja Trojanow, Benedict Wells, Juli Zeh und Jonas Jonasson. Auch die feministische US-Schriftstellerin Meg Wolitzer, US-Autor Paul Beatty, der als erster Amerikaner mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde, und der chinesische Science-Fiction Autor Liu Cixin sind 2018 dabei.

 

Verlage im Krisenmodus: Buchmessen-Partys abgesagt

Die Frankfurter Buchmesse findet in stürmischen Zeiten statt. Der Abwärtstrend in der Branche setzt sich unvermindert fort. In den ersten acht Monaten des Jahres ist der Umsatz im deutschen Buchhandel um ein Prozent gefallen. Bereits im vergangenen Jahr schrumpfte der Markt um 1,6 Prozent. Der Grund: Dem Buchmarkt brechen durch Internet und soziale Medien die Kunden weg. Zwischen 2013 und 2017 hat die Branche 6,4 Millionen Käufer - 18 Prozent der Kunden - im Publikumsmarkt verloren.

Ein Zeichen für die Anspannung in der Branche ist wohl, dass einige Großverlage ihre Buchmessen-Partys abgesagt haben. „In einem für die gesamte Branche nicht einfachen Jahr haben wir uns entschlossen, einmal auszusetzen”, begründet S.Fischer-Sprecher Martin Spieles den Entschluss, das Fest zu streichen. Der Frankfurter Verlag gehört zum Holtzbrinck-Konzern - wie Rowohlt, das seine alljährliche Party mit vielen hundert Menschen ebenfalls klammheimlich abgesagt hat.

 

Deutscher Buchpreis für Inger-Maria Mahlke

Der Deutsche Buchpreis geht 2018 an Inger-Maria Mahlke mit ihrem in Teneriffa angesiedelten Roman „Archipel”, der die Geschichte eines Jahrhunderts rückwärts erzählt. Erstmals seit fünf Jahren wird wieder eine Frau mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, der mit 7.500 Euro dotiert ist.

In der Preisverleihung des Deutschen Buchpreises im Frankfurter Römer erklärte die Jury, der Roman sei ein Spiegel der europäischen Geschichte und überzeuge durch schillernde Details, die den Familienroman zu einem eindrucksvollen Erlebnis machten. Einerseits ist die Entscheidung für Mahlkes Roman eine Überraschung - auf der Shortlist standen mit Maxim Biller, Nino Haratischwili und Stephan Thome heißer gehandelte Kandidaten - andererseits hat die Wahl eines weniger offensichtlichen Kandidaten inzwischen auch schon wieder System.

Alle sechs Bücher, die es auf die Shortlist geschafft hatten, behandeln historische Themen und sind eher der Vergangenheit gewidmet. Laut der Jury sei jedoch alles an ihnen gegenwärtig. Mit im Rennen waren neben Inger-Maria Mahlke: Marìa Cecilia Barbetta mit „Nachtleuchten“, der viel diskutierte Autor Maxim Biller mit „Sechs Koffer“, Nino Haratischwili mit „Die Katze und der General“, der bereits mehrfach für den Buchpreis nominierte Stephan Thome mit „Gott der Barbaren“  und Susanne Röckel mit „Der Vogelgott“.

 

Agentenzentrum der Frankfurter Buchmesse

Das Herz der Buchmesse schlägt - von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt - im Agentenzentrum. Rund 800 Literaturagenten aus 33 Ländern, sechs Prozent mehr als im Vorjahr, verhandeln in Frankfurt über Autoren und Texte, Übersetzungen und Illustrationen, Lizenzen und Rechte. Auch die Zahl der Veranstaltungen auf dem Messegelände und in der Stadt wächst von Jahr zu Jahr: Rund 3700 sind es diesmal.

 

Geschichte der Frankfurter Buchmesse

Die Frankfurter Buchmesse wurde 1949 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels gegründet. Doch die Tradition reicht viel weiter zurück: Bereits in der frühen Neuzeit gab es eine Buchmesse in Frankfurt, nachdem Johannes Gutenberg im nahe gelegenen Mainz den Buchdruck erfunden hatte. Seit 1988 wird jedes Jahr ein Gastland ausgewählt, dessen Kultur und Literatur im Fokus der Buchmesse steht.

Mittlerweile hat sich die Frankfurter Buchmesse zur weltgrößten Fachmesse für Publishing entwickelt. Etwa 4.000 Veranstaltungen kann man jedes Jahr im Rahmen der Buchmesse besuchen. Über 7.000 Aussteller, 10.000 Journalisten, an die 2.000 Blogger und mehr als 280.000 Besucher kommen für das Großspektakel nach Frankfurt.

 

Frankfurter Buchmesse - Unter Dreißig

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten wie in den Vorjahren Kulturjournalismus-Studierende aus Berlin für die Frankfurter Rundschau von der Frankfurter Buchmesse.

(Mit dpa und epd)

 
 

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