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Roman Nicht französisch genug für französische Schulen

Valérie Zenatti erzählt in „Jacob, Jacob“ die Geschichte eines jüdischen Jungen, der für zwei Heimaten kämpft.

Valérie Zenatti
Valérie Zenatti erzählt vom Umgang der Franzosen mit den algerischen Juden im Zweiten Weltkrieg und danach. Foto: Patrice Normand

Der Roman „Jacob, Jacob“ von Valérie Zenatti erzählt ein wenig bekanntes Kapitel der französischen Geschichte: den Umgang der Grande Nation mit den algerischen Juden im Zweiten Weltkrieg und danach.

Die Schriftstellerin, 1971 in Nizza geboren, hat selbst algerische Wurzeln und bearbeitet in dem Buch die eigene Familiengeschichte. In einem Fotoalbum fand sie ein Bild von Jacob: „So jung, so gutaussehend und so ein dramatisches Schicksal! Er war der Erste in der Familie, der zur Schule ging, der Erste, der nach Frankreich kam, als Soldat damals ...“

Es ist die Geschichte der armen jüdischen Schusterfamilie Melki im algerischen Constantine der 40er Jahre, deren Leben – patriarchalisch-archaisch geprägt – aus Arbeit und Unterordnung besteht. Bei Verstößen gibt es Schläge, auch für Gabriel, das jüngste Kind, das sich zu viele Freiheiten in dem starren System des Gehorsams erlaubt. Sohn Jacob ist der Sonnenschein der Familie, er ist freundlich, hilfsbereit und zugänglich. Zudem ist er klug und gehört zu den Klassenbesten. Jacob will studieren und Lehrer werden. 1941 aber wird er als Jude von der Schule verwiesen. 

Er braucht deshalb zwei Jahre länger als seine französischen Altersgenossen bis zum Abitur: „Es tut mir leid, hatte der Direktor gesagt, das ist jetzt Vorschrift, jüdische Kinder dürfen unsere Institutionen nicht mehr besuchen. Jacob hatte den Mann angesehen, als hätte der bei ihm einen Buckel festgestellt, hatte den Kopf gesenkt und gemurmelt, aber wie sollen wir dann studieren, der Direktor breitete bedauernd die Arme aus und schielte auf das Porträt des Marschalls Pétain, das neben dem Fenster hing.“ 

Algerische Juden sind 1941 nicht französisch genug für französische Schulen – sie sind aber französisch genug, um als Kanonenfutter in den Zweiten Weltkrieg geschickt zu werden. 1944 ist Jacob 19 Jahre alt, er hat das Abitur und wird zum Militär einberufen. Der Krieg ist weit weg und die Mutter, Rachel, wähnt ihren Sohn in Algerien, aber wo ist er? Mit Körben voller Leckereien bepackt sucht sie Jacob in den Kasernen. Eine zutiefst berührende Szene, wie sie von Kaserne zu Kaserne vertröstet wird, bis man ihr endlich die Wahrheit sagt: „Nicht weinen, Madame, Sie können stolz auf ihn sein, so die Sekretärin, wir werden den Krieg gewinnen, der Italienfeldzug ist ein Erfolg, Ihr Sohn kämpft für das Vaterland.“ 

Die innere Zerrissenheit der algerischen Juden wird sehr eingängig dargestellt: Zum einen die Anhänglichkeit und Sehnsucht nach einer französischen Identität, auch bei Jacob, „dessen Atem schneller geht, da er an Frankreich denkt, das wahre Frankreich, das Mutterland seiner Träume, dessen Verwaltungsbezirke, Könige, Lieder er in- und auswendig kennt, ein unsichtbares und doch allgegenwärtiges Land, das sich ihm bald in seiner ganzen Fülle enthüllen wird.“ Zum anderen das Heimweh und die Nähe zu seinen muslimischen Freunden, mit denen er die furchtbaren Leiden des Krieges durchlebt. Er muss töten, um zu überleben, und stirbt doch.

Die Leiden der Mutter haben kein Ende: Sie verliert nicht nur ihr Kind in einem fernen Krieg – von seinem Tod erfährt sie nach Wochen und kann ihn erst Jahre später in Algerien bestatten.

Es ist ein lesenswertes Buch, das uns die Grausamkeiten des Krieges vor Augen führt und die langwierigen Folgen einer menschenverachtenden Kolonialpolitik. Zu kurz umreißt Valérie Zenatti die Geschichte der Familie nach Kriegsende, die Folgen des Unabhängigkeitskrieges und des jüdischen Exodus 1962, von dem auch die Familie Melki betroffen ist. Das jüdische Leben in Algerien hat aufgehört.

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