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Fariba Vafi „Kleine Freiräume sind möglich“

LiBeratur-Preisträgerin Fariba Vafi über Frauenleben im Iran.

Fariba Vafi
Fariba Vafi. Foto: Nashr-e Markaz Publ.

Es gibt gegenüber äußeren Einflüssen einen kritischen Unterton im Buch. Die Tanzszene wird als Hölle bezeichnet. Auch kommunistische Befreiungsbewegungen verlieren an Glanz. Im Alltag bleibt von den Reden, in denen große Ideale beschworen werden, nicht viel übrig. Gelten sie als Bedrohung?
Ich spreche von einer Phase, in der die Ideale langsam hohl werden und nicht zum Erfolg führen. Es handelt sich um eine geschlossene Gesellschaft, alles wird in dieser Gesellschaft unterdrückt, nichts funktioniert mehr richtig, es gibt einen totalen Umbruch. Kein Stein lag damals mehr auf dem anderen. Wer seinen Idealen nachgeht und von Kuba träumt, kann sie nicht verwirklichen. In meinem Buch habe ich versucht, die großen Faktoren der Gesellschaft in verkleinerter Form widerzuspiegeln. 

Wie ist das Leben jetzt?
Das Leben hat sich geändert, durch Handy und Internet wirken sich internationale Einflüsse auch auf die persische Gesellschaft aus. Die Frauen haben ihre Häuser verlassen und kämpfen für ihre Rechte, sie lassen sich nicht mehr wie damals unterdrücken. Die Pfeiler des Lebens sind jedoch gleich geblieben. Vieles, was ich als Sackgasse betrachte, ist unverändert. Im Buch habe ich versucht, zu zeigen, dass trotz der Einschränkungen kleine Freiräume möglich sind. 

In Ihren beiden auf Deutsch erschienenen Werken, „Kellervogel“ (Rotbuch, 2012) und „Tarlan“, thematisieren Sie Optionen des Weggehens. Im ersten Buch wird der Ehepartner ins Ausland ziehen. In „Tarlan“ verlässt die junge Frau ihren Heimatort Tabriz, in dem auch Sie geboren sind, und geht nach Teheran. Welche Bedeutung haben diese Aufbrüche? 
Alle Hauptfiguren in meinen Geschichten können den Status quo nicht akzeptieren. Sie sind beständig auf der Suche. Wenn sie ihr bisheriges Zuhause verlassen, birgt das schon einen Moment der Freiheit. Die eine will ins Ausland, die andere wendet sich ihren Träumen zu oder hinterfragt alles, was das Schicksal ihr auferlegt hat. 

Ist dieses „Schicksal“ durch eine höhere Gewalt oder durch die Gesellschaft bestimmt? 
Es ist das Leben, das wir nicht selber ausgesucht haben. Was uns als Schicksal erscheint, ist ein gesellschaftlicher Zwang, wir müssen ihn akzeptieren und damit leben. Die Figuren in meinen Romanen möchten Freiheit, Sicherheit und ein etwas besseres Leben. Ein solches Leben wäre möglich, ist jedoch noch nicht Realität.

Sie schreiben über eine Abadanerin, die als einzige zentrale Figur keinen Namen hat, sondern nach ihrem Herkunftsort Abadan benannt wird. Warum?
Im Iran gibt es viele Provinzen. Der Ortsname gibt Hinweis auf die Geschichte, die die Menschen geprägt hat. Abadan war   ein Kriegsschauplatz. Die schöne Stadt am Persischen Golf wurde fast völlig zerstört. Ein persischer Leser assoziiert mit der Stadt sofort eine große Traurigkeit, die Abadanerin verkörpert diese Erfahrung.

Wie stark sind die Schahzeit oder die frühen Revolutionsjahre noch im Gespräch?
Ein junger Mensch kennt die Ereignisse nicht, die in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden haben. Manches wird falsch übermittelt. Wir können jedoch sehr locker über die Schahzeit sprechen, es werden Memoiren geschrieben, das Thema ist nicht tabu. Parallelen zur Gegenwart werden allerdings besonders achtsam behandelt. 

Gibt es weibliches Schreiben?
Ich schreibe aus der Sicht von Frauen, weil ich ihre Perspektive sehr gut kenne. Tarlans Geschichte könnte ein Mann nicht schreiben. Sie betrifft einen Ort, an dem nur Frauen zusammenkommen. Es gibt zwar gute Geschichten über Frauen, die von Männern geschrieben sind, doch müssen Frauen über Frauen schreiben. Sie dürfen dies nicht den Männern mit ihren Phantasien überlassen! 

Können Denken und Schreiben Veränderung ermöglichen? 
Nein, nicht Denken, Kreativität ändert die Welt! 

Interview: Andrea Pollmeier

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