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Alain Mabanckou Der Roman als kollektives Werk

Magisch, linear, realistisch: In „Die Lichter von Pointe-Noire“ erzählt der kongolesische Autor Alain Mabanckou in allen Facetten von seinen Wurzeln.

Alain Mabanckou
Alain Mabanckou erzählt von seinen Wurzeln. Foto: afp

Das Wort „Bwana“ bedeutet „Herr“ in der Bantusprache Suaheli. Während der Kolonialisierung Zentralafrikas wandelte sich die respektvolle Anrede jedoch zu einem Schimpfwort und wurde zu einem Synonym für „Unterwerfung“. Das scheinbar kleine Detail, das der Autor Alain Mabanckou in seinem Reisebericht „Die Lichter von Pointe-Noire“ erwähnt, spiegelt den tiefgreifenden Wandel wider, der sich im Kontext von Herrschaft und Abhängigkeit in den Alltag seiner Heimat, der Demokratischen Republik Kongo, eingeschlichen hat.

Wie stark sich diese Welt nach 23 Jahren Abstand verändert hat, beschreibt Alain Mabanckou aus Nähe und Distanz zugleich. Im Alter von 23 Jahren hatte er den Kongo verlassen und ist die gleiche Lebenszeit lang nicht zurückgekehrt. Inzwischen studierte er in Frankreich Jura und avancierte zu einer der wichtigsten Stimmen der französischsprachigen Literatur. Sein Roman „Stachelschweins Memoiren“ erhielt 2006 den Prix Renaudot. Auf der Buchmesse ist er derzeit innerhalb der französischen Ehrengast-Delegation verantwortlich für die Autorengruppe der „Frankophonie“.

In seinen ersten Romanen thematisiert Alain Mabanckou die Erfahrungen der Migration in Frankreich. Später verschiebt sich sein Interesse. Schon in seinem 2015 auf Deutsch unter dem Titel „Morgen werde ich zwanzig“ erschienenen Buch über die Kindheit wendet er sich seiner Herkunft zu. Dieses auf Erinnerungen basierende Thema wird in seinem nachfolgend übersetzten Buch als Reisedokumentation fortgeführt. Auf Einladung des Institut français hatte Alain Mabanckou zwei Wochen in Brazzaville gelebt und seine Heimat bereist. Aus der Ich-Perspektive formulierte er anschließend eine Bestandsaufnahme der Vergangenheit, die 2013 in Frankreich publiziert wurde und jetzt auch auf Deutsch erschien. 

Auffällig ist der Erzählton. Auf differenzierte Schreibtechniken, wie sie für moderne Erzählformen charakteristisch sind, verzichtet Mabanckou völlig. Im Buch weist er hin auf eine bewusst lineare Schreibweise, die wirkt „als ob die Vergangenheit eine gerade Linie wäre“. Auch auf Podien spricht der 2012 von der Académie francaise für sein Gesamtwerk mit dem Grand Prix de Littérature ausgezeichnete Autor über diese zurückgenommene Art des Schreibens: „Wir gehören zu einer Epoche des neuen Realismus. Ein afrikanischer Roman, der einen virtuosen Stil entwickelt und nicht realistisch ist, wird vielleicht den europäischen Leser befriedigen, seine afrikanischen Leser jedoch enttäuschen“, sagte er bei den Frankfurter Literaturtagen von Litprom im Januar. Es gelte, so Mabanckou, den Bezug zum afrikanischen Volk zu suchen. Ein afrikanischer Leser empfinde einen Text, in dem er und seine Umgebung beschrieben werden, als kollektives Werk, so, als habe er ihn selbst mitgeschrieben.

In dieser Weise bezieht Mabanckou die Menschen, die zu seinem Leben im Kongo gehört haben, nun in sein Schreiben ein. Offen spricht er vom Tod seiner Mutter und bekennt gleich zu Beginn, dass er lange Zeit seine Leser in dem Glauben gelassen habe, seine Mutter lebe noch. Jetzt ändere er seine Haltung: „Ich will mich bemühen, von nun an zur Wahrheit zurückzukehren.“

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