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Frankfurter Buchmesse Deutsches Dilemma

FR-Chefredakteurin Bascha Mika diskutiert mit verschiedenen Gästen über Frauenbilder in Deutschland und Frankreich. Das Ergebnis: Deutschland hat großen Nachholbedarf.

Buchmesse - Femme fatal
Barbara Vinken, Rüdiger Suchsland, Cécille Calla, Maria Furtwängler und Bascha Mika (v.l.) diskutieren am ersten Tag der Frankfurter Buchmesse im Lesezelt über deutsche und französische Frauenbilder. Foto: Michael Schick

Die Bodenplatten wackeln hier und da, an einer Wand wird gebohrt und auch die Technik funktioniert nicht einwandfrei – es ist noch nicht alles fertig aufgebaut an diesem ersten Messetag im Lesezelt. Das Zelt ist trotzdem gut besucht, vor allem Frauen sitzen im Publikum.

Um die soll es auch gehen an diesem Vormittag: um deutsche Frauen und französische Frauen, um Frauenbilder, Klischees und um das, was sie tatsächlich voneinander unterscheidet. „Das gängigste dumme Klischee, das ich gehört habe, ist, dass deutsche Frauen sich nicht rasieren würden“, sagt die französische Journalistin Cécile Calla auf Nachfrage von FR-Chefredakteurin Bascha Mika, die das Gespräch „Femme fatal – erotisch, lässig, selbstbestimmt“ moderiert.

Dass Klischees letztlich nur Klischees, gewisse Unterschiede zwischen deutschen und französischen Frauen und Frauenbildern aber eben doch nicht zu leugnen sind, wird schnell an Hand ganz banaler Dinge klar – zum Beispiel an Haaren. „Die Haare sind bei französischen Frauen, so kommt es mir zumindest vor, oft auch länger, wenn sie älter werden“, sagt Filmkritiker und Regisseur Rüdiger Suchsland. Bei deutschen Frauen werde das Haar im Alter dagegen sehr oft gekürzt. 

Frauenbilder sind kulturell verankert

Warum, erklärt die Schauspielerin Maria Furtwängler: „Meine Mutter hat mir schon früh gesagt, wenn man älter wird, muss man die Haare schneiden“, erzählt die „Tatort“-Kommissarin. Das sei sonst peinlich, ganz in dem Sinne, „dass, wenn wir Frauen älter werden, darf man nicht mehr erotisch wirken wollen“.

Für Barbara Vinken, Literaturwissenschaftlerin an der Universität in München und in Frankreich aufgewachsen, sind die unterschiedlichen Frauenbilder tief in den Kulturen beider Länder verankert. „Eine Frau hat kein Alter“, zitiert sie den französischen Modeschöpfer Yves Saint Laurent. Das sei für die französische Kultur sehr prägend. „Es ist eine Kultur, die Weiblichkeit liebt, die Weiblichkeit bewundert“, sagt sie. In Frankreich denke niemand, „dass, wenn du Autorität hast, dass du dann deiner Weiblichkeit abschwören musst“. Dieser Gegensatz sei vielmehr ein „deutsches Dilemma“.

In einem Dilemma steckt auch, wer in Deutschland Beruf und Familie, Frausein und Muttersein vereinbaren will – im Gegensatz zu Frankreich, wo alle Frauen scheinbar mühelos sämtliche Rollen ausfüllen und mit links vereinbaren. Das ist die insbesondere in Deutschland weit verbreitete Annahme, die die Französin Cécile Calla aber so nicht bestätigen will: „Das ändert sich auch in Frankreich.“ 

Das Modell, in Vollzeit zu arbeiten, zwei oder drei Kinder aufzuziehen und noch Zeit mit dem eigenen Mann zu verbringen, mache nicht alle glücklich. Es gebe auch andere Bedürfnisse. „Aber die Frauen in Frankreich, die nicht unbedingt diesem Modell zustimmen, werden oft verspottet oder belächelt.“ Da gebe es nicht viel Akzeptanz in der Gesellschaft.

Frankreichs Feminismus ist vielfältiger

In Frankreich würden Frauen bis ins Alter hinein als vollständige Persönlichkeiten mit ihrer ganzen Erotik und Sinnlichkeit wahrgenommen und Mütter hätten ein Stück mehr Wahlfreiheit, fasst Bascha Mika die Diskussion zusammen. Formiert sich dadurch aber auch ein neues feministisches (Selbst-)Bewusstsein, das es bei deutschen Frauen nicht gibt?

„Es haben sich in den letzten Jahren sehr viele Bewegungen entwickelt, die mehr Vielfalt ermöglichen“, berichtet Cécile Calla und nennt exemplarisch einen Verein, der in den 90er Jahren auf die Situation der Frauen in den Banlieues aufmerksam gemacht habe. In Frankreich habe der Feminismus „einfach vielfacettigere Gesichter“, urteilt auch Barbara Vinken. 

Und so wird am Ende deutlich, was bereits zu Beginn der Diskussion über die deutschen und die französischen Frauenbilder angeklungen war: In Deutschland gibt es noch viel nachzuholen.

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