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FR-Stand Heimat als Selbstverständlichkeit

Bei der Rundschau gibt es Gespräche über Hassobjekte im Fußball, das Leben als „Best Ager“ und krude Verschwörungstheorien.

15.10.2018 11:47
Pia Henderkes-Loeckle
Buchmesse
Stefan Krieger und Katja Thorwarth. Foto: Renate Hoyer

Für Menschen mit Haltung“ - das Motto am FR-Stand lockte am Wochenende zahlreiche Besucher zu den Gesprächen, die es dort nahezu im Stundentakt zu erleben gab. FR-Sportredakteur Timur Tinç sprach mit dem Sachbuchautor Dietrich Schulze-Marmeling über sein neuestes Buch „Der Fall Özil – über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus“, das bereits eine Woche nach dem Rücktritt Mesut Özils aus der deutschen Nationalmannschaft erschien. Für Schulze-Marmeling entwickelte sich schon nach dem WM-Testspiel gegen Saudi-Arabien und mit der Diskussion um das Erdogan-Foto etwas in eine ungute Richtung. In seinem Buch beleuchtet er die Entwicklung bis zu den wochenlangen Diskussionen um den Fall Özils, der seiner Meinung nach schon immer Hassobjekt war, wie er zum Sündenbock für das frühe WM-Aus der Deutschen und zur öffentlichen Zielscheibe, auch einer politischen Debatte, wurde.

Lokalredakteur Claus-Jürgen Göpfert interviewte die in Georgien geborene und seit 15 Jahren in Deutschland lebende Autorin Nino Haratschwili. Der Begriff Heimat: für sie ein Ort der Selbstverständlichkeit. Auch in Hamburg, wo sie lebt. Die deutsche Sprache hat sie bereits in Georgien in der Schule gelernt und hat früh angefangen, auf Deutsch zu schreiben. Sie äußert erstaunt, wie schnell die Grenzen verwischen und sie in Diskussionen wieder zur „Migrantin“ wird. Wegen ihres neuen Buchs „Die Katze und der General“ sah sich die Autorin der Kritik ausgesetzt, als Georgierin über Tschetschenien schreiben. Sie solle doch bei Georgien bleiben. Darauf angesprochen, entgegnete Haratschwili, dass niemand einem Autor vorschreiben dürfe und könne, worüber er schreiben solle.

„Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen“, ist das Credo von Oliver Lück. Er las aus seinem neuesten Buch „Buntland“, in dem er die Geschichten von 16 Menschen aus 16 Bundesländern zusammengetragen hat. Bevor er als ganz klassische Lesung die Geschichte „Einfach mal machen“ zum Besten gab, verriet er FR-Redakteurin Tanja Kokoska, dass der Schlüssel, um an Geschichten zu kommen, die Zeit sei: längere Zeit an einem Ort verbringen. Dadurch käme er ins Gespräch mit den Menschen. Und dann müsse er einfach nur zuhören. Und natürlich wollten die Menschen, mit denen er spreche, auch viel von ihm wissen. Darauf müsse er sich einlassen. Auf den Titel seines Buchs angesprochen, erklärte Lück, dass es vordergründig kein politisches Buch sei, aber: „Buntland ist besser als Gauland.“

Vor fast ausschließlich weiblichem Publikum stellte sich Greta Silver, Best Agerin, Model und Youtuberin, den Fragen von Lokalredakteurin Kathrin Rosendorff. Ihr Blog und ihr neuestes Buch „Wie Brausepulver auf der Zunge“ sind eine Liebeserklärung an das Alter. Die Zeit ab 60 betrachtet Silver als die Kür des Lebens, sie selbst fühle sich mit 70 Jahren in der Blütezeit. Das Alter sei der Ritterschlag des Lebens. „Wir haben nichts zu verlieren, nur zu gewinnen“, erklärt sie energiegeladen und bester Laune. Die Lebenserfahrung mache ältere Menschen stark, sie müssten nichts mehr beweisen. Wir alle seien mit negativ behafteten „blöden Bildern“ vom Alter groß geworden. Diese Bilder hinter sich zu lassen, wachsam zu bleiben, Träume zu verwirklichen und Talente zu entdecken und zu nutzen, das empfiehlt sie der Rentnergeneration.

Das bedingungslose Grundeinkommen wird immer wieder konträr diskutiert. Einen Kritiker zu diesem Thema hatte – unter großer Publikumsteilnahme – FR-Redakteurin Alicia Lindhoff zu Gast. Der Politikwissenschaftler, Armutsforscher und Herausgeber des Buchs „Grundeinkommen kontrovers“, Christoph Butterwegge, sieht mit der Einführung des Grundeinkommens das Ende des Sozialstaats gegeben. Einkommen und Erwerbsarbeit seien nicht zu entkoppeln, „manche glauben, den Kommunismus im Kapitalismus einführen zu können“. Der Solidargedanke eines Wohlfahrtsstaats, der im individuellen Bedarfsfall Leistungen erbringt und für den Butterwegge plädiert, weiche dann einem System des Universaltransfers. Butterwegge sieht in der Hartz-IV- Agenda einen Wegbereiter der AfD. Ebenso prognostiziert er im Falle eines bedingungslosen Grundeinkommens eine noch restriktivere Flüchtlingspolitik.

Eine ordentliche Portion Humor und Gelassenheit brauchen FR-Redakteure (und viele andere) schon, lauscht man den von Stefan Krieger und Katja Thorwarth vorgetragenen Zuschriften. Wobei das „Lauschen“ durchaus Ohrenschmerzen verursacht bei so viel Wut, Hass, Fäkalsprache, Beschimpfung und Beleidigung. Und dem zahlreich zuhörenden Publikum blieb an einigen Stellen das Lachen im Hals stecken. Die anonymen Zuschriften lassen sich durchaus kategorisieren: politisch, rassistisch-faschistisch oder verschwörungstheoretisch geprägt und manche einfach nur wirr. Viele mit der finalen Drohung „Nie wieder lese ich FR“. Zwischendurch gibt es auch einzelne kreative Ansätze, klug und witzig – ohne Beleidigung geht es auch. Eine „versöhnliche“ Zuschrift gab Katja Thorwarth am Schluss zum Besten: „Das Internet ist nicht dazu da, andere zu beleidigen, es ist für Pornos gedacht.“

Zum Thema „Wie lassen sich Rechte stoppen“ hatte FR-Ressortleiter Meinung, Andreas Schwarzkopf, zur Podiumsdiskussion auf der International Stage in Halle 5 geladen. Saba-Nur Cheema von der Bildungsstätte Anne Frank plädiert für eine bessere Schulung der Lehrkräfte. Die historisch-politische Bildung ist ihrer Meinung nach vernachlässigt worden. Der CDU-Europaabgeordnete Michael Gahler sieht auf europäischer Ebene das Grenzenaufzeigen gegen Staaten mit antidemokratischer Strömung und das Ausschöpfen aller im EU-Vertrag geregelten und möglichen Maßnahmen, wie das Vertragsverletzungsverfahren gegen Polen, als geeignetes und wichtiges Mittel. Die Politiker müssten wieder die soziale Realität wahrnehmen, konstatierte Benno Hafeneger von der Uni Marburg. Die populistischen Themen müssten dechiffriert und klare Kante gezeigt werden. Die laut Bertelsmann-Stiftung 40 Prozent der Menschen mit rechtsgerichteter, aber nicht rechtsextremistischer Einstellung gelte es wieder „einzufangen“.

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