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FR auf der Buchmesse Integration? „Pustekuchen!“

Auf der Suche nach der anderen Türkei: Asli Erdogan, Osman Okkan und Günter Wallraff diskutieren mit FR-Chefredakteurin Bascha Mika.

Frankfurter Buchmesse
Pläydoyer für Widerstand: Wallraff, Okkan, Erdogan und Mika (v. l.) diskutieren auf der Buchmesse. Foto: Michael Schick

Der Journalist Günter Wallraff möchte den Bundesvorsitzenden der Grünen, Cem Özdemir, zum Außenminister machen. Das würde den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan beeindrucken, meinte der 75-Jährige am Samstag auf der Buchmesse. FR-Chefredakteurin Bascha Mika hatte ihn, die Schriftstellerin Asli Erdogan und den Filmemacher Osman Okkan eingeladen, um gemeinsam nach der „anderen Türkei“ zu suchen, um die Menschen zu unterstützen, die sich gegen den Ministerpräsidenten zur Wehr setzen, wie etwa die Mitarbeiter der Erdogan-kritischen Zeitung „Cumhuyriet“. Die „andere Türkei“, das wurde schnell deutlich, beginnt in Deutschland.

An einem Tourismus-Boykott, wie ihn Wallraff vorschlug, könnte sich schließlich jeder beteiligen. Aber es sollten schon „die richtigen Leute hinfahren“, um die Opposition zu stärken. Er selbst sei kürzlich in der Türkei gewesen und werde bald wieder dort sein, um den Prozess gegen eine Journalistin zu begleiten. Wallraff, der in seinem Buch „Ganz unten“ die Ausbeutung, Ausgrenzung und Missachtung schildert, die er als vermeintlicher Gastarbeiter erfuhr, genießt offenbar bei Türken und Deutschtürken ein besonderes Ansehen. Oft werde er mit „unser Ali“ begrüßt und umarmt – auch von Anhängern des türkischen Staatspräsidenten.

Integration? „Pustekuchen!“

Warum so viele Türken, die in Deutschland demokratische Rechte genießen, Recep Erdogan unterstützen, der die Freiheit mit Füßen trete, wollte Bascha Mika wissen. Für den Filmemacher Osman Okkan steckt eine jahrzehntelange Entwicklung dahinter, die erst jetzt, seit der dramatischen Zuspitzung in der Türkei wahrgenommen werde.

Integration? „Pustekuchen!“ Selbst Akademiker und viele „sehr smarte junge Leute“, fühlten sich von der Erdogan-Propaganda angezogen, von dem Gedanken, das Osmanische Reich wiederaufleben zu lassen und „der Welt zu zeigen, wo der Hammer hängt“.

„Unfassbare Verhältnisse“ in der Türkei

Die Physikerin und Schriftstellerin Asli Erdogan, eine Fürsprecherin der kurdischen Minderheit, berichtet eindringlich über die „unfassbaren Verhältnisse“ in ihrer Heimat. Die 50-Jährige wurde im August 2016 nach dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli festgenommen. Plötzlich hätten in der Nacht Polizisten und Soldaten im Haus gestanden, es über sieben Stunden lang durchsucht und dabei „3500 Bücher durchwühlt“. Zusammen mit zwei weiteren Inhaftierten sei sie in einer vier Quadratmeter großen Zelle untergebracht worden, ohne Toilette und fließend Wasser. Im Vergleich zu der Unterbringung anderer Regimeopfer sei das geradezu noch „ein Gedicht“ gewesen.

Nach der Entlassung sei das Leben wie ein „Fegefeuer“: Das Verfahren gegen sie sei nicht eingestellt worden, sie wisse nicht, was auf sie zukomme. Erst seitdem sie in Deutschland sei, könne sie etwas ruhiger schlafen. Okkan und Wallraff forderten die Politik auf, nicht länger tatenlos zuzusehen. „Die Politiker müssen sagen, dass es so nicht geht“, sagte der Filmemacher. Militär- und Wirtschaftshilfe sollten eingestellt werden, so Wallraff. Die großen Verlage forderte er auf, die „letzte kritische Zeitung Cumhuyriet“ zu unterstützen. Der Westen müsse sich „endlich der Wahrheit“ stellen, sagte Asli Erdogan.

Die andere Türkei beginnt in Deutschland: „Ich habe eine türkische Augenärztin und eine türkische Zahnärztin. Jetzt überlege ich mir, ob ich sie anspreche“, sagte eine Besucherin.

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