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Großlesungen Houellebecq liest im Frankfurter Schauspiel

Zwei Großlesungen im Frankfurter Schauspiel: Michel Houellebecq und Daniel Kehlmann.

Houellebecq im Frankfurter Schauspiel
Houellebecq redet, Encke und Novak-Lechevalier hören zu, Crux macht sich Notizen. Foto: Rolf Oeser

Großer Auflauf im Frankfurter Schauspielhaus, zwei Massenlesungen hintereinander, wie üblich in Kooperation mit dem Literaturhaus. In der ersten machte Michel Houellebecq gleich, was er wollte, so dass es etwas länger dauerte. 

Um Houellebecq war eine Versuchsanordnung aufgebaut. Aufgereiht saßen die Moderatorin Julia Encke, neben ihr die Pariser Literaturwissenschaftlerin Agathe Novak-Lechevalier, „die das Vertrauen von Houellebecq genießt“, ganz rechts die Übersetzerin Marianne Crux, dazwischen der Schriftsteller. Den berühmten Anorak legte er über die Rückenlehne, E-Zigaretten steckten in den Jeanshemdtäschchen bereit. Houellebecq fing an zu reden und redete eine Stunde. Er habe sich nicht vorbereitet, sagte er und daran konnte auch kein Zweifel bestehen, und er sagte unter anderem dies: In Frankreich werde seit Jahren viel über Deutschland gesprochen. Meistens gehe der Vergleich auf Kosten Frankreichs aus. Die Deutschen seien besser organisiert, es laufe wirtschaftlich besser, und wenn er die Arbeit deutscher und französischer Journalisten mit Blick auf seine Bücher vergleiche, so frage er sich, ob die beiden Gruppen den gleichen Beruf ausübten.

Die Wahl von Emmanuel Macron jedoch scheine nun eine Wende einzuleiten. Das Selbstbewusstsein Frankreichs wachse, und er könne sich gut vorstellen, dass man auf dem Weg sei, wieder zur Großen Nation zu werden. Um die europäische Kultur sei es im Übrigen seit jeher schlecht bestellt. Nach dem Verschwinden des Lateinischen als gemeinsame Sprache der Literatur habe es nur noch zwei literarische Wellen gegeben, die den Kontinent als Ganzen erfasst hätten: Der aus Lateinamerika kommende „Magische Realismus“, bei dem er nie so ganz verstanden habe, worum es dabei gehe, und die skandinavische Krimiwelle, bei der er schon eher mitreden könne. 

Den Deutschen empfehle er vor diesem Hintergrund, sich auf den erotischen Roman zu spezialisieren und auf diese Weise vielleicht eine neue Welle auszulösen. – Michel Houellebecq sagte noch einiges mehr (Sieg des Romans über andere Genres, Verschwinden der Lyrik, auch zur Musik und zum Kino sei einiges zu sagen etc.). Nach einer Stunde, in der Marianne Crux alles Menschenmögliche zur Vermittlung getan hatte, erklärte Encke, das sei nicht zu erwarten gewesen, und wir sollten das als Kompliment auffassen. Houellebecq habe an sich nur ganz kurz auf die Bühne gewollt. Novak-Lechevalier stellt trotz allem noch einige Fragen. Schließlich kam Wolfram Koch und las ganz hinreißend ein witziges Stück aus „Unterwerfung“. Er war vorzüglich organisiert. 

In der zweiten Runde kam der Autor Daniel Kehlmann zur ersten „Tyll“-Lesung schließlich doch noch zu Wort, nachdem Moderator Ijoma Mangold einiges dazu zu sagen hatte. Kehlmann gab erstklassige Auskünfte. Ausgangspunkt sei sein Interesse am Dreißigjährigen Krieg gewesen. Die Wahl der Titelfigur sei fast zwangsläufig auf einen Narren gefallen: Nur fahrendes Volk sei in dieser Zeit beweglich gewesen, habe Angehörige verschiedener Stände treffen können. Der Narr sei ihm wie bei Shakespeare überzeitlich vorgekommen, so dass ihm der Transport der Till-Eulenspiegel-Figur vom 14. ins 17. Jahrhundert kein Kopfzerbrechen bereitet habe. 

Mangold: Warum sei die Sprache so gar nicht altertümelnd und doch so eigen? Weil er, so Kehlmann, am Ende langer Überlegungen alles gelöscht habe, was in den Dialogen an spätere Denkkonzepte erinnert habe. Etwa mit Blick auf das Zeitempfinden in einer Welt, in der Minuten keine Rolle spielen. „Die Figuren denken nur Dinge, die sie auch damals hätten denken können.“ Es fiel einem wie Schuppen von den Augen.

Auch als Vorleser zeigte sich Kehlmann als ein fulminanter Vertreter seines Buches. 

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