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Gastland Georgien Ostberlin im Südkaukasus

In Tiflis prallen Werte aufeinander: Poeten und Raver treffen auf Wutbürger mit Würsten - Besuch in einem postpostsowjetischen Provisorium.

Protest in Tiflis
Junge Leute protestieren im Mai in Tiflis gegen die Drogen-Razzien in zwei Nachtklubs. Foto: rtr

Sie sehen sehr gut aus. Na und? Lewan wirkt mit seinem schwarzen Schnauzbart wie Omar Sharifs Enkel, startet aber in einem einfachen Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln in die Samstagnacht. Das Kostüm der lächelnden Ana Tschaduneli erinnert an japanische Schuluniformen. Ana Jikia hat sich etwas Goldstaub unter ihre großen Augen geklebt. Auf ihrem weißen T-Shirt aber prangt der eindeutige Befehl: „Shit yourself!“.

Ana in der Schuluniform schien gerade noch den Tränen nah zu sein. Sie erzählte, wie ihr Freund Giorgi Giorganaschwili, ein bekannter Schauspieler, festgenommen wurde vor zwei Jahren: „Nachts haben sie sein Taxi angehalten, ihn gefragt, welcher seiner Freunde Drogen besitze. Er wollte keine Namen nennen.“ Da hätten die Polizisten ihn festgenommen, ihm später ein Päckchen Buprenorphin, ein starkes Schmerzmittel, in die Tasche geschoben, Anlass genug, um gegen ihn ein Verfahren wegen Drogenbesitzes zu eröffnen. Sie hätten vor der Festnahme die Überwachungskameras, die sie im Dienst vor der Brust tragen müssen, ausgeschaltet. Und niemand habe das Rauschgiftpäckchen auf Giorgis Fingerabdrücke untersucht. Trotzdem wurde er zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. „Die Hälfte meiner Haare sind weiß geworden“, Ana Tschadunelis Lächeln ist traurig.

Das junge Tiflis ist schön, aber zu klug, um glücklich zu sein. Lewan Schanidse, 23, und die beiden Anas, 27 und 28, gehören zur Art-Gruppe Blue Yogurt, die mit Videoinstallationen und akustischen Meditationen in den Klubs oder Cafés der georgischen Hauptstadt Performances veranstalten. Blue Yogurt? Blau sei die Farbe der Traurigkeit, erklären sie. „Aber traurig zu sein, ist nicht schlimm. Du bist dann kreativer, du suchst nach etwas Neuem.“

Das erzählen die Yogurts schon nach dem Interview. In der Altstadtkneipe „Mozaika“. Lewan und ich trinken georgisches Argo-Bier für umgerechnet 1,30 Euro die Flasche, die Frauen Jägermeister und Tschtatscha, 50- bis 70-prozentigen georgischen Schnaps. 

Die Stiege zum zweiten Stock des „Mozaika“ ist halsbrecherisch steil, die Polster auf den Sperrholzbänken sind mit Schaumstoff gefüllt. An einer Wand hängt der Druck eines Swimmingpool-Bildes von David Hockney, gegenüber baumelt ein Mehrfachstecker an einem Stromkabel. Der Laden ist spartanisch, aber voll, summt und lacht auf Georgisch, Englisch, Russisch oder Deutsch. Südkaukasisches Berlin, genauer Ostberlin – in den Jahren nach dem Mauerfall. Arm, mit bröckelnden Fassaden, aber voller Selbstbewusstsein.

Unten auf der Straße, schräg gegenüber, drängt sich eine andere hippe Menge vor dem „Success“, Tiflis’ erster Schwulenbar. Ein Jüngling kurvt auf einem Motorroller vorbei, er trägt Rasta-Zöpfe unter einem schwarzen Helm mit Totenkopf. Und ein rotes T-Shirt: „#Love People“. 

Georgiens Auftritt als Gastland der Frankfurter Buchmesse hat wie üblich zahlreiche deutsche Übersetzungen mit sich gebracht – fulminante, traurige oder verspielte Texte über zornige Töchter, Schriftsteller in der Hölle, oder Vergewaltigungen im Kinderheim. Die mehr als 70 angereisten Autorinnen und Autoren sind Botschafter einer Literatur- und Kulturszene, die in heftiger Fehde mit der oft erzkonservativen Gesellschaft und der noch immer willkürlichen Obrigkeit liegt. Der Brennpunkt heißt Tiflis.

„Eine Generation hat vier Kriege erlebt“, sagt Anna Kordzaia-Samadaschwili, „da  gibt es sehr viel zu schreiben.“ Die Erzählerin, Journalistin und Übersetzerin ist in Frankfurt mit fünf Büchern vertreten, oft geht es um Frauen, die sich wehren. Sie selbst schlägt vor, zuerst ihren als Krimi maskierten Sozialroman „Wer hat die Tschaika getötet?“ (schon 2016 im Hans-Schiller-Verlag) zu lesen. Wie die Blue-Yogurt Frauen ist die 50-jährige Anna Kordzaia-Samadaschwili statt Gattin und Mutter Junggesellin, allen patriarchalen Normen zum Trotz.

Die Ideen in Tiflis treffen auf eine Wirklichkeit, die noch immer nach Luft schnappt: Zwischen 1991 und 1993 wurde sie durch den Fall der Sowjetunion, den Bürgerkrieg, die verloren gegangenen Kämpfe gegen die Separatisten in Südossetien und Abchasien geprägt, danach durch die Rosenrevolution Micheil Saakaschwilis 2003, den schmachvollen Augustfeldzug gegen Russland 2008 und Saakaschwilis Sturz 2012. „Wir leben in einem okkupierten, instabilen, idiotischen Land“, sagt Anna Kordzaia-Samadaschwili. „Seine Grenze rutscht ständig in unsere Richtung. Du schläfst abends in Georgien ein und wachst morgens im russischen Besatzungsgebiet auf.“

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