Lade Inhalte...

Buchmesse Frankfurt Kein Applaus für Sarrazin

„Keine Behauptung bleibt unbelegt“: Thilo Sarrazin versucht vergebens, die Zuhörer von seinen anti-islamischen Thesen zu überzeugen.

Thilo Sarrazin und Laila Mirzo
Thilo Sarrazin und Laila Mirzo im Lesezelt. Foto: Michael Schick

Die Schlange vor dem Lesezelt: lang, sehr lang. Die Bodyguards daneben: auffällig unauffällig, inklusive Knopf im Ohr und Mikro am Revers. Und direkt vor dem Eingang zum Lesezelt: Thilo Sarrazin, der zwischen zwei Sicherheitsleuten in der Sonne steht und sich sein Publikum anschaut.

Eine Viertelstunde später sind alle drin im Zelt, doch nicht alle Plätze sind besetzt. Neben der Bühne und im Rund verteilt steht dafür jede Menge Security. Sarrazin betritt die Bühne und greift zu seinem Manuskript, von dem er sich in den nächsten gut 30 Minuten nicht lösen wird, Verzettelungen inklusive. Bezogen auf sein 2010 erschienenes „Deutschland schafft sich ab“, sagt der in seiner Partei ungeliebte Sozialdemokrat: „Alles kam deutlich schlimmer als vor acht Jahren von mir analysiert, auch dank der seitdem betriebenen Politik der Bundesregierung.“

Der Rahmen für die Vorstellung von Sarrazins neuem Buch „Feindliche Übernahme“ am Mittwochnachmittag ist damit gesetzt. Es folgen Thesen, Zukunftsvisionen und Behauptungen, die alle ein und dieselbe Botschaft vermitteln sollen: Der Islam ist böse und bedroht die westliche Gesellschaft.

„Im Islam ist eine Tendenz zum Beleidigtsein und zum sich Angegriffenfühlen angelegt, die mit unseren Begriffen von Meinungsfreiheit und Demokratie nur schwer vereinbar ist“, behauptet Sarrazin. Für sein Buch habe er den Koran gelesen und festgestellt: „Die Aussagen des Korans enthalten kaum Abstraktionen oder Überlegungen abwägender Vernunft.“

Wer aus dem Koran Menschenliebe, Toleranz oder Gleichberechtigung herauslesen wolle, der müsse die Aussagen schon sehr verbiegen, sagt Sarrazin. „Nimmt man den Koran auch nur einigermaßen beim Wort, so ist der Islam keine Religion des Friedens oder der Toleranz, sondern eine Gewaltideologie, die im Gewand einer Religion daherkommt.“

So geht es weiter – doch das Publikum scheint Sarrazin damit nicht beeindrucken zu können. Niemand klatscht, die Gesichter bleiben ausdruckslos, die ersten verlassen sogar das Zelt. Da nutzen auch Sätze wie „Keine Behauptung bleibt unbelegt“ oder der Hinweis, er habe das gesamte empirisch verfügbare Material gesichtet und interpretiert, nichts. Als Sarrazin das Mikro weglegt, haben sich die Reihen bereits gelichtet.

Laila Mirzo betritt die Bühne. In Syrien geboren, ist sie vor einigen Jahren vom Islam zum Christentum konvertiert. Auch sie glaubt, der Islam sei nicht mit der westlichen Kultur vereinbar. Ihr Buch heißt: „Nur ein schlechter Muslim ist ein guter Muslim“.

„Es gibt keinen Islam light“, sagt Mirzo. „Dafür geben der Koran und die religiösen Schriften überhaupt keinen Spielraum vor.“ Kein Mensch sei weniger wert als ein anderer, und der Wert eines Menschen messe sich nicht am Geschlecht oder seiner sexuellen Orientierung oder seinem Glauben. „Der Islam aber separiert die Menschen in Klassen.“ Er sei eine „Ideologie der Apartheid“.

Dann sagt sie: „An dem Tag, an dem wir aus religiöser Toleranz geduldet haben, dass muslimische Männer nichtmuslimischen Frauen den Handschlag verweigern, weil diese unrein seien, an dem Tag haben wir den Kampf der Frauenbewegung verraten und die Abwertung der Frau akzeptiert.“ Und dafür gibt es dann doch noch leisen Applaus aus dem Publikum.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen