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Buchmesse Frankfurt „Es wird um den Rechtsruck gehen“

Vor einem Jahr dominierten rechte Verlage und Gegenproteste das Bild der Frankfurter Buchmesse. Im FR-Gespräch erläutert Messechef Juergen Boos, was in diesem Jahr anders laufen soll.

Buchmesse Frankfurt
Björn Höcke auf der Frankfurter Buchmesse 2017. Foto: Michael Schick

Herr Boos, bislang hat sich der rechtsextreme Antaios-Verlag noch nicht für die Frankfurter Buchmesse angemeldet. Es sieht so aus, als würde Ihnen ein Auftritt wie im letzten Jahr erspart bleiben. Sind Sie erleichtert?
Natürlich erleichtert mich das. Stände solcher Verlage sind immer eine gewisse Provokation. Und nach den Erfahrungen des letzten Jahres bin ich ganz froh, wenn dieser Verlag nicht kommt. Aber das eigentliche Problem sind ja nicht die Aussteller. Das Problem ist, was in unserer Gesellschaft gerade los ist. Das spiegelt sich auf der Buchmesse. Wir hatten immer missliebige Aussteller. Wir haben Themen, die uns nicht passen. Das lässt sich nicht ändern. Das liegt in der DNA der Buchmesse.

Nun hat sich seit dem letztjährigen, von Tumulten begleiteten Auftritt von Antaios der öffentliche Diskurs - unserer Wahrnehmung nach - nach rechts verschoben. Auf jeden Fall haben uns die Themen, die gerade auch Antaios gerne in der Mitte der Gesellschaft verankern wollte, nicht verlassen. Wird diese Buchmesse auch wieder unter dem Vorzeichen dieses „Rechtsrucks“ stehen?
Kommt darauf an, was Sie unter Vorzeichen verstehen. Wenn Sie fragen, ob das eine politische Buchmesse wird: Ja, auf jeden Fall. Wir haben ja versucht, dezidiert unser Programm zu gestalten und Schwerpunkte zu setzen: 70 Jahre Deklaration der Menschenrechte ist eines der Themen, die wir gesetzt haben. Und damit ist auch gesetzt, dass wir uns mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzen müssen: mit Flucht, mit Meinungsfreiheit, der Freiheit des Publizierens. Also dezidiert politischen Themen.

Letztes Jahr wurde in den Medien konstatiert, dass es der Rechten um Antaios gelungen sei, die Buchmesse zu kapern. Wie sehen Sie das mit einem Jahr Abstand?
Die Buchmesse lässt sich nicht kapern. Dafür ist sie zu vielfältig und zu international. Ein Spiegel der Diversität, in der wir leben. Man kann sicher eine Bühne in Anspruch nehmen und sich damit einen Moment der Öffentlichkeit schaffen. Aber dieser Moment ist auch schnell wieder verflogen angesichts der Vielfalt der Themen.

Dennoch haben Sie sich für dieses Jahr ein Konzept überlegt, wie die Auftritte dezidiert rechter und rechtsextremer Verlage zu handhaben sind ...
Das hatten wir auch im letzten Jahr. Natürlich wissen wir, dass die Buchmesse schon seit Jahrzehnten als politische Bühne benutzt wird. Ob von links oder von rechts. Und im Moment werden eben rechte Themen in Deutschland diskutiert. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Sowohl was Sicherheitsfragen betrifft als auch inhaltlich. Wir können natürlich keinen Einfluss auf die Inhalte der Verlage nehmen, aber wir können ein Gegenprogramm schaffen. Und das ist uns wichtig.

Bei der Leipziger Buchmesse hat man alle rechten Verlage zusammengruppiert, was einigen der betroffenen Aussteller gar nicht gefallen hat. Wird es ein ähnliches Konzept auch in Frankfurt geben? 
Es gibt natürlich ein Sicherheitskonzept. Auch ein Platzierungskonzept, das ähnlich ist wie in Leipzig. Aber im Moment reden wir da über eine verschwindend geringe Anzahl von Ausstellern.

Die rechten Verlage, die dennoch kommen, werden sich vermutlich wieder in der Opferrolle wähnen ...
Das ist nicht unser Problem.

2017 gab es jenen Moment am Samstag, der schließlich in Tumulten endete. Auf Einladung von Antaios zog AfD-Rechtsaußen Björn Höcke begleitet von einem Tross über das Messegelände zu einer Bühne in Halle 4.2. Aus unserer Sicht war das eine Machtdemonstration. Wie wollen Sie solche Auftritte handhaben? Den Zutritt zur Messe können Sie ja niemandem so leicht verbieten.
Das kann man tatsächlich nicht. Schon gar nicht gewählten Parlamentsabgeordneten. Zumal im Anschluss an die Buchmesse gleich in zwei Bundesländern Wahlen anstehen. Wir werden also Wahlkampf haben, das ist gewiss.

Und wie will man verhindern, dass sich Tumulte wie im letzten Jahr wiederholen?
Das ist eine Frage des Sicherheitskonzepts, über das wir aber nicht im Detail sprechen können. Darüber sind wir seit Monaten mit den Sicherheitskräften im Gespräch.

Nun hat das Provokations- und Raumnahme-Konzept, das vergangenes Jahr von Antaios gefahren wurde, ja durchaus funktioniert. Rechnen Sie damit, dass andere Aussteller versuchen, das zu kopieren?
Das glaube ich nicht. Im Gegenteil. Ich sehe nicht, wo das von Erfolg gekrönt war, was da letztes Jahr passiert ist. Wir haben inzwischen ganz andere Themen in Deutschland.

Was glauben Sie denn, welche Themen bei der diesjährigen Buchmesse hauptsächlich diskutiert werden?
Naja, es wird um den Rechtsruck gehen – allerdings in ganz Europa. Das ist ja kein rein deutsches Phänomen. Wir haben Populisten an der Regierung von Italien über Österreich bis Polen. Das wird mit Sicherheit thematisiert werden. Und dann haben wir Herrn Sarrazin auf Platz 1 der Sachbuch-Bestsellerliste. Das ist der eine Teil. Aber dann haben wir auch die Debatte um #Metoo, also sexualisierte Gewalt gegen Frauen, und das Genderthema. Das wird sicherlich viel Raum einnehmen. Dazu die ganzen internationalen Themen, wie jedes Jahr. Alle Konflikte, wo immer es sie gibt, werden sich auf der Messe widerspiegeln: Türkei, Iran, China, Nordkorea.

Gibt es eine Diskussion, auf die Sie sich persönlich besonders freuen?
Ich freue mich auf die Eröffnung der Messe mit Federica Mogherini, Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik. Wir hatten in den letzten Jahren immer deutsche Politiker zur Eröffnung. Mir war es wichtig, dass wir auch ein europäisches Zeichen setzen. Wir verstehen uns ja als dezidiert europäisch im Sinne der Aufklärung. Auch damit wollen wir ein politisches Zeichen setzen. 

Freut man sich als Buchmessenchef eigentlich über Streit?
Über konstruktiven Streit immer. Wobei es dabei nicht um die Buchmesse geht, sondern um die Bücher. Ich habe gerade etwas zu kontroversen Büchern in den letzten 100 Jahren gelesen. Alles was verboten wurde, hat seinen Weg trotzdem gefunden. Geschichten, die konfliktär waren, sind immer an die Öffentlichkeit gekommen. 

Interview: Danijel Majic

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