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Buchmesse Frankfurt Appell an die Gesellschaft

Die Sorge vor einer Selbstzensur in Deutschland ist real. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels fordert Solidarität von allen in der Zivilgesellschaft.

Buchmesse
Nicht in allen Punkten waren sie sich einig: Günter Wallraff (l.) und Alexander Skipis. Foto: Michael Schick

Günter Wallraff fasziniert noch immer die Menschen. Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Selbstzensur in Deutschland“ waren nicht nur die Sitzplätze vor der Weltempfang-Bühne vollständig besetzt, auch dahinter standen die Zuhörer, um den Aussagen des Enthüllungsjournalisten zu lauschen. Eine Untersuchung der Schriftstellervereinigung PEN und der Universität Rostock hatte jüngst ergeben, dass sich Autoren durchaus von Drohungen und Übergriffen einschüchtern lassen.

Wallraff beschwichtigte, dass man in der jetzigen Debatte nicht überreagieren sollte. „Die Demokratie hat die NPD und die Republikaner überwunden und sie wird auch die Hetze der AfD überwinden“, sagt der 76-Jährige. Er zeigte sich allerdings davon schockiert, dass Autoren sich einschüchtern lassen. Fast ein Viertel von 273 Befragten, die bereits Angriffe erlebt hätten, würden versuchen kritische Geschichten zu reduzieren. Wallraff appellierte daran, den Hass, der hauptsächlich im Internet aufkomme, zu ignorieren und dagegenzuhalten. „Wenn ich alles im Internet über mich lesen würde, würde ich depressiv werden.“ In Deutschland sei man oft wehleidig, denn die Situation der Presse sei in anderen Ländern viel schlimmer.

Dem widersprach Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. „In Deutschland herrscht eine reale und gefährliche Situation.“ Es seien schleichende Prozesse, die die Zustände verschlimmerten. Er erzählte, dass er jüngst eine Lesung von Texten inhaftierter Autoren in der Türkei organisiert habe. Mehrere prominente Politiker hätten ihm abgesagt. Es sei ihnen zu gefährlich. „Das sollte uns zu denken geben.“

Skipis warnte davor in Gleichgültigkeit zu versinken. Man dürfe sich nicht an Unrecht gewöhnen. Jeder neue inhaftierte Autor in der Türkei müsse für einen Aufschrei sorgen und nicht abgehakt werden. „Es ist die Aufgabe der Zivilgesellschaft sich zu erheben“, sagte der Hauptgeschäftsführer. Alle müssten mitmachen. Wenn Solidarität mit den inhaftierten Autoren öffentlich gezeigt werde, würden diese nicht vergessen.

Einig waren sich Wallraff und Skipis wieder bei Einschätzung des Umgangs der Bundesregierung mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. „Das war die Selbstaufgabe einer Demokratie“, kommentierte Wallraff den Staatsbesuch von Erdogan vor wenigen Tagen. Es sei einer Bankrotterklärung gleichgekommen den Despoten zu empfangen, ohne das es zu Forderungen oder großer Kritik seitens der Regierung gekommen sei. Alexander Skipis ergänzte: „Es standen dabei klar wirtschaftliche und machtpolitische Interessen im Vordergrund.“

Günter Wallraff erzählte, dass er die Beleidigungen im Internet zwar ignoriere, aber wenn möglich immer versuche mit Leuten im realen Leben zu reden. „Wir dürfen keine Feindbilder schaffen, sondern den Dialog suchen.“ Nur mit Nazis könne man nicht reden, diese Erfahrung habe er mehrmals machen müssen.

Auch Skipis berichtete von persönlichen verbalen Angriffen gegen ihn, beispielsweise nach einer Mahnwache für inhaftierte Autoren in der Türkei. „Wenn die Sprache verroht, ist der Schritt zur Gewalt nur noch klein“, so Skipis. Wenn das Unsagbare sagbar werde, brauche es Regeln – auch im Internet. Wallraff erklärte, dass man im Kleinen beginnen müsse, etwa mit einem Fach „Medienkompetenz“ für Schüler.

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