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Buchmesse Dündar, Erdogan und Sönmez über Presse in der Türkei

Drei Exilpublizisten, Can Dündar, Asli Erdogan und Burhan Sönmez, sprechen über den Kampf für eine bessere Türkei.

Can Dündar und Asli Erdogan
Can Dündar, Ex-Chefredakteur der „Cumhuriyet“, und die mehrere Monate inhaftierte Autorin Asli Erdogan auf der Buchmesse. Foto: dpa

Die türkischen Publizisten – was können sie eigentlich bewirken in Zeiten der staatlichen Unterdrückung? Wie laut sind ihre Stimmen? Die Frage ist eine der ersten am Donnerstag beim Podiumsgespräch „Schreiben im Exil“, nachdem der Fotografenrummel um die drei prominenten Gäste etwas abgeklungen ist. Nun, sie selbst sei als Autorin eigentlich schon vergessen gewesen, antwortet Asli Erdogan. Erst als sie begann zu stören, als sie deswegen vom Regime verfolgt und eingesperrt wurde, habe die junge Generation sie plötzlich wieder willkommen geheißen. 

Aber bewirken? Die Schriftstellerin überlegt. „Ich versuche es“, sagt sie dann. Der Staat habe 95 Prozent Kontrolle über die Medien. „Ich flüstere ins Ohr und hoffe, langsam etwas zu verändern.“
Ob er ebenfalls flüstere, fragt Buchmesse-Direktor Juergen Boos den in Berlin lebenden, gleichfalls über Monate inhaftierten Journalisten Can Dündar, Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung Cumhuryet. „Ich schreie!“, kommt die Antwort wie aus der Rotationsdruckmaschine geschossen, „das ist nötig, um gehört zu werden.“ Eine Schriftstellerin dürfe flüstern, aber ein Journalist müsse laut sein, den Unterdrückten eine Stimme geben.

Aber wie? Man dürfe nicht publizieren in der Türkei, wenn man dem Erdogan-Apparat widerspreche, nicht in Zeitungen, nicht im Rundfunk. Wenigstens habe man das Internet, sagt Dündar, aber seine Website „Özgürüz“ (Wir sind frei) sei schon gesperrt worden, ehe sie wirklich online gehen konnte. „Wir nutzen alle Kanäle“, sagt Dündar, Facebook, Twitter; die Arbeit sei schwierig und gefährlich für die Reporter.

Burhan Sönmez, dritter Podiumsgast, kurdischer Autor und Journalist, hat allzu lang in sein eigenes Ohr gesprochen, wie er sagt: sich immer wieder Mut gemacht, dass er gesund werde und ein glücklicher Mann. 1996 hatte ihn die Polizei schwer verletzt, worauf er in Großbritannien gesund gepflegt werden musste. „Es ist für die Menschen in der Türkei keine Option, ruhig zu bleiben“, sagt er. „Wir müssen reden, Laut geben.“

Das sei besonders wichtig für die 180 immer noch inhaftierten Kollegen in der Türkei, sagt Asli Erdogan. „Wir sind ihre Stimme“, insofern möchte sie sich gern korrigieren: nicht flüstern. „Ich versuche, auch zu schreien. Ich versuche, die Stille zum Schreien zu bringen.“ Sie habe in der Zeit, als man ihr am übelsten mitspielte, alles getan, um Nachrichten zu schmuggeln, erzählt sie, „an allen Stellen meines Körpers“. Die Beharrlichkeit zahle sich am Ende aus: „Eine dieser Nachrichten wurde hier auf der Buchmesse vorgelesen.“

„Die Buchmesse ist ein wichtiger Ort zum Schreien für uns“, sagt Dündar. Es gelte auch hier, eine Botschaft zu senden an die Journalisten und Autoren in den Gefängnissen: „Wir sind bei euch, wir machen eure Geschichten international.“ Und zugleich eine Botschaft an die türkische Regierung: „Wenn ihr einen Journalisten anrührt, machen wir seinen Fall größer und international.“ Ob sie Hoffnung hätten, fragt Boos die drei. „Ich bin optimistisch, aber glaubt mir nicht“, sagt Sönmez, „wir haben beschlossen, es gibt eine bessere Türkei, aber ich habe inzwischen ja auch einen britischen Pass.“ – „Ich bin sehr optimistisch“, sagt Dündar: „Trotz aller Unterdrückung sagt dieses Land immer noch Nein.“ Und Asli Erdogan schildert: „Je verzweifelter du bist, desto mehr lernst du, zu hoffen.“

Wie verzweifelt die Lage für einen Autor im Gefängnis sein kann, verdeutlicht die Geschichte, die Dündar erzählt: Ein Inhaftierter habe die Anstaltsleitung gefragt, ob es in der Gefängnisbibliothek die Bücher eines bestimmten Kollegen gebe. Antwort: „Wir haben nicht die Bücher hier, aber wir haben den Kollegen.“ Den Zuhörern bleibt das Lachen im Halse stecken. Es gibt großen Applaus für die drei ungebrochenen Publizisten.

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